Samstag, 17. Januar 2015

Küche für Chaoten und Fortgeschrittene. Oder: Cranberrymatschschokounfall.

Das (alte) neue Jahr beginnt mit Altlasten. Den Cranberrys im Kühlschrank zum Beispiel. Waren ein lieb gemeintes Süßigkeiten-Ersatz-Geschenk zu Weihnachten. Es sind rohe Cranberrys. Habe ich noch nie zuvor gesehen: kleine, rote, eiförmige und feste Beeren. Etwa halb so klein wie Datteltomaten, von der äußeren Form und Konsistenz her aber ähnlich - und schreien pink. Vielleicht hatte ich gehofft, dass das Schälchen irgendwann zu mir sprechen und mir verraten würde, was mit ihm zu tun sei. Es ist natürlich nicht eingetreten. Die pinken Kullern liegen unverändert da, wo ich sie am Heiligen Abend abgestellt habe. Ich fasse mir ein Herz und beiße in eine der Beeren, vielleicht kann man die ja so... Bäh. Schmeckt gigantisch ekelhaft.
Die beigelegte Broschüre verrät mir neben dem fettgedruckten Hinweis auf gute Bekömmlichkeit und hohen Vitamingehalt immerhin, dass man die Beeren für eine Soße in nachgesüßtem Apfelsaft kochen solle.

Ich beschließe einen Kuchen zu backen, weil mir Stollen und Pfefferkuchen schon dermaßen zum Hals raus hängen.
Ein Schokokuchen bietet sich an, um noch andere unliebsame Weihnachtspräsente zu vernichten: silberfolierte Schokoladen-Hohlkörper-Figuren. Für das (übrigens vegane) Grundrezept benötigt man (und frau):
- 380 g Mehl
- Zucker nach Eigeneinschätzung
- 1 Pck Backpulver
- 2-5 Essl. Kakaopulver
- 150 ml Pflanzenöl und 400 ml andere Flüssigkeit (z.B. Wasser)
- 1 Pr Salz
und gehackte Schokolade.

Alle Zutaten, bis auf die Flüssigkeit und die Schokolade mit Schwung in eine Schüssel schmeißen. Dann die Cranberrys in einem Apfelsaft-Zucker-Gemisch auf den Herd stellen (Achtung! Die Dinger platzen und spritzen pinkes Innenleben vorzugsweise dahin, wo man es nicht haben will) und so lange kochen, bis es einem roten Innereien-Matsch ähnelt.



Währenddessen die Weihnachtsmänner töten.
Es ist herrlich befreiend, Santa erst zu häuten, um ihm dann mit dem großen Fleischermesser den Kopf abzutrennen. Und sich dann am Rest des Körpers alle angestaute Weihnachtsfeiertageneujahrswut aus dem Bauch hacken.
Stirb Weihnachtsmann, STIRB!



Das Hack dann in die Schüssel mit den restlichen Zutaten kippen.

Mit dem gekochten Cranberry-Innereien-Matsch passiert folgendes:
Den Inhalt des Topfes durch ein Sieb in einen Messbecher schütten. Im Sieb sammelt sich das (Frucht)Fleisch, welches man unter Zuhilfenahme eines Quirls und versteckten sadistischen Neigungen weiter penetriert, um aus ihm auch noch den letzten Schluck Saft zu pressen. Das Übrige aus dem Sieb kommt in die Zutatenschüssel.



 Wo wir doch schon mal so herrlich sadistisch eingestellt sind, erquickt der wunderbar blutrote Cranberry-Fond (aus dem Messbecher), der sich zischend zwischen gehackten Weihnachtsmännern ergießt, das junge blutdurstende Herz.
 Und wie sich nun brodelnd und blubbernd Cranberry-Matsch und restliche Zutaten unter Rühren verbinden, sich die Masse beim Kontakt mit dem Mehl zartrosa färbt - das ist für alle mit Sinn für Ästhetik ein Moment purer Schönheit.

Später, nach kraftvollem Vermengen, sieht der Teig genauso hellbraun aus, wie ein Schokokuchenteig eben aussehen muss. Schmeckt auch so, man hätte es nicht für möglich gehalten.Nun also rin inne Röhre, damit.
Moment.
Gesetz dem Fall, man hätte nur Cranberrys zu verarbeiten, nehme man eine gefettete Kastenform, fülle den zähflüssigen Teig hinein und schiebe sie in den Ofen.
Allerdings lebt da noch ein seit zwei Wochen abgelaufener Vanille-Sojajoghurt im 500 g Becher in meinem Kühlschrank, der bei jedem Öffnen der Türe "ISS MICH!" brüllt und damit alle anderen, erst seit zwei Tagen abgelaufenen, unveganen Joghurts kollossal nervt. Mich auch.
Muss er heute also auch dran glauben. Hat er nun davon.

 Man nehme also eine Springform (26 cm), befülle sie mit Cranberry-Matsch-Schokokuchenteig und backe sie, bis an dem probehalber zwischendurch mal reingestecktem Streichholz kein Teig mehr kleben bleibt. Danach abkühlen lassen.

Erst jetzt fällt mir ein, dass aus Sojajoghurt allein irgendwie kein Kuchentopping werden wird. Der Kühlschrank hat aber auch weder Sahne, noch Quark oder sonstige Hilfsmittelchen vorrätig (wäre auch nicht vegan).
Ich wühle ein bisschen in allen möglichen Schiebern herum und finde schließlich *dadaaa* "San-apart". "Bringt", sagt die Verpackung, "Sahne, Torten, Cremes und Deserts in Form", ist rein pflanzlich und besteht aus Zucker, Weizenmehl und Stärke. Irgendjemand hat das Zeug mal gekauft. Höchstwahrscheinlich ich. Aus Neugierde. Seitdem steht es unangetastet, ist aber im Gegensatz zum Joghurt noch gerade so haltbar (bis morgen).

Laut Packungsanleitung mixe ich dann mit dem Handrührgerät Sojajoghurt, Zitronensaft einer ganzen Zitrone (wegen der Geschmacksnote), Kakao (wegen Farbe und Geschmack) und das weiße Zauber-Pülverchen. Ich erhalte tatsächlich eine streichfähige Masse, die allerdings neben dem typischen Sojajoghurt-Geschmack, einer feinen Zitronensäure und der Kakaonote ein diffuses, undefinierbar chemisches Aroma auf der Zunge hinterlässt.
Mmhpf.

Erst als ich das Zeug auf meinem erkalteten Cranberry-Schokoboden streiche, fällt mir auf, dass der Festigkeit halber Butter bzw. Magerine unter die Masse gemusst hätte. Scheibendreck. Zu spät. Schnell in den Kühlschrank, aufräumen, Bett, vergessen.



Resultat am nächsten Morgen:
Rein optisch ist der Kuchen "eben ein Kuchen" (Danke, T.) und durchaus annehmbar.
Konistenztechnisch macht sich die fehlende Magerine bemerkbar, der Belag bleibt cremig, aber sonst muss ja auch immer alles cremig sein. Schnittfest kann ja jeder.*
Geschmacklich empfiehlt sich, eine dicke Schicht Kakao drüber zu sieben, das irritiert die Geschmacksnerven immerhin so viel, dass sie das chemische San-apart-Aroma nur unbewusst wahrnehmen.

Es ist eben, was es ist: eine verunfallte Improvisation.
Die wahre Kunst des Bäckers liegt darin, es das Publikum nicht merken zu lassen.








*(nach zwei Tagen Kühlschrank war die Schnittfestigkeit dann doch gewährleistet)