Donnerstag, 1. August 2013

Tag X.

3:00
Ich habe irgendwie ein bisschen Rückenschmerzen. Zumindest ziept es da hinten. Und mein Bein tut weh. Kann nicht mehr schlafen; weiß nicht so richtig, wie ich mich hinlegen soll. So ein Mist. Stehe schließlich auf und stecke das Kirschkernkissen in die Mikrowelle. Gegen Rückenschmerzen soll Wärme helfen. Na, mal sehen.

4:00
Sitze seit einer halben Stunde wach im Bett. Das sind komische Rückenschmerzen: wie eine warme Welle, kommen aller 6-7 Minuten und werden langsam stärker, bevor sie wieder abflachen. Habe mal diese tolle Wehenatmung probiert, die wir im Geburtsvorbereitungskurs gelernt haben. Hilft!

4:30
Der Herzensmensch wird von meinem lauten Geatme wach und blinzelt verschlafen ins graue Morgenlicht: "Was ist denn mit dir los?". Ich bin zu sehr mit atmen beschäftigt, um ihm zu antworten. Schließlich kommt er von selbst auf die Lösung: "Sind das Wehen, Schatz?"
Ach.

4:45
Wir sitzen nebeneinander im Bett. Mein Freund hat den großen neuen Funkwecker in den Händen und verfolgt akribisch den Minuten- und den Sekundenzeiger. Er hat in letzter Zeit sämtliche Schwangerschaftsratgeber gelesen und will nun alles richtig machen. Wehen mit Geburtsbestrebung dauern in der Anfangsphase 30-60 Sekunden an, werde ich belehrt. Wenn ich laut "Jetzt" sage, stiert er auf den Sekundenzeiger und wir atmen gemeinsam. Laaang einatmen, laaang ausatmen, laaang einatmen, laaang ausatmen, laaaang einatmen,... Und schließlich ein erleichtertes Schnaufen meinerseits.
Der Herzensmensch strahlt: "Schatz, das sind wirklich Geburtswehen!"

4:50
Die Wehen kommen in fast regelmäßigen 7-Minuten-Abständen. Vielleicht sollten wir jetzt doch langsam aufstehen und uns anziehen? Außerdem habe ich unglaublichen Hunger. Und auf's Klo muss ich auch.
"Um fünf steh' ich auf", sage ich und fange wieder an, laut zu atmen.

5:10
Zeichnungsblutung in der Unterwäsche. Na lecker. Schnell nochmal den Ratgeber genommen und nachgelesen: Aha, am Muttermund tut sich etwas. Schön. Aber ob ich jetzt noch etwas frühstücken darf weiß das Buch auch nicht.
Egal. Hab Hunger. Der Herzensmensch deckt den Frühstückstisch.

5:20
Eltern wecken. Irgendjemand muss frau ja später in die Klinik fahren.
Komischerweise bin ich kein bisschen aufgeregt, sondern ganz ruhig. Mein Herz klopft nicht übermäßig schnell und kein Körperteil zittert. Stattdessen eine tiefe, tiefe Freude. Ich weiß, was auf mich zukommt. Und genau darauf habe ich so lange gewartet.

5:50
Wir sitzen alle zusammen am Frühstückstisch: meine Eltern, mein Freund und ich. Ich glaube, ich bin die Enspannteste von allen hier. "Hast du auch wirklich alles in deiner Tasche?", fragt Mutti zum fünften Mal und zum fünften Mal nicke ich und sage: "Schon seit 4 Wochen". Mein Freund tippt hektisch auf seinem Handy: "Ausgerechnet heute habe ich Frühdienst!"
Dämliches Dauerlächeln auf meinem Gesicht. Ich schaue auf den Kalender: der 1. August. Was für ein schönes Datum. Dann schmiere ich mir das dritte Brötchen auch noch. Wer weiß, wann es wieder etwas zu essen gibt.

6:15
Wehen aller fünf Minuten. Jetzt schon? Die Schmerzen habe ich mir viel schlimmer ausgemalt. Bin fast ein bisschen enttäuscht, dass es nur ein Ziepen im Rücken ist. Sind das etwa doch keine echten?
Meine Familie scheucht mich ins Auto.

7:10
Ankunft an der Kreißsaaltür. Hatte seit 8 Minuten keine Wehen. Na toll.
Und jetzt: der spannende Augenblick! Seit 40 Wochen habe ich diese Worte immer und immer wieder vor dem Spiegel geübt, mir diesen Moment als einer der großartigsten, aufregendsten Momente meiner Entbindung vorgestellt: Endlich darf ich an der Kreißsaaltür klingeln. Es knirscht in der Sprechanlage, dann eine Stimme: "Kreißsaal. Hallo?"
Stolz wie Bolle flöte ich zurück: "Hallo, hier ist die Frau __________. Ich habe Wehen."

8:00
Seit fast einer Stunde hänge ich an dem blöden CTG-Gerät. Wehen sind wieder da. Und wie ich finde - ziemlich regelmäßig. Weh tut's mittlerweile auch. Aber trotzdem - mehr wie Blähungen ist das auch nicht.
Mir ist langweilig. Der Herzensmensch und Mutti dösen auf ihren Stühlen vor sich hin. Ab und zu wird einer wach, um mit mir zu atmen oder mich zu fragen wie es mir geht. Nunja, könnte besser sein. Irgendwie ist mir übel und mein Bein tut weh.

