Donnerstag, 3. Dezember 2015

Zwänge.

Die Glocken läuten den Totensonntag aus und auf Kommando legen sämtliche Dorfbewohner den Schalter ihrer Weihnachtsbeleuchtung um. Bling. Die LED-behängten Blautannen in den Vorgärten glänzen wieder mit erzgebirgischer Volkskunst in den Fenstern um die Wette.
Ende November. Ich denke ja noch gar nicht dran!

Die Uni hat mich. Nur unscheinbar flattert mir in der Morgen-Vorlesung der Glühweingeruch in die Nase. Vor dem Audimax verkauft die wer, der Becher 'nen Euro, heißt es, und meine Nebenfrauen kramen nach Kleingeld. Ist ja schon fast erster Advent, flüster einer von hinten, da kann man schon mal...

Mit klammen Fingern kratze ich das Eis von den Rückspiegeln und horche tief in mich hinein. Weihnachtsstimmung? Habe vergessen, die Handbremse über Nacht nicht einrasten zu lassen. Eingefroren. Während der Motor warm läuft, stiere ich missmutig auf den blinkenden Stern in Nachbars Fenster und klebe mir einen imaginären Post-it-Zettel hinter die Stirn. Weihnachtskisten aus dem Schrank holen. Schmücken. Morgen ist erster Advent. Und ich habe noch nicht einmal einen Adventskranz.

Während ich ein kränkelndes (schon wieder!) Kind vor mir in die Straßenbahn schiebe, verliere ich ihn, den Zettel, mitten im Gedrängel. Ein Mann mit Schneeflocken auf der Krawatte platziert umständlich seinen kleinen echten Tannenbaum neben sich auf dem Sitz. Über die Bildschirme flimmert der... "WEINZEMANN!", lässt mein Sohn hocherfreut die Straßenbahn-Mitreisenden wissen. Verklärt lächelnde Gesichter. Ich seufze, ganz leise. Was ist nur los mit mir in diesem Jahr?

Im Dunkeln fahren wir auf dem Heimweg durch das Dorf. Überall Schwibbögen, Blinke-Rentiere, LED-Bäume, Hernhuter Sterne, beleuchtete Plastik-Eiszapfen. Und zwei dunkle Fenster. Unsere. Am Briefkasten treffe ich die Nachbarin. Etwas unterkühlt wünscht sie mir einen "Schönen ersten Advent, morgen!" und nickt vorwurfsvoll in Richtung unseres dunklen Küchenfensters. Mhndanke. Gleichfalls.

Den ersten Advent verbringe ich unter Omis Wolldecke auf der Wohnzimmercouch, mit Fieberthermometer und Imupret in Reichweite. Das mit der Hand-Mund-Fuß-Krankheit beglückte und damit mit tausend roten Bläschen übersäte Kind nimmt der Papa an der Wohnungstür in Empfang. Gerade als ich sie hinter ihnen schließen will, stürmt eiligen Schrittes der Nachbar herbei: "Ich hab dir mal schon Reißig vor das Auto gelegt. Für den Weihnachtsstrauch!". War da ein subtiler Imperativ?
Der Adventssonntag endet dunkel. Dunkle Fenster, dunkle Gedanken.

Hallo Dezember. Ich wickel zum Frühstück eine vegane Trüffelpraline aus dem Adventskalender der Dresden-Vegan-Gruppe (danke dafür! Großartig!), höre mein mittlerweile gesundes Kind am anderen Ende der Telefonleitung den fehlenden Schnee betrauern (von der Mama kein Wort), schiebe den Krankenschein und ein paar Krümel auf dem Tisch hin und her und warte... Worauf? Im Hof gegenüber müht sich das ältere Ehepaar mit der Lichterkette für den Fliederstrauch.

Mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus heimeliger Stimmung krame ich schließlich im Schrank nach den Sternen für das Fenster und finde die roten Kugeln für... Achja, das Reißig.
Etwas wackelig und immernoch angeschlagen klaube ich das stachelige Zeug zwischen den Reifen hervor. Als ich zurück zur Wohnungstür schlurfe, meine ich eine deutliche Bewegung in den nachbarlichen Gardinen wahrzunehmen.
Die Zweige nadeln. Hole den Staubsauger. Und wo ich doch schon mal dabei....

Am ersten Dezember um 18 Uhr knipse ich Stern, Schwibbogen und beleuchtete Erzgebirgs-Glocke in den Fenstern an. Auf dem Fensterbrett räuchert eine Räucherkerze "Vanille-Zimt" in die geputzten Räume. Schnell noch einmal zum Briefkasten... Als hätte sie dort auf mich gewartet, steht da die Nachbarin in Rudolf-das-Rentier-Filzpantoffeln und strahlt mit dem Stern im Küchenfenster um die Wette. Fast schon erleichtert empfängt sie mich: "Sie haben ja nun auch geschmückt!"

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Argh.