Montag, 23. Februar 2015

On the highway to holiday.

Schon am Ortsausgangsschild quengelt das Kind. "Mamaaaaaa?"
Ich verrenke mir den Hals vom Beifahrersitz um die Lage zu checken. Kind grinst. "Mamam?" - "Du hast doch vorhin erst gefrühstückt!"
"Mamammamamamamamamamamam!", die zappelnden Schuhe schmieren munter den Matsch an den Vordersitz. Ich krame im Handschuhfach, finde die wohlversteckte Packung (XXXXL-Family Edition!) Kekse und reiche dem Herrn einen nach hinten.
Für die nächsten 5 Minuten herrscht Ruhe auf der Rückbank. Dann schaut das Tantchen (9 Jahre) von ihrem Buch hoch. "Ich will auch einen Keks!" "Mamam?", fragt ihr Neffe mit Schokoladen-verschmiertem Mund (Wer zur Hölle hat denn auch Doppelkekse gekauft?) aus dem Kindersitz. "Mama? Mamamam!"

Die Kekspackung wandert nach hinten.
Metarmorphose. Doppelkeks goes Bröselhaufen in und um die Kindersitze. Bei Tantchen weniger als bei meinem Kind. Dem bereitet es sichtliches Vergnügen, die Kekse in Einzelteilen auf der Rückbank zu verstreuen. Essen? Hab doch eben erst gefrühstückt, Mama.
Meine Rückforderung der Packung erntet lauten Protest beider Bröselianer. Na, immerhin sind sie beschäftigt, da hinten.

Wir sind gerade auf die Autobahn aufgefahren, als das (kleine) Kind aus einem Krümelberg heraus wütend nach vorne kräht. "Hast du Durst, mein Schatz?" Wütendes Kopfgeschüttel. Dann kommt ein "A-a!". Ich stöhne, innerlich. "Musst du mal kackern?", hake ich nach. Mein Kind nickt und nestelt an seinem Po herum. "A-a!", brüllt es. Kein Rastplatz für die nächsten 15 Minuten. "Mäuschen....", versuche ich seine Wut zu übertönen, "Mäuschen, wir können jetzt nicht anhalten! Da musst du eben mal in die Windel kackern."
"Äh..", meldet sich das Tantchen zu Wort und rutscht etwas auf ihrer Sitzschale hin und her, "Ich müsste aber auch mal pullern."
Nee.

Der Rasthof ist überfüllt, es gibt diese wunderbaren 50 Cent-Gutscheinschnipsel zum sammeln und Mittagessen. Angesichts der langen Schlangen vor den Toiletten beschließt das Tantchen wohl, sich auf dem Rasenstreifen zwischen den Autos zu erleichtern. "Also hören Sie mal!", beschwert sich ein älterer Mann, "Haben sie dem Kind denn keine Manieren beigebracht?" Jetzt drehen sich auch andere Leute nach uns um. Na schön.

Nach dem Mittagessen macht mein Kind sonst immer brav seinen Mittagsschlaf. Ich setze ihn zurück in seinen Autositz, streichle das Köpfchen und singe ein Schlaflied. Bis wir den Rastplatz verlassen haben, höre ich auch tatsächlich nichts von hinten. Das Tantchen schmökert, ich stelle mich schlafend. "Mamamaaa?"
Ich stelle mich schlafend.
"Mama?"
Ich schlafe....
"Mamaaaa?"
Ich schlafe, mache leise Schnarchgeräusche.
"Rch schhh", imitiert das Kind und lacht. "Brrmbrrm!", verkündet es und zeigt wohl aus dem Fenster. Dann fängt es an zu weinen.
Ich stelle mich weiter schlafend.
"Marek, du nervst!", schimpft das Tantchen. "Schh!", mache ich. "Mama?", fragt mein Kind weinend.

Ich singe ein Schlaflied nach dem anderen. Sobald ich aufhöre, fängt das Kind an zu weinen. Als mir kein Schlaflied mehr einfallen will, singe ich Kinderlieder. Dann deutsches Volksliedgut. "Hoch auf dem gelben Wahaagen...". Eine Stunde vergeht, ich habe einen trockenen Hals und das wache Kleinkind auf der Rückbank schlechte Laune. Und natürlich kommt auch wieder das Lieblingswort zum Einsatz: "Mamam?". Habe doch nur darauf gewartet.
Ich lasse meinen Blick durch das Auto schweifen. Wo ist denn die Packung mit den Keksen?
"Hab ich vorhin aufgegessen", murmelt das Tantchen und will nicht weiter beim lesen gestört werden. Ah, klasse.
Ich reiche ein Apfelstückchen nach hinten und mime die Begeisterte. "Mmmmh, schau mal was ich leckeres..." Platsch. Wütend wird es in den Fußraum geschleudert. Möhre? Platsch. Gurke? Platsch.
Nicht mit mir! Ich bleibe hart.
Bis der O-Papa, der Fahrer der lustigen Reisegesellschaft, aus lauter Verzweiflung ob des Gebrülls auf der Rückbank ("Mamam! MAMAM!" - "Kann dem mal einer sagen, dass er nervt?" (Tantchen) - "MAMAMAMAM!" - "DU NERVST!" - "AAAAH. MAMAM! MAMA!" - "HALT DOCH MAL DEN MUND!") den nächsten Rastplatz stürmt. Kekse kaufen, Toilette. 50 Cent-Gutscheinschnipsel.

Dann ist Ruhe im Karton. Das Kind hat sich so müde gebrüllt, dass ihm nach einem Bissen die Augen zu und der Keks aus der Hand zum Gemüse fällt. Alle genießen das.
Nach einer Stunde tippt mir meine Schwester, das Tantchen, auf die Schulter. "Ich müsste mal...", flüstert sie. Schon wieder. Wir halten, wieder ein Rastplatz. Noch ein 50 Cent-Gutscheinschnipsel.
Nach noch einer Stunde muss die O-Mama mal. 50 Cent-Gutscheinschnipsel.
Just als wir diesen Rastplatz verlassen haben, erwacht mein Kind. Sieht sich um. Hat gute Laune. Strahlt, zappelt, nestelt am Po und fragt: "A-a?".

Wir halten nicht. Ich reiche Bilderbücher nach hinten, diskutiere mit dem Tantchen ("Der Marek stinkt!" - "Lass ihn doch stinken!" - "Das ist sooo ekelig!"), singe Kinderlieder, rationiere Kekse, reime Fingerverse, preise Obst und Gemüse, singe, begeistere mich für sämtliche Laster, die wir überholen ("Oooooh, schauuu mal!"), lese Kinderbücher vor.
Kurz vor Verlassen der Autobahn darf ich zur Belohnung alle Gutscheinschnipsel einlösen. Jede Stunde eine Pullerpause macht einen überteuerten Raststättenkaffee. Muss noch 50 Cent draufzahlen, 3 € für nachtschwarz ohne alles, nichtbio, unfairtrade.
Aber das ist mir dann auch egal.