8:10
Eine Hebamme steckt ihren Kopf zur Tür herein. Mit dem Blick auf die meterlange Papierschlange mit Kind-Herzschlag- und meiner Wehenkurve, die sich über den Boden rollt, meint sie: "Na, das hügelt ja schon kräftig. Aber immer noch unregelmäßig". Was?

8:45
Zurück von der letzten gynäkologischen Untersuchung. "Braaaavo! Ganz super, sehr sehr schön. Das ist ja richtig toll!", freut sich die Ärztin euphorisch, während sie mit ihren Fingern sonstwo 'rumtastet, "Sie haben schon richtig viel geschafft, ihr Muttermund ist 4 cm offen und butterweich". Ich bin ein bisschen überrascht. Weiß nicht richtig, ob ich mich freuen soll oder darüber enttäuscht sein, dass es jetzt noch ziemlich lange dauern wird. Schließlich fehlen da noch 6 cm. Aber immerhin: die 4 cm waren ja ganz easy. Kann der Rest auch nicht mehr so schwer sein.

9:00
Sitze mit Herzensmensch und Mutti im Kreißsaal und nehme mein zweites Frühstück ein. Aber viel passt nicht mehr in meinen Magen. Habe auch das Gefühl, dass das erste Frühstück gerade auf dem Weg zurück nach draußen ist. Mir ist furchtbar, furchtbar, furchtbar übel! Kann aber noch lachen, als die Hebamme mich fragt, ob ich gern einen Einlauf hätte. Damit beim pressen später nichts falsches mit 'rausrutscht. Dann erst merke ich, dass sie es ernst meint. Entsetzt lehne ich ab, sehe aber aus den Augenwinkeln, wie mein Freund ein bisschen blass um die Nase wird. Na gut. Dann eben doch. Will es ja für alle Anwesenden so angenehm wie möglich gestalten.

9:20
Jetzt habe ich definitiv keinen Hunger mehr. Mir ist schlecht. Und warm. Verdammt, warum ist es draußen so heiß? Meine Wehen sind mittlerweile in den Rücken verrutschte, sehr üble Bauchkrämpfe. Was haben wir um Vorbereitungskurs gelernt? Sich entspannen. Auf die Atmung konzentrieren. Spazieren gehen. Also. Ich schnappe mir meinen Anhang. Zu dritt drehen wir Runde um Runde zwischen Kinderstation, Urologie und Gynäkologie und reden über belanglose Sachen ("Im Wetterbericht haben sie gesagt...", "Gestern kam im Radio, dass...", "Als ich klein war hatte ich..."). Werden nur ständig von meiner Atmerei unterbrochen. Dann stütze ich mich vorgebeugt auf das nächstbeste Ding und schnaufe lautstark wie ein altes Nilpferd. Die anderen Leute kucken schon ganz komisch. Aber das ist mir sehr egal.

10:00
Ich möchte zurück in den Kreißsaal. Irgendwie sagt mir mein Gefühl (und das Ziehen im Rücken!), dass ich sonst womöglich mein Küken auf dem Gang entbinden muss. Der Herzensmensch quetscht aufgeregt meine Hand. Hat er die Wehen oder ich?

10:30
Jetzt ist dieser Augenblick da, von dem man uns immer im Kurs erzählt hatte. Mein Freund bemerkt ihn noch eher als ich, nämlich als ich sage: "Ich will nicht mehr. Ich geh nach Hause" und dabei ein paar Tränen kullern lasse. Ich habe wirklich keine Lust mehr. Mein Rücken tut weh, mein Bein schmerzt, mir ist speiübel und ich sitze nun schon seit dreieinhalb Stunden in diesem blöden Krankenhaus und nichts passiert, außer, dass mir mein Rücken immer mehr weh tut. Nicht einmal die Fruchtblase ist schon geplatzt... Ich will endlich Presswehen, drücken, mein Baby!
"Siehst du Schatz", freut sich der Herzensmensch, "das ist der Moment. Jetzt dauert es nicht mehr lang!" Sein Lächeln vergeht ihm, als ich wieder laut schnaufend ein- und ausatme. "Tut's sehr weh?", fragt er besorgt. "Nee.", sage ich, als ich wieder reden kann und schiele zum CTG-Gerät. Das schreibt fleißig Wehenberge und -täler und mittlerweile schöner Regelmäßigkeit. Wenn man sich Dinge einredet, glaubt man sie auch irgendwann, richtig? Estutnichtwehestutnichtwehestutnichtwehestutnichtweh...

11:00
Gerade eben habe ich noch gedacht: 'Ooooch, was manche Frauen haben, also sooo schlimm sind Wehen ja nun wirklich nicht, das hält man aus...', da ist schon die nächste Wehe da und ich überlege, mir doch ein Schmerzmittel geben zu lassen.

------- Hier setzt meine Erinnerung aus --------

12:39
Es ist, als würde ich aus tiefem Schlaf erwachen. Überall sind Stimmen. Alles redet durcheinander. Und gleichzeitig mit dem Schrei eines Babys höre ich von irgendwo her: "Ein Junge. Es ist ein kleiner Junge!"
Schlagartig bin ich wieder da. Da ist mein Freund. Er hat Tränen in den Augen. Ich höre: "Wollen Sie die Nabelschnur durchtrennen?" und sehe ihn zwischen meinen Beinen verschwinden. Dort sind auch Leute, die ich vorher noch nie gesehen habe. Ist mir egal.
Es ist da, denke ich.
Er ist da.
Und dann denke ich erst einmal gar nichts mehr.
Als das zappelnde, brüllende Bündel in einem gelben Handtuch auf meiner Brust liegt, muss ich lachen und weinen gleichzeitig.