Sonntag, 1. November 2015

Urlaub auf der Badematte.

Ich bin müde.
Erinnere mich nicht, je so müde gewesen zu sein. Draußen ist es noch dunkel, das Licht im Bad macht meine Haut blass und fahl - aber vielleicht ist sie das auch. Und die Augen. Dunkellila Ringe. Tief in den Höhlen liegen sie, ich blinzele mein Spiegelbild an. Taptaptap, nackte Kinderfüße auf dem Linoleum im Flur.

Menschen. Der Bahnsteig ist zugig. Grau. Etwas drückt mein Herz zusammen, bekomme schlecht Luft. Ein blonder Kinderkopf und ich möchte ihn streicheln. Körper. Ein Schieben und Drängen, ich passe mich ihren Bewegungen an, werde hineingedrängt. Anpassung. Die Müdigkeit wie ein Schleier vor meinen Augen. Und gleichzeitig eine flirrende Elektrizität. Stickiges Abteil, atmende Körper, Atem, ich ringe nach Luft. Hitze. Dieses frösteln, dieses elektrisierte Zittern in mir, krampfende Bauchmuskeln, flaues Gefühl. Ich versuche zu lesen, meine müden Augen rattern über die Zeilen, bleiben hängen, stolpern. Kurz bewege ich mich in der Zwischenwelt – bin wach und sehe die schwarzen Zeilen auf weißem Grund, schlafe und träume. Die Fahrscheine, bitte.

Mir gegenüber sitzt ein junger Mann. Wir zücken gleichzeitig unsere Studentenausweise, greifen danach gleichzeitig wieder unsere Bücher und jetzt erst sehe ich, dass er das aufgeschlagene Buch beim Lesen genauso umschlägt wie ich. Die Buchrücken gegeneinander gedrückt, der Steg überstreckt, wir wissen beide, dass man so nicht mit Büchern umgehen sollte. Umgehen kann. Ich sehe die schwarzen Zeilen. Wörter. Sätze. Syntaktische Verbindungen, deren Sinn sich mir nicht ganz offenbaren will. Heute. Morgens. Gähne müde und frage mich, ob es meinem Gegenüber genauso geht. Frage mich, welchen Titel wohl das Cover trägt, welches er so sorgsam vor neugierigen Blicken verbirgt. Schaue auf. Schauen uns an. Die zufällige Spiegelbildlichkeit unseres Handelns lässt uns lächeln.

 Fjällraven Rucksäcke. Überall. Campuscode. Ich schließe im Bus die Augen und das Summen der Stimmen hämmert als diffuses Geräusch auf meine Trommelfelle. Die Gemurmelblase schwebt bis unter die Decke, platzt, der Inhalt schwemmt mich nach draußen. Folgsam reihe ich mich ein. Blick gerade. Rücken gestreckt, krampfende Bauchmuskeln, elektrisiertes Zittern. Meine müden Augen wandern unruhig zwischen den jungen Menschen, habe das Gefühl beobachtet zu werden. Wiederwillig klappe ich mir im Hörsaal Sitz und Tisch zurecht.

Meine Schrift ist fahrig. Interaktion. Kann nicht zuhören. Gemurmelblase. Menschen. Anpassung. Verwischte Wimperntusche unter müden Augen auf der Damentoilette. Verzerrt lächele ich den Kopfschmerz zur Seite, Küsschen links, Küsschen rechts und dir auch einen schönen Nachmittag.

Überhitztes Gesicht und krampfende Bauchmuskeln. Versuche mich auf diesen Text zu konzentrieren, meine müden Augen wollen sich nicht scharf stellen. Sin swebendez herze daz verswanc, sin swimmendiu vreude ertranc. Flirrende Elektrizität. Einatmen, ausatmen. Körper. Schieben und Drängen. In der Menge ein blonder Kinderkopf und ich möchte ihn streicheln. Warten.

Öffne die Kindergartentür und versuche mich zu sammeln. Immernoch diese Elektrizität. Einatmen. Schon klebt das Kind an meinem Bein und ich schlucke schwer an dem Kloß im Hals. Verheddere mich in den Worten. Fällt schwer, die richtige Tonlage zu finden, als ich die Erzieherin nach dem Tag frage. Der Schalter im Kopf klemmt. Zuhause. Tasche auf dem Boden und Staub auf der Fensterbank, piepiepiep piept der Geschirrspüler ungehört seit heute morgen. Draußen ist es schon fast wieder dunkel, das Licht im Bad macht meine Haut blass und fahl. Die Wimperntusche ist verwischt. Immernoch. Neben mir legt sich das Kind auf die Badematte.
Was machst du da? – Urlaub.