Montag, 3. August 2015

Der Prozess.

"Ich hätte gern einen Termin bei Ihnen, um den Antrag einzureichen", erkläre ich der schlecht gelaunten Frau am anderen Ende der Leitung. "Termine gibts hier nicht bei uns!", fährt sie mich an, "Da müssen sie schon mal vorbeikommen."

Na, das mach ich doch glatt. Bin doch erwerbslos, hab also eine Menge freie Zeit und lange Weile. Nicht.
Am Empfangstresen dann folgende Szenerie: "Ich möchte gern meinen Antrag einreichen." - "Haben sie einen Termin?" Äh, was?
Ich lächele mein bemüht freundliches "Ich weiß, ich muss jetzt gezwungener Maßen nett zu Ihnen sein, würde aber am liebsten über den Tisch springen"-Lächeln und sage: "Am Telefon sagte ihre Kollegin, man müsse einfach vorbei kommen."
- "Da würden wir ja nie fertig!", motzt die Empfangsdame und schielt auf ihre Uhr, viertel vor Vier, "Jetzt ist ja eh gleich Schluss, da müssen'se mal wieder kommen."
Die Behörde ist über eine halbe Autostunde entfernt, an meiner Hand zieht ein quengeliger Zweijähriger. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen: alle Wartestühle verweist, offene Bürotüren, die meisten Schreibtische sind schon nicht mehr besetzt.
"Ist denn noch einer der Kollegen da", frage ich schnell, "dem ich in der verbleibenden Zeit schnell meinen Antrag geben kann?". Die Frau schaut betont langsam auf. Zieht eine Augenbraue nach oben, zögert kurz. Dann tippt sie aber auf ihrer Tastatur herum und bittet mich knapp, vor einem der Büros zu warten.
Na also.

Wir warten. Das Kind futtert Kekse und Fruchtriegel, krümelt, zappelt über mehrere Polsterstühle hin und her. Es fällt mir schwer, ihn ruhig zu halten. Eigentlich sind wir um diese Zeit meistens auf dem Spielplatz. Wir warten lange. Wir warten eine ganze Brotbüchse mit Keksen und eine halbe Trinkflasche und vier lange Kinderlieder lang. Dann öffnet sich die Bürotür. Eine ältere Frau begrüßt mich wortlos, mustert streng meinen Sohn, der aus einem Krümelhaufen herausgrinst.

Der erste Satz, den sie an uns richtet, nachdem wir vor ihrem Schreibtisch Platz genommen haben ist: "Warum kommen sie erst jetzt?"
- "Mein Kind schläft Mittags immer noch ziemlich lang, tut mir Leid."
Unbeeindruckt: "Und vormittags können'se wohl nicht?"
- "Heute Vormittag hatten wir einen Arzttermin", antworte ich, zu gleichen Teilen irritiert, verunsichert und sauer.
"Aha", spricht die Dame in ihren Computerbildschirm, "ist ja nicht so, dass wir nur heute geöffnet haben."
Ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf antworten, einfach mal kräftig schlucken oder aufstehen und gehen soll.
Ich antworte: "Ich habe kein eigenes Auto und kann mir nur an bestimmten Tagen das meiner Eltern borgen."
- "Andere Leute kommen auch mit dem Bus zu uns."
Das Kind ist damit fertig, an seiner Trinkflasche zu nuckeln, rutscht von meinem Schoß und macht Anstalten, unter dem Schreibtisch zu verschwinden um Kabel zu ziehen. Während ich versuche, es mit alle Gewalt festzuhalten, kann ich nur matt ein "Der öffentliche Nahverkehr in unserem Ort ist leider nur eingeschränkt und stellt für mich keine Option dar." in den Raum werfen.

Dafür lege ich die Mappe mit meinen Unterlagen auf den Schreibtisch, das Kind zetert und trampelt.
"Sie wollen?", fragt die Frau mit hochgezogener Augenbraue. Sie und die Empfangsdame könnten Geschwister sein. Vielleicht gehört das aber auch einfach zum Mimik-Repertoire einer Büroangestellten und bei Vorstellungsgesprächen wird besonders auf exakte, aussagekräftige Ausführung geachtet.
"Meinen Antrag abgeben", antworte ich, immer noch bemüht freundlich.
- "Aber das geht nicht so einfach! Da brauchen sie einen Termin!"
"Den habe ich doch jetzt?" Fühle mich langsam wie in einem Kafka-Revival.

Sie seufzt. Hörbar und lang. Kurzzeitig durchzuckt mich der Gedanke, Marek einfach unter dem Schreibtisch Schaden anrichten zu lassen. Der Genugtuung halber. Verwerfe das.
Ich schiebe meinen Antrag demonstrativ noch ein Stück in ihre Richtung, sage: "Sie müssen mir das nur schnell abnehmen, da wäre ich Ihnen dankbar!" und fange dann das Kind ein, das schon auf dem Gang steht. Als ich zurück ins Zimmer komme, liegt der Stapel Papier immernoch unberührt. Missmutig stiert die Frau auf die Schreibtischplatte. "Brauchen Sie sonst noch etwas von mir?", erkundige ich mich höflich.
"Ich muss ihre Daten aufnehmen und die Vollständigkeit der Unterlagen überprüfen. Dafür ist aber heute keine Zeit mehr", sie deutet auf die Uhr an der Wand, "wir haben eigentlich schon geschlossen."

Was sagt man dazu?
"Die Unterlagen sind vollständig, meine Daten sind im Antrag vermerkt. Das können sie auch noch morgen eingeben." Tschüß Freundlichkeit. Meine Körperflüssigkeiten nähern sich dem Siedepunkt.
"Mir wäre es nur lieb", füge ich noch hinzu, "wenn ich mit dem Kind nicht noch mal hier her fahren muss." Ich deute auf den Zweijährigen, der die Stiftebox gefunden hat und Kuli-Kringel auf der Tischplatte malt.
- "Sie wissen schon, dass sie alles zurück bekommen, wenn auch nur etwas fehlt? Ich an ihrer Stelle würde es hier vor Ort prüfen lassen."
"Ich bin mir sicher, es fehlt nichts", sage ich gerade heraus und stehe schon hinter dem Stuhl. Nehme das Kind an meine Hand. Gehe zur Tür. Drehe mich noch einmal um, um einen "Schönen Feierabend" zu wünschen. Ernte ein grußloses Schnauben. Aber da bin ich schon auf dem Gang. Der Pförtner schließt hinter mir die Eingangstür zu.

Hallo Josef K.!