Sonntag, 19. Mai 2013

Eurovision - ein Fernsehprotokoll.

Ich schaue nie Fernsehen. Nie. Wir haben noch nicht mal einen Fernseher.
Aber.. es gibt feste Termine im Jahresverlauf, an denen selbst ich unbedingt vor der Glotze (in dem Fall vor dem PC) hängen muss. Das ist die Übertragung des Eröffnungsgottesdienstes vom Evangelischen Kirchentag, die neuen Märchenverfilmungen und Aschenbrödel zu Weihnachten und.. der Eurovision Song Contest. Nun ja. Muss ja wissen, was in der Welt so los ist, damit man in seinem Kuhdorf nicht ganz wie hinter dem Mond lebt. Und damit man mitreden kann.

Na jedenfalls saß ich nun gestern Abend pünktlich 21 Uhr (den Countdown-Quatsch von der Hamburger Reeperbahn muss man sich ja echt nicht anschauen) auf meinem Sessel. Live-Übertragung aus Malmö: 

Die Teilnehmer marschieren über eine in der Luft über dem Publikum hängende Brücke ein. Inklusive Fahnenträgern. Begleitet von einem pompösen Choral. Ein bisschen komme ich mir vor wie bei den olympischen Spielen.

Den ersten Beitrag liefert Frankreich. Ich finde ihn fürchterlich. Die Sängerin (in viel zu knappem schwarzen Fransenkleid, um Gottes Willen, da sieht man ja alles!) steht da, als müsste sie ganz dringend aufs Klo und weiß irgendwie nicht so richtig, wohin mit ihren Händen. Ständig fuchtelt sie damit in der Luft herum. Als die Kamera näher zoomt, kann ich das Zittern ihrer Finger sehen. Siehste, auch Profis können noch ganz schön aufgeregt sein.

Auch die Acts, die nach ihr dran sind reißen mich nicht vom Hocker. Ich habe das Gefühl, jedes der Lieder irgendwo schon einmal gehört zu haben. In diesem Jahr scheinen Backgroundsänger und -innen anscheinend ganz hoch im Kurs zu stehen. Bei allen darauffolgenden vier oder fünf Songs zappeln überschwänglich strahlende Damen an Mikrofonen im Hintergrund. Warum? Ist das der seelische Beistand, damit sich der Sänger oder die Sängerin nicht so allein und verloren auf der riesigen Bühne vorkommt? Und dann die ganzen Licht- und Nebelmaschineneffekte! Halbnackte, knackige Tänzer auf der Bühne. Videowände, die Songzeilen und virtuelle Landschaften einblenden. So ein enormer Aufwand. Wahrscheinlich, um davon abzulenken, dass die Lieder alle ziemlich primitiv und gleich-klingend sind.

Aber dann. Birgit, die für Estland antritt, ist eine schwangere Studentin. Oh, noch eine. Ein ganzer Haufen Sympathiepunkte kullern schon zu ihr rüber, bevor sie überhaupt angefangen hat zu singen. 
Eine Ballade. Über einen Neubeginn. Na, wenn das nicht passt. Ich erwische mich dabei, wir ich mir verstohlen ein paar Tränchen aus dem Augenwinkel wische. Ach ja. Ihr weites, weißes, wunderschönes Kleid verbirgt geschickt den Bauch, den sie jetzt schon haben muss. Voller Inbrust schmettert sie den Song und fasziniert mich so sehr, dass ich die drei Backgroundsängerinnen erst kurz vor Ende bemerke.

Weißrussland. Ich habe den Eindruck, man versucht krampfhaft, Shakira zu kopieren. Die Sängerin hat auch durchaus Ähnlichkeiten. Trotzdem bleibt es bei einem peinlichen Versuch. Wie, bitte, kommt denn ausgerechnet Weißrussland auf Latino-Rhythmen? Das Kleid der Aljona Lanskaja ist eher "mit Lametta behängte Unterwäsche" (danke, Stern.de!) und der Song, um welchen es ja eigentlich geht, ist viel zu steif. Wenigstens könnte man in der Tanzschule wunderbar Samba damit lernen.

Der Teilnehmer für Malta ist Kinderarzt. Ein sympathischer Mensch. Und die ganze Zeit lächelt er so unerschütterlich freundlich, vielleicht auch ein wenig frech und verschmitzt, dass man ihn einfach lieb haben muss. Genau so ein Onkel Doktor, wie in den Kinderbüchern immer abgebildet wird. Vor dem die Kinder keine Angst haben müssen, weil er einfach der netteste Mensch der Welt ist. Mir geht es ähnlich wie bei der schwangeren Estin: noch bevor das Lied überhaupt beginnt, bin ich hin und weg und grenzenlos begeistert.
Dann der Song. Er ist wunderbar. Er ist frisch, fröhlich, wie ein leichter Sommermorgen. Er lässt mein Herz seltsam warm werden. Er zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Er landet schon nach den ersten Takten ganz oben in meiner persönlichen Hitliste. Das Beste, was ich bisher an diesem Abend zu hören und zu sehen bekommen habe! Als der Schlussakkord ausklingt bin ich ein bisschen traurig.

