Freitag, 28. Juni 2013

„Loser Generated Content“? – Über das partizipative Web und seine Akteure.

Bernd Graff hetzt in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung gegen die „Idiotae“, die „Diskutanten des Netzes“, die seiner Meinung nach ohne nötige Sachkenntnis Informationen und Meinungen im World Wide Web verbreiten und „Debatten und Aufstände anzetteln“ würden und denen es dabei einfach an Qualität, an Niveau, zum Teil auch an wahrheitsgemäßen Fakten mangele. Er verurteilt die zunehmende Entwicklung der Gesellschaft weg von etablierten, konservativen Medien hin zu einem Netz aus vielen Individuen, die gemeinsam Inhalte schaffen, Informationen und Wissen verbreiten können.
Damit stößt Graff keinesfalls eine neue Debatte an. Der Streit um Nutzen und Nachteil eines Internets, an welchem jeder teilhaben, jeder mitwirken kann, währt schon einige Jahre. Die Positionen gehen dabei weit auseinander.

Das neue Web hat Möglichkeiten eröffnet, die uns bis dahin einfach verschlossen geblieben waren: Tausend Informationen auf einen Klick, freier Meinungsaustausch mit Menschen aus aller Welt, eine Vielfalt von Ideen und Anregungen, von hilfreichen Beiträgen und nützlichen Tips und Tricks. Noch nie ist es so einfach gewesen, so viele Leute in relativ kurzer Zeit für eine, für seine! Sache zu begeistern, als über das Internet. Erinnern wir uns an den Auslöser des arabischen Frühlings: Ein junger Internet-Nutzer brachte mit seinem Beitrag einen gewaltigen Stein ins Rollen, der bis heute nicht zum Stillstand gekommen scheint.
Und noch nie war es so einfach, schnell zu einer Frage Expertenrat einzuholen, spezifische und detaillierte Informationen zu einer unglaublichen Menge Themen zu finden. Das Internet weiß praktisch einen Rat für jede Lebenslage, schließlich gibt es immer irgendwo auf der Welt Menschen, die irgendwann einmal gleiche Sorgen und Probleme hatten und dies in einem der Millionen Foren ausführlich diskutierten.

Nun liege hier allerdings die Problematik des partizipativen Webs, des Netzes der Beteiligung, warnen Graff und seine Gesinnungsgenossen. Und Unrecht haben sie damit keineswegs.
Dass jeder Mensch dieses Planeten, unabhängig von seiner Kultur, Staatsbürgerschaft, politischem Standpunkt, Religion, und seinem Bildungsstand oder Intelligenzquotienten alles mögliche sehr einfach im Netz verbreiten kann, seien es Fotos, Meinungen, Fakten oder dergleichen, ist auf der einen Seite eine brillante Errungenschaft, auf der anderen jedoch ein riesengroßes Problem, dass eine Menge Gefahren birgt.

Betrachtet man beispielsweise die Verbreitung von Informationen, wird dies sehr deutlich: Nicht jeder Fakt, der online kursiert, entspricht automatisch der Wahrheit. Dies ist manchmal schon auf den ersten Blick ersichtlich, meistens jedoch nur sehr schwer nachprüfbar. Gerüchte und/oder bewusst manipulierte Informationen erfahren über das Internet eine schnelle, flächendeckende Verbreitung, die Mund-zu-Mund-Propaganda um ein Vielfaches übertrumpft und verstärkt. Die Vermutung einer einzelnen Person, geäußert zum Beispiel im populärsten sozialen Netzwerk Facebook, Angelina Jolie könne vermutlich ein Kind erwarten, verselbstständigt sich binnen Minuten und Stunden zu dem vermeintlich wahren Fakt „Angelina Jolie ist schwanger“. Dem schenken tausende, wenn nicht gar Millionen Menschen Glauben, ohne seine Quelle auf Seriösität und Wahrheitsgehalt zu hinterfragen.
Fehlinformationen solcher Art ziehen nun vielleicht weniger ernsthafte Folgen für den Betroffenen nach sich. Wenn nun aber ein vermeintlich Sachverständiger in einem Forum kundtut, im Koran würde zum Mord an Frauen aufgerufen? Einige Leser werden vermutlich diese „Information“ für bare Münze nehmen und sie als gerechtfertigte Begründung für massive Diskriminierung und Gewalt von und an Muslimen sehen.

Das Paradebeispiel falscher oder einseitiger Informationen ist wohl die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. Wir alle wissen um deren Offenheit, die Möglichkeit eines jeden, sein Wissen ergänzend einzubringen. Und wir alle wissen auch um manche Fehler, der sich zwischen Anderem, sehr Nützlichem und Wahrem verbirgt. Aber wie sollen wir ihn erkennen? Wir alle haben das virtuelle Lexikon schon mindestens einmal konsultiert und waren nicht selten angetan von der Masse und vor allem von der Dichte an Fakten, die es uns bietet. Und wir ließen uns täuschen von Fachsprache und –wörtern, die uns Wahrheit, ja Seriösität suggerierten.

In sofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Graff in seinem Artikel die „etablierten Formen der Informationsbildung“, also Tageszeitungen, Magazine und Ähnliches, zurück an die Macht wünscht und für diese Qualität, wie er andeutet, deren undemokratisches, elitäres Denken gern in Kauf nehmen würde. Aber auch in Zeitungen sind wir vor falscher Information, zur Wahrheit stilisierten Vermutungen, als Tatsache verkauften Vorurteilen und radikalen Meinungen nicht sicher. Die Bild-Zeitung ist wohl ein eindrucksvolles Beispiel für das, was sich definitiv nicht mehr als Qualitätsjournalismus bezeichnen lässt.

Die Gefahr, Fehlinformationen Glauben zu schenken ist allgegenwärtig – und sie wird sich auch nicht bannen lassen. Da hilft es nicht, das partizipative Web als furchtbar problematisch zu verteufeln. Vielmehr sollten wir uns doch dieser Gefahr immer bewusst sein und lernen, damit umzugehen.

Kunden-Bewertungsfunktionen von Onlineshops und Reiseanbietern beispielsweise zeigen ein durchaus realistisches Bild und unterstreichen die Vorteile von Mitwirkung im Internet:
Dadurch, dass jeder eine Rezension verfassen und zum Beispiel das Produkt mit Sternen oder Ähnlichem bewerten kann, entsteht eine umfangreiche Einschätzung, die es dem potentiellen Kunden ermöglicht, sich selbst eine Meinung zu bilden. Gerade weil so unglaublich viele sich beteiligen können und es auch tun, ist es möglich, viele unterschiedliche Ansichten und Erfahrungen zu lesen, um sich selbst schlussendlich ein Bild zu machen: „Überwiegen für mich positive oder negative Einschätzungen? Kann ich über angeführte Mängel bei diesem Preis vielleicht hinweg sehen?“
Erst, wenn eine größere Menge von Menschen unterschiedlicher Meinung und mit unterschiedlichem Wissen aktiv im Netz tätig ist, kann so etwas wie eine Selbstkontroll-Funktion entstehen: unmöglich falsche, absolut niveaulose, hetzerische, ... Kommentare von Usern mit radikalem oder sehr kontroversem Inhalt werden von anderen Nutzern kritisiert, relativiert oder entkräftet. Sich dann mit den vielen geäußerten Meinungen und Argumenten auseinander zu setzen, kann nützlich sein, sich selbst einen eigenen, begründeten Standpunkt zu schaffen.

Dies setzt allerdings voraus, dass man im Stande ist, Argumente und Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, sofern dies möglich ist, und im Zweifelsfall mehrere Quellen zu Rate zu ziehen. Das beinhaltet auch, dass wir im lernen, falsche von wahrer Information zu unterscheiden und immer kritisch gegenüber Wissen aus dem Internet zu sein. Stichwort hier ist „Medienkompetenz“. Das weltweite Netz birgt zwar eine Reihe von Gefahren und kann durchaus manchmal in einigen Punkten als problematisch gesehen werden. Nichtsdestotrotz hat es aber auch eine Reihe von Vorzügen und positiven Aspekten aufzuweisen, eben zum Beispiel die Möglichkeit der Meinungsbildung, aber auch andere wie der Tausch von Hörspielen in legalen Tauschbörsen, Organisation von schneller Hilfe wie erst kürzlich beim Juni-Hochwasser in Sachsen und so weiter...

Was wir brauchen, ist lediglich die Fähigkeit, mit all den Daten und Informationen kritisch und verantwortungsbewusst umzugehen und ein gesundes Misstrauen gegenüber Wikipedia und Co. Darum sollte, statt über Sinn und Unsinn vom „Beteiligungsnetz“ zu debattieren, viel eher über eine dauerhafte Einführung des Unterrichtsfachs „Medienkompetenz“, durchaus auch schon an Grundschulen, nachgedacht werden. Je eher man lernt, mit der Masse an Info’s, richtige wie falsche, umzugehen, desto besser.
Partzipatives Web? Ja! Aber nur, wenn man damit auch umgehen kann. Und das können momentan leider nicht alle.




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Anm. d. Autorin:
Obiger Text entstand zum größten Teil während einer Unterrichtsarbeit zur Vorbereitung auf das zentrale Deutsch-Abi 2014 für den Leistungskurs. 
Grundlage ist, wie im Text angedeutet, der Artikel von Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung vom 08./09.12.2007, gekürzte Fassung (Text online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/digital/die-neuen-idiotae-web--1.335426).

Aufgabenstellung war folgende:
[Analysieren Sie, wie der Autor seine Position argumentativ entwickelt, berücksichtigen Sie dabei auch ausgewählte sprachliche Mittel.]
Schreiben Sie einen Kommentar für eine Tageszeitung, in dem sie sich, ausgehend von Graff's Position, mit Beteiligungsmöglichkeiten im "Partizipativen Web" auseinandersetzen.
Ihr Kommentar sollte etwa 800 Wörter umfassen. Wählen Sie eine geeignete Überschrift.

So, das ist nun meine Lösung für den Kommentar. Ich weiß nicht, wie gut oder schlecht das ist. Nur falls jemand auf die Idee kommt, das zu kopieren: Meinetwegen. Aber ich übernehme keine Garantie.
Es sind 1.121 Wörter, übrigens.