Mittwoch, 16. Dezember 2015

Ausländergefängnis.

 Hinter dem Busfensterglas ist es dunkel, die Fahrgäste spiegeln sich in der Scheibe. Es ist voll, ich stehe neben dem Platz, auf dem mein Kind sitzt. Wir waren auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, Marek kaut noch auf einem Brötchen und träumt.

 Auf den Plätzen gegenüber sitzen Vater und Tochter. Sie ein zartes Vorschulkind, mit hellblonden Locken unter der rosa Beanie. Er ein kerniger Typ Ende dreißig, tätowierter Hals, Glatze, Seemannsmütze, mürrische Mundwinkel. „Papa“, sagt sie, liebevoll.

 Beiläufig betrachte ich mein eigenes verschwommenes Bild in der Fensterscheibe, hinter dem die Konturen und Lichter der Altstadt wie durch Transparentpapier hindurch scheinen. Einkaufsstraße, Rathaus, Polizeiwache und das da ist… achja, die Synagoge. Der Vater schnaubt leise und beugt sich belustigt zu seiner Tochter hinüber. Im Scheiben-Spiegelbild sehe ich, wie er die Worte in das Kinderohr flüstert. Aber immernoch so laut, dass ich es hören kann: „Dort ist der Judentempel – für die ganzen Mohammeds.“

Einen Moment lang stockt mir der Atem. Ich schlucke, doch da ist kein Speichel mehr in meinem Mund. Bin versucht, mich zu ihm umzudrehen, mein Kopf sucht verzweifelt nach einer Entgegnung, irgendeinem schlagfertigen Kommentar, kann das doch nicht einfach so….! Mein Kind kaut immernoch an seinem Brötchen.

„Ist das ein Gefängnis Papa?“ Das Mädchen. Aufgeregt starrt es in die dunkle Busscheibe, obwohl die Synagoge schon zwei Haltestellen hinter uns liegt.
 - „Was meinst du?“
„Na was du erzählt hast: ein Ausländergefängnis?“
- „So ähnlich.“
„Wer geht da hin? Ist das für die, die weiß aussehen?“

 Unauffällig schaut der Vater sich um. Nicht in die Scheibe, sonst hätte er die Spiegelung des ungläubigen Entsetzens in meinem Gesicht gesehen. „Nein“, antwortet er und nickt dann mit dem Kopf in Richtung eines arabisch aussehenden Mannes zwei Reihen vor uns, „für solche ist das da.“

 Mit unverhohlener Neugier betrachtet die Tochter diesen fremden Mann. Im Spiegel der Scheibe sehe ich ihre großen, runden Augen. Mein Kind kaut immernoch Brötchen. Dann müssen wir aussteigen. Vor uns bahnen sich auch Vater und Tochter ihren Weg aus dem Bus. Kurz vor der Tür passieren wir den Sitz des arabisch aussehenden Mannes. Auf der Schwelle dreht das Mädchen sich noch einmal nach ihm um, eine blonde Locke streift meine Jacke.
Stumm formen ihre Lippen ein Wort. Ausländergefängnis.