Mittwoch, 11. März 2015

Spielplatz.

Die Sonne scheint, es riecht nach Frühling, der Spielplatz ist voll. Die Elternschaft sammelt sich zum Zwecke der Nachwuchspräsentation und tut dabei so, als gäbe es nichts befriedigenderes als diesem beim Steinchen schmeißen zuzusehen (nein, unser Spielplatz hat keinen Sand).

Ich scanne die Lage aus den Augenwinkeln, während ich versuche, das Bobbycar mit Kind elegant schwungvoll zum Eingang zu manövrieren. Marek lenkt fleißig gegen.
Am Mülleimer stehen Finn-Luca-Mama und Jeremy-Joel-Mama und rauchen, während die eine in theatralischen Gesten ihre letzte Schicht darbietet. Die andere zupft sich den pinken Bench-Kragen zurecht und zwitschert: "Tscheremie, nischt mit de Schaufel hauen, wa Tscheremie?"

In ihrer Nähe spielt die Krippengruppe, alles zarte Mädchen in Mareks Alter. Ihre Mütter und ein Vater haben sich schützend drum herum postiert und glucken eifrig über das nächste Spielplatz-Sommerfest. Mein Sohn springt wie elektrisiert von seinem Rutscheauto. Völlig hin und weg von so viel zarter Weiblichkeit fegt er in den trauten Kreis und umarmt etwas zu stürmisch seine Lieblingsfreundin, eine rosa Jacke mit Teddyohren. Herzzerreißendes Gebrüll.
"Äh, hallo...", begrüße ich die Krippeneltern, bevor ich mein Kind an der Kapuze von dem armen Mädchen pflücke. Strafender Blick meinerseits. Mein Kind grinst, weil es weiß, dass Mama in der Öffentlichkeit nicht gern laut schimpft und verschwindet zum Spielhäusschen. Entschuldigend und verlegen lächle ich in die Runde. Niemand lächelt zurück.

Aus Richtung Spielhäusschen wütender Protest. Ich drehe mich um. Marek hat eine etwa Dreijährige um ihre Schaufel erleichtert. Mit zwei Sätzen bin ich am Ort des Geschehens und greife mir meinen Sohn am Arm. Ich will gerade schimpfen, als ich die Mutter des Mädchens wahrnehme, die ihrerseits vor ihrem Kind kniet: "Also Esme-Carina, du kannst doch auch mal teilen. Du hast die Schaufel doch immer. Der Junge will auch mal damit spielen."
Mir scheint, Marek ist das einzige Kind ohne doppelten Vornamen auf dem Platz.
Ich setze zu pädagogischen Maßnahmen an: "Marek, gib doch der Esme..."
- "Esma-Carina.", unterbricht mich die Mutter.
"Marek gibt doch bitte der Carina..."
-"Esme-Carina!"
"Marek gib bitte dem Mädchen seine Schaufel zurück!" - "Meine!", sagt Marek.
"Ach, lassen sie nur!", mischt sich Esme-Carina-Mama nun ein und strahlt mich gespielt fröhlich an, "Sie muss auch teilen lernen, sie hat ja keine Geschwister und geht noch nicht in die Kita..."

Während Esme-Carina und Marek nun einträchtig nebeneinander einen Eimer mit Steinchen befüllen, eröffnet mir ihre Mutter die Lebens- und hauptsächlich Erfolgsgeschichte der Familie. Zwischendrin werfe ich ab und zu mal ein "Ach?" und "Tatsächlich!" ein, bin aber in Wahrheit viel zu sehr damit beschäftigt, die spontanen Ideen meines Kindes im Voraus zu erkennen und gegebenenfalls verhindern zu können.
"Da haben wir uns hier also dieses sensationelle Grundstück gekauft...", erzählt die Frau gerade, als Marek ihre Tochter auf den Hosenboden schubbst. "Nanana!", drohe ich mit den Zeigefinger und mühe mich um einen bösen Blick. Die Frau redet einfach weiter: "...mit sensationellem Panorama und Sonnenaufgang im Schlafzimmer, das war ja immer so ein Traum von mir...".
Da haut Marek mit der Schaufel zu. Entschlossen gehe ich dazwischen, entwinde sie ihm und sage laut "Ohweia! Neinnein!". Esme-Carina schluchzt theatralisch auf.
"....und 450 m² Gartenfläche, das ist für Esme-Carina ja schön zum spielen - schsch mein Engel, nicht weinen - mein Mann hat extra für sie...."

Jetzt verliert mein Kind wohl das Interesse am schaufeln. Dreht sich einmal um die eigene Achse und spurtet hinter den Rutschturm. Aus meinem Blickfeld.
"...so ein Pool kostet natürlich auch was, aber wir dachten für unseren Schatz ist uns nichts..."
"MAMA!", schreit Finn-Luca, "der hat meinen Bagger weggenehmt!"
Kann mir schon vorstellen, wer der war. "Ich muss mal eben...", versuche ich den Redeschwall von Esme-Carina-Mama zu unterbrechen und sprinte um den Rutschturm. Verärgert darüber, mir sonst nicht mehr detailliert die große Terrasse mit seltenen Rosenholzgewächsen beschreiben zu können, stapft sie mir hinterdrein.

Ich treffe auf mein Kind und den Bagger neben der Schaukel. Finn-Luca steht daneben, die Hände in die Hüften gestemmt, funkelt mich böse an und schreit nach seiner Mama. Aber die hat es sich mit ihrem Smartphone mittlerweile auf einer Bank in der Sonne bequem gemacht und scheint ihren Sohn nicht zu hören. Ich versuche zu vermitteln: "Darf der Marek deinen Bagger mal kurz borgen?"
- "Nö!", faucht Finn-Luca und tritt nach mir.
"...man versicherte uns, dass wären gute Züchtungen, wissen sie..." (Die 450 m²-Mutter).

 Marek, in einem Anflug von großer Empörung, springt auf, schleudert das Spielzeug gegen den Schaukel-Pfosten und klammert sich beschützend an mein Hosenbein. Fassungslos starrt Finn-Luca auf die lose Baggerschaufel. "Der hat meinen Bagger kaput gemacht! MAMA!"
"Mh?", fragt die Mutter, ohne von ihrem Smartphone aufzusehen. "Das haben wir gleich....", sage ich schnell und versuche, die Schaufel zurück an den Rest zu stecken.
"...Das erinnert mich an die Geschichte, als Esme-Carina...", beginnt die 450 m²-Mutter hinter mir nun schon nicht mehr so gespielt freundlich. Mein Sohn zieht derweil von dannen.
Nach der Hälfte der Geschichte, ich habe habe gerade Finn-Lucas Bagger zu seiner Zufriedenheit repariert, höre ich schon wieder ein Kind weinen. Von weiten sehe ich Marek im Kreise der Krippenmädchen und -eltern, die rosa Teddyjacke ist schon wieder zu Boden gegangen.
"...ich habe natürlich sofort gesagt: 'Schreiben Sie mir eine Rechnung, wir werden das natürlich ersetzen', aber...", sagt Esme-Carina-450 m²-Mama gerade.
Da reicht es mir.

"KIND!", brülle ich über den Spielplatz. Die 450 m²-Mutter kneift die Lippen zusammen. Selbst Finn-Luca-Mama sieht jetzt kurz von ihrem Smartphone auf.
Im Laufschritt klemme ich erst das Kind unter den Arm, dann das Bobbycar.
"Mach winke winke, wir müssen jetzt nach Hause", flöte ich so laut, dass es hoffentlich alle gehört haben. Lächle entschuldigend-unschuldig und gehe.
Nach Hause.
Schnell.