Donnerstag, 8. Oktober 2015

Anspruch und Wirklichkeit - Cooking Action und Spießbürger-Bekämpfung.

Das erste Review ist hier nachzulesen.


Anspruch und Wirklichkeit verhalten sich oftmals ähnlich wie vegan und Eierschecke.
Mein Anspruch ist, dem Kind ein alternatives Weltbild zu vermitteln. Weltoffen und nachhaltig. Tolerant und vielseitig. Abwechslungsreich und turbulent, trotzdem stabil und mit Bodenhaftung. Wer möchte das nicht für sein Kind?
Ich fahre wieder zur Cooking Action und möchte so viel. Menschen treffen. Jung sein. Gespräche haben. Mama sein. Marek andere Blickwinkel eröffnen (so wie man einem Zweijährigen eben andere Blickwinkel eröffnen kann). Kontakte knüpfen. Dem Kind ein Abenteuer bieten. Es mit... Fremdheit? Andersartigkeit? Gibt es dazu überhaupt einen positiv konnotierten Begriff, der ausdrückt, wie ich das meine? ...konfrontieren.

Der Ort nennt sich diesmal "Willi 42" und ist eine Hausprojekt-Baustelle. Ich möchte an dieser Stelle nicht ausufernd vom Eigentlichen abschweifen, darum gibt es hier viele weitere Informationen zum Projekt und den Menschen, die dort leben (werden).
Schräg gegenüber befindet sich das Jugendzentrum der letzten Aktion. Bass pumpt herüber. Mein Kind zieht an meinem Ärmel: "Ich möchte Musik hingehen!", tatsächlich spricht der Zweijährige auf einmal in fast ganzen Sätzen. Gehen wir also. Mit kochen können wir eh nicht.


Oldschool-HipHop-Meeting. Der DJ am Pult fasziniert Marek. Jeder Versuch, ihn zum Gehen zu bewegen (sind ja der Refugees wegen da), endet in lautem Protest. Eine Gruppe von Männern battled sich im Breakdance. Mein Kind ist verliebt, beobachtet fasziniert, tanzt ein bisschen. "Ich auch mit machen!"

Vor dem Tor bearbeiten zwei Männer Wände mit Spraydosen. Einen kurzen Moment lang frage ich mich, ob es so vorteilhaft ist, Marek daran aktiv teilhaben zu lassen. Ich frage mich, was wohl meine Eltern dazu sagen würden. Ich frage mich, ob, und wenn ja, welchen Lerneffekt das ganze auf mein Kind haben wird.
Verwerfe das dann.
Anspruch und Wirklichkeit.
Strahlende Kinderaugen.



Am Ende dann doch Willi 42. Es wird Open Air gekocht. Alles ist Open Air. Nach und nach trudeln immer mehr Menschen ein. Ausgenommen der Kinder und Geflüchteten drücken Sarah (eine Freundin) und ich merklich den Altersschnitt. Neben mir klettert ein Kind zum schlecht werden weit oben in einem Baum herum. Die Äste schwanken bedenklich. Niemand kümmert sich darum. Ich unterdrücke den Reflex, diesen fremden Jungen zum Abstieg zu bewegen und gebe nur den Tipp: "Pass mal bitte auf: Weiter vorn sind die Äste nicht mehr so stabil, um dich tragen zu können". Keine Antwort. "Alles okay bei dir?", fragt da plötzlich meine Bierbank-Sitznachbarin nach oben. "Jaja", der Junge setzt seinen Weg in den Baumwipfel fort. Die Frau widmet sich wieder ihrem Apfelsaft, nicht ohne mir vorher noch ein "Lass die Kinder wild sein!" ans Herz zu legen. Äh, ja. Danke.

Während mein wildes Kind mit einem Hund Stöckchen werfen spielt - weder Marek noch dem Hund wird für die nächsten 45 Minuten langweilig damit - versuche ich mich in einer Unterhaltung mit einem schwarzen Mann zu meiner rechten. Auch er schaut unruhig auf den Jungen in der Baumkrone. Wir lächeln uns an. "Dangerous!", meint er und deutet nach oben. Ich nicke zustimmend und verrenke mir nach Marek und Hund den Hals. Überlege, was ich wohl antworten könnte. "Your brother?", fragt der Mann und zeigt in Richtung des mit dem Hund verschwindenden Kindes. "My son!", sage ich und springe auf. Das Kind ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Aus den Augenwinkeln sehe ich die kugelrunden Augen des Mannes.
Zu einer Unterhaltung kommt es danach nicht mehr.
Anspruch und Wirklichkeit.


Marek räubert herum. Sarah und ich stehen zwischen den Eltern und Refugees und beobachten ihn dabei. Das Lagerfeuer wird angezündet, eine Hippie-Atmosphäre breitet sich aus. Wieder diese Solidarität, dieses nicht fremd sein zwischen lauter fremden Menschen. Marek trägt Pflastersteine hin und her. Im Gegensatz zu den vielen Stadtkindern ist ihm die Erde, der Matsch, das Spielen zwischen Blätterhaufen, Bäumen, altem Ziegeln und in einem halb verfallenen Schuppen sehr vertraut. Ein anderer Junge seines Alters steht neugierig am Rand. Eine Weile tragen sie dann gemeinsam Steine und Stöcke von einem Haufen zum anderen, dann wird meinem Kind langweillig. Es quengelt. "Magst du mit den Jungs da auf dem Sandberg spielen?", frage ich. Seufzen. Das Kind: "Nein, möchte nicht Sandberg."
Anspruch und Wirklichkeit.
Neben uns eine Gruppe Syrer. Unterhalten sich leise ihn ihrer Sprache oder beobachten die Kinder. Lächeln. Sprechen uns schließlich an, Sarah scheint ihnen von anderen Aktionen bekannt zu sein. Ich versuche ein paar Sätze auf Englisch, aber eine Unterhaltung will nicht so richtig in Gang kommen. "I don't speak English", meint einer der Männer.
Es gibt eine große Kiste voll Bananen für alle. Ich schäle für Marek und wir lernen, dass موز (mauz, gesprochen "mous") das arabische Wort dafür ist. Wir sprechen es nach, die Männer lachen.


Es dämmert. Einige Geflüchtete packen die Deutsch-Hefte weg, über denen sie mit Hilfe einiger deutscher Eltern gesessen hatten. Ein Biertisch wird mit Tellern und Salatschüsseln ausgestattet, kurz darauf gibt es Reis mit Linsensuppe. Ich versuche den Syrern neben uns verstehen zu geben, dass sie sich gern auch etwas zu essen holen können. Sie winken lächelnd ab und zeigen auf Marek. "Baby", sagt einer. Erst, als ich mit Marek auf dem Schoß essend auf einem Platz sitze, den mir ein schwarzer Mann anbietet, stellen sich die anderen in der Essensschlange an. Eigenartig warm ums Herz.

Das Kind ist müde und muss trotzdem noch mit Fingerfarbe matschen. Soll mich aber mit blauen Fingern nicht anfassen. Die umstehenden Eltern lächeln halb verständnislos, halb solidarisch. Diese Melange aus anti-autoritärer Freiheit, Solidarität und Toleranz verwirrt mich. Das Kind auch. Es lässt sich bereitwillig die Hände putzen.
Anspruch und Wirklichkeit.