Danach geben sich wieder eine Reihe langweiliger, immer die gleichen Mittel bedienende Songs die Klinke in die Hand. Auch Deutschland ist darunter. Cascada war und ist und wird nie mein Fall sein. Abwechslung bringt erst Rumänien. Oh Gott. In der Zeitung hatte man diesen Mann schon ganz groß angekündigt. Ein Startenor. Seine ekelhaft hohe Stimme erinnert an Kastraten am Hofe des Sonnenkönigs in Versailles. Na gut, es ist originell, es ist schräg, es ist mal was anderes. Trotzdem ist das Lied einfach nur grauenhaft, ebenso wie das Bühnenbild und sein Draculakostüm. Gruselig. Aber das sollte es ja anscheinend auch sein.

Mittlerweile zeigt die Uhr viertel nach zehn. Ich gähne und strecke mich ausgiebig, aber meine Müdigkeit verschwindet nicht so einfach. Für einen kurzen Moment muss ich der Versuchung widerstehen, einfach mein Bett aufzusuchen. Die Neugierde ist größer. Auf Rumänien folgt Bonnie Tyler für Großbritannien (Wie alt soll sie sein? Anfang 60? Da hat die Schönheitschirurgie ja eine reife Leistung vollbracht), Gastgeber Schweden ("Milchbubi im Arztkittel", Stern.de beschreibt treffend!), Ungarn (ein Hipster wie aus dem Bilderbuch, komisches Lied auf ungarisch, gefällt mir ein kleines bisschen, nur die Backgroundsängerin macht wieder alles kaput).

Dänemark wird schon seit Wochen als der Top-Favorit gehandelt. Man ist sich eines Sieges schon fast gewiss, heißt es. Ach ja? Na also, das Lied klingt, als hätte man es schon tausend mal im Radio gehört. Die Show ist weder besser noch schlechter als Vorangegangenes. Was soll daran besonders sein? Dass Emmelie de Forest Barfuß auf der Bühne steht? Na und?

Der Song von Island ist schön und ruhig, auch interessant, weil er auf isländisch gesungen wird und der Sänger aussieht wie ein leibhaftiger Wikinger.. dann fallen mir auf meinem Sessel die Augen zu.
Als ich sie blinzelnd wieder öffne, ist der Titel von Aserbaidschan gerade vorbei. Shit. Als danach die griechische Band die Bühne betritt, bin ich auf einmal hellwach. Ska! "Alcohol is free" nennt sich das Stück und ist genau so, wie ich es mag: Akkordeon und Trompete, ein stampfender, mitreißender Rhythmus, gute Laune. Das übertrifft sogar den Kinderarzt aus Mata. Einfach fantastischst! Ich bin sofort Feuer und Flamme. Ab jetzt heißt mein Favorit Griechenland. Ihr müsst gewinnen Jungs!

Von den letzten fünf Interpreten ist nur noch Italien nennenswert. Den Rest hat es irgendwann an diesem Abend schon einmal gegeben. Warum fällt den niemandem mehr was neues ein? Muss immer alles schnulzige Ballade oder leichter Discopop sein? Gibt doch noch andere Genres. Meine Güte, so schwer ist das doch nicht. Immerhin, Italien: Zwar eine jüngere Ausgabe von Eros Ramazotti und eine typisch italienische, aus allen Poren triefende Herzschmerz-Ballade aber... endlich, endlich, endlich mal nur der Sänger auf der Bühne. Sonst nichts, keine Tänzer, keine Backgroundsänger. Ganz wunderbar schlicht und ergreifend. Also, geht doch. Darauf habe ich nun zwei Stunden warten müssen.

Um elf sind alle Starter durch, die Abstimmung beginnt. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle spätestens schlafen gehen. Aber wenn man schon mal so lange wach geblieben ist, möchte man auch wissen, wer gewonnen hat. Also. Während jedes der 39 Länder einzeln nach der Punktvergabe befragt wird, räume ich das dreckige Geschirr in die Küche und putze meine Zähne.
Um halb eins steht endlich das Ergebnis fest. Surprise, Surprise, Dänemark gewinnt, sieh an, wer hätte das gedacht. Natürlich hat man es schon vorher gewusst. Der Top-Favorit gewinnt. Wie überraschend, haha. Warum habe ich mir die ganze Sendung überhaupt angesehen? Enttäuschend.

Um eins liege ich schließlich in der Heia und habe das Gefühl, an diesem Abend wertvolle Lebenszeit  unnötig mit dem ESC verschwendet zu haben. Bevor ich in das Reich der Träume abtauche, nehme ich mir vor, diesen Blödsinn im nächsten Jahr nicht mehr anzuschauen.
Wir werden sehen.