Dienstag, 3. Februar 2015

Stadt, Vol. 1000

Ich besuche einen Freund, mitten in der Innenstadt.
Dass die Stadt und ich ein eher stiefmütterliches Verhältnis pflegen, ist ja nun weithin bekannt. Das war schon zu Zeiten von Entdeckungsreisen via öffentlichem Personennahverkehr und zu Fuß durch Häuserschluchten im Straßenlabyrinth so. Nun ist frau erwachsen geworden und erledigt die Dinge schnell (haha) und unkompliziert (haha) im Auto.

Ehrfurchtsvoll verneige ich mich vor den Erfindern des Navigationsgeräts. Ohne ein solches sind Erledigungen außerhalb meines 10 km-Radius ländlicher Raum, in dem ich mit 120 Sachen selbstbewusst über die Landstraße heize, eigentlich nahezu aussichtslos. Ich finde mich gerade noch an den Block, in dem die Schwiegereltern wohnen. Alles andere habe ich bisher immer dem Menschen überlassen und machte es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Der Mensch kennt sich aus in der Stadt. Das ist "seine Hood", seine Westentasche, Bahnverbindungen und Straßennamen abfragbar wie bei Google. Auf den Unterschied, die Straßen nun durch die Frontscheibe zu betrachten, kommt es da auch nicht mehr an.

Aber heute bin ich allein unterwegs. Kein Beifahrer, den ich mal eben fragen kann: "Muss ich mich hier jetzt links einordnen?". Nur Navi, und ich.
Hab mir auch die denkbar schönst Zeit ausgesucht: 16 Uhr, Rush Hour, alle Welt fährt in den Feierabend. Die Straßen sind dicht, stop and go von der Autobahn bis in die Innenstadt. 300 m vor dem Ziel stehe ich noch eine dreiviertel Stunde im Stau. Wenigstens erspart mir das schnelle Entscheidungen. Ich habe Zeit, mir Überblick zu verschaffen, komme an, ohne jemandem die Vorfahrt geschnitten zu haben.

Das Navi verkündet: "Ihr Ziel liegt rechts", als ich an einem langen, schmutzig braunen DDR-Block vorbeifahre. Geistesgegenwärtig reiße ich das Lenkrad herum und biege ohne zu blinken in die Seitenstraße ein, die ich aus dem Augenwinkel wahrgenommen habe. Zwei Autos weiter eine freie Parklücke. Fantastisch.

Ich wollte eigentlich noch groß meine erfolglose Suche nach dem Hauseingang mit der richtigen Nummer ausführen, aber, lassen wir das, es ähnelt anderen Texten doch zu stark (warum denn nur?) und langweilt womöglich, denn, dass es mit meinem Orientierungssinn nicht weit her ist, weiß ja mittlerweile jeder. Und M. weiß sowieso, dass ich ihm bis ans Ende meines Lebens dafür danke, mich dünn bekleidet bei Minusgraden am Auto abgeholt zu haben. Danke.

Nach Einbruch der Dunkelheit mache ich mich dann schließlich auf den Heimweg. "Jetzt ist ja der Feierabendverkehr vorbei", sage ich zum Abschied, "da bin ich doch ziemlich schnell zu Hause."
Ich verlasse die Seitenstraße, das Navi leitet mich auf eine große Hauptstraße... und die Autos sind nicht weniger als am Nachmittag. Schon stehe ich, es geht nicht vorwärts, nicht rückwärts. Die Schaltzeiten der Ampelkreuzung lassen immer nur ein Auto fahren, bis wieder für fünf Minuten gähnender Stillstand herrscht.
Auto für Auto rutsche ich in der Schlange vorwärts. Aus Nebenstraßen stoßen immer wieder Fahrzeuge schräg in die Schlange, halb auf der Gegenfahrbahn stehend. Es wird gehupt. Weiter vorn gabelt sich die Spur. Ich muss links abbiegen, mich also einordnen, kann aber nicht, weil vor mir ein Geländewagen quer in die Geradeaus-Spur fahren möchte. Und auch nicht kann. Der ganze Kreuzungsschauplatz wird immer undurchsichtiger. Fußgänger und Fahrradfahrer huschen zwischen den Autos hindurch und ich schaue fünfmal in alle Spiegel, bevor ich ein kleines Stück weiterrolle.

