Samstag, 24. Januar 2015

Zukunft.

Wenn einer aus einer gemeinsamen Wohnung auszieht, bringt das immer Verluste mit sich (klar, aber von Gefühlen reden wir besser gar nicht erst). Der Mensch packt sein Eigentum in Umzugskartons und ich sehe das iPad verschwinden.

Schade.
Schnell ein leistungsfähigeres Ersatz- und Studiengerät beschafft. Durch Zufall. Über Kleinanzeigen. Originalverpackt, mit Rechnung und Garantie. 200 € gegenüber einem Neukauf gespart.
Der Haken: Es ist modern. Es ist zu sehr Zukunft.

Das Microsoft-Tablet mit Touch-Tastatur sieht wunderbar edel aus. So edel, dass ich mir gar nicht traue, mit meinen Fingern über das saubere Display zu wischen. Muss ich dann aber wohl oder übel doch. Auf der Wohnzimmer-Couch offenbart sich mir das neue Windows 8 mit all seinen dämlichen Startbildschirm-Pins, Apps, übertrieben moderner BrauchtKeinMensch-Kram. Auf einmal fühle ich mich furchtbar alt. Zeitgereist. In eine endlos digitalisierte Welt, die einem sogar minütlich neue Kochrezepte per vorinstalliertem Ticker auf den Desktop ploppt. Plopp - Schweinemedaillons a la Cannes.

Desktop? Sagte ich Desktop? Ha, nix mit Desktop! Dynamischer Startbildschirm mit App-Pins und Plopp-Tickern und der im Minutentakt sich aktualisierenden Wetterinfo. Ach, übrigens, an ihrem Standort (Dürfen wir ihren Standort verwenden?) regnet es. Nee, echt?
Und wo ist denn hier jetzt nun mein Desktop? Gibt's sowas heute überhaupt noch? Braucht man den, bei Browser-Pin, Wetter-Pin, News-Pin, Office-Pin, Foto-Pin, Rezepte-Pin, Fitness-Pin, BörsenNews-Pin,...?
Wo kann ich jetzt hier eigentlich ein Word-Dokument....?

"Wenn sie auf die rechte obere Ecke tippen.... wenn sie in die linke Ecke tippen.... wenn sie mit dem Finger nach rechts wischen...." Hä? Einstellungen? Wollte ich doch gar nicht! Wie kann ich denn jetzt eigentlich meine Bilder sehen?
Ups, Kamera. Ach, das hat das Ding auch?

Und irgendwann geht es. Einigermaßen. Erschließt sich mir langsam die komisch-kryptisch-moderne Welt von Microsoft und Windows. "Sie müssen ein Konto anlegen. ... Mit ihrer Anmeldung stimmen sie unseren AGB und  Datennutzungsrechten zu". Falle schnappt zu. Stehe hier und kann nicht anders (Luther, weiß die Nachschlag-App).

Bin völlig versunken, hineingezogen in den Strudel der Moderne. Möchte ewig Schlagzeilen ploppen hören. Weit nach Mitternacht, zeigt sie Zeitanzeige. Nebel, sagt die Wetter-Info.
Bett, denke ich.

Tablet hält mich gefangen, will mir noch das zeigen und dann jenes. Es gibt für alles eine App. Sogar eine mit ständig akutellen Bildern von Kim Kardashian. Brauch ich nicht, brauch ich nicht, brauch ich nicht, brauch ich n... Facebook? Oh, doch, warte.

Und dann ist Nacht.
Tot, schwarzer Display, Akku leer.
Langsam erwache ich von meinem Trip. Wiege das schwere, schwarze, warme Brett in meinen Händen.
Mein Kopf schmerzt. Meine Beine schlafen.
Es tut mir nicht gut.
Raubt mir Zeit und Schlaf.
Macht mich abhängig, süchtig nach Informationen und Unterhaltung.
Macht mich stumpf.

Böse!
Es ist böse!
Die Zukunft muss sterben!