Als ich ganz vorn an der Ampel stehe, sehe ich schon die Reflexion des Blaulichts an den Fassaden. Nee. Mich beschleicht das Gefühl, dass der Stau hier nichts mit den dämlichen Schaltzeiten der Ampel zu tun hat. Sehe auf die Uhr. Eine halbe Stunde ist vergangen, seit ich die Parklücke verlassen habe. Zurückgelegt habe ich vielleicht 250 Meter.
Grün.
Kurz entschlossen biege ich zeitiger ab. Ich bin ungeduldig und etwas in mir sagt, ich könne den Knoten auch irgendwie umfahren. Alle Wege führen nach Rom. Das Navi stellt sich sekundenschnell auf die neue Situation ein und leitet mich zuverlässig zur übernächsten Parallelstraßen-Kreuzung. Ich fahre auf die Hauptstraße.... und stehe. Auto für Auto bewege ich mich in der Schlange. Und diesmal keine Möglichkeit zum entkommen.

Schließlich erreiche ich einen Platz. Die Stelle ist auch bei fließendem Verkehr und Tageslicht unübersichtlich. Jetzt steht dort überall Polizei. Überall Autos. Die Häuserwände leuchten im Blaulicht. Massenkarambolage?
Über allem schauen und der Verwirrung fällt es mir schwer, alle Verkehrsregeln zu beachten. Da es sich hier so oder so nur schrittweise vorwärts schiebt, vergesse ich fast, an der roten Ampel tatsächlich zu halten. Ein Auto hupt. Oh weia. Erschrocken bremse ich. Hinter mir hupt es. Und tausend Fragen. Was ist hier los?
Wie lange wird das dauern? 45 Minuten für 500 Meter.

Auf einem Rasenfleck ein Manschaftsbus der Polizei. Schwarz Vermummte springen heraus. Sturmhaube. Ungewöhnlich große Pistole. Monströse Brustpanzer. Das SEK?, denke ich aufgeregt und: Was zur Hölle geht hier vor??

Ein Hupkonzert setzt an, es klingt schon fast panisch. Ein vermummter Polizist klopft am Auto vor mir, spricht mit dem Fahrer. Kurzzeitig kommt Leben in die Blechschlange, ein Stück geht es im zweiten Gang bis zur nächsten Ampel. Sie schaltet auf rot, als ich sie passieren will. Mist. Hinter mir hupt wieder jemand. Ja herrgottnochmal, es ist rot! Dafür kann ich ja nix.
Die Stimmung ist angespannt, durch den dicken Schutz der Autokarosserien höre ich das nervöse Trommeln der Finger auf den Lenkrädern.
Die Ampel wird grün, aber ich kann nicht fahren. Vor mir schieben sich zwei Autos aus einer Einfahrt mitten auf die Kreuzung. Sie kommen nicht weiter, vorn staut es wieder, nichts geht mehr vorwärts, alles steht.

Ich schalte den Motor aus und das Radio ein.
Der Verkehrsfunk meldet Behinderungen und Staus in der Innenstadt aufgrund einer Demonstration. Na schön.
Schon sehe ich sie laufen. Etwa 300 Meter vor mir zieht ein großer Pulk Menschen von links stadteinwärts. Der Strom will und will nicht abreisen. Ich höre sie nicht, dafür dämpft das Auto zu gut. Still schwingen Deutschland- und Reichsflaggen. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes.
Ich sehe in den Himmel gereckte Fäuste. Ich spüre Hass. Fremdenfeindliche Stimmung. Latenter Rassismus. Ich sehe auf die Uhr. Über eine Stunde warte ich nun schon. Mein Kopf schmerzt. Ich habe Hunger und will nach Hause.
Und ihr Idioten stehlt mir meine Zeit!
Würde sie am liebsten über den Haufen fahren. Allesamt!

Aggressiv beteilige ich mich eine Weile am Hupkonzert. Eine Stunde! Für 500 Meter! Hätte es ja noch verstanden, wäre es ein Unfall gewesen. Vollstes Verständnis. Auch für den CSD. Aber für als patriotische Europäer verkleidete Rassisten? Also, nee.
Dann merke ich, dass das Hupkonzert vielleicht solidarisch gemeint sein könnte und stelle erschrocken meine stressabbauende Tätigkeit ein. Lehne mich zurück. Höre auf das Radio-Interview. Warte weitere zehn unendliche Minuten.
Dann startet mein Vordermann seinen Motor. Endlich.

Den restlichen Heimweg überstehe ich unter Kopfschmerzen, kann mich allerdings am Ortseingangsschild meines Heimatkaffs nicht mehr erinnern, wie ich es bis hierher geschafft habe. Immerhin.
"Und?", begrüßt mich der Mensch, "Wars so schlimm?"
Schlimmer!, denke ich.