Donnerstag, 25. Februar 2016

Regen, welke Petersilie und die AfD - Winterurlaub, Notizbuchauszüge.


"Ich artikuliere schnappatmend und mit aufgeregter Kleinkind-Stimme meine Begeisterung für Fachwerkhäuser und alte Ziegelfassaden. Unfassbar schön. Schön! Schön! Holz-verkleidete Villen säumen den Straßenrand jenseits der Autoscheibe. Alt und ursprünglich. Traditionell. An jedem Laternenmast ein AfD-Wahlplakat."

"Die Jugendherberge ist eine Jugendherberge. Fast vertraut diese Doppelstockbetten in Buche natur. Das Kind drückt begeistert die Nase an der Fensterscheibe platt - eine Aussicht! Und in Sichtweite fährt dampfend die Brockenbahn. Warme Glückseligkeit umspült mich, ich umarme das Kind von hinten. Ein Urlaub ist ein Urlaub. Egal wo. Egal wie einfach."



"Frühstücksbuffet. Fast vermessener Luxus. Ich lasse meinen Blick über die Tafel schweifen: Wurst. Wurst. Wurst. Bohnensalat. In Plastik verschweißte Nugatcreme und zwei Schüsseln Cornflakes. Oh, Haferflockenmüsli. Aufgeschnittene Kiwi. Orangenscheiben. Käseplatte, mit Petersilie dekoriert. Ich klemme meine mitgebrachte Mandelmilch unter den Arm und fülle "Multivitamin-Erfrischungsgetränk" in ein Glas. Schmeckt wie Zuckerwasser mit Lebensmittelfarbe. Vermutlich ist es genau das.

Im Speiseraum höre ich das Kind toben. Draußen regnet es. Der Wind peitscht das Wasser in breiten Bächen am Fensterglas hinunter. Es dauert eine Weile, bis wir alles an unserem Platz untergebracht haben, den Weg Buffet-Tisch lege ich ungefähr zehnmal zurück. Dann fehlt immernoch ein Löffel. Und Marek wollte eigentlich lieber die gelbe Marmelade. Als wir endlich essen, beginnt das Personal schon mit dem Abräumen. Zehn vor neun."



"Schneelos in einer Wintersportregion mit Sommer-Wanderwegen. Aber wir zeigen dem Wetter den Mittelfinger. Echte Flugzeuge für das Kind im Luftfahrtmuseum. Mit Winterspeck und Bikini im Spaßbad. Kuscheln, puzzeln, Kinderbücher und noch mehr Puzzle. Und wir gehen wandern. Im Regen. Im strömenden Regen. Ein bisschen. Zwei Stunden lang durch aufgeweichte Pfade und vorbei an abgebauten Bänken. Ein paar mal bleiben wir im Matsch stecken. Das Kind weint: "Wann sind wir da?" "Ich will zurück gehen!" "Ich bin kalt!". Aber wir sind Touristen. Und Touristen machen, was man von ihnen erwartet: Touristische Highlights besuchen. Auch bei Orkanböhen und Eisregen. Dafür ohne lästige Mit-Touristen. Auch gut."


"Wieder Buffet. Wieder Käseplatte. Nur aufgefüllt, gleiche Petersilie. Etwas traurig sieht sie aus, mittlerweile. Ich überlege, ob ich sie essen sollte, entscheide mich dann aber für Tomatensalat mit Zwiebeln. Wieder gibt es Haferflockenmüsli und Mandelmilch von daheim."


"Wir fahren ins Hinterland. An den Eisenbahnschienen entlang, durch den Wald. Sogar Schnee gibt es hier noch. Der Regen trommelt unaufhörlich auf das Autodach, die Scheibenwischer wippen im Takt zu 'Pitsch patsch Pinguin, jetzt läuft er schon im Kraaahaaais' und mein Sohn singt laut auf der Rückbank. Ich zähle die Wahlplakate in den Ortschaften, die wir durchqueren. Über die Hälfte wirbt für die AfD, dicht gefolgt von "Schleuser-Merkel raus"-Parolen der NPD. Der Rest ist CDU. 
Meine Fachwerkhäuer-Anfangseuphorie hat sich gelegt. Ab und an kommentiere ich ein besonders hübsches Exemplar, bin mir aber schon nicht mehr so sicher, ob ich hier tatsächlich gern leben würde.

Viele Fassaden sind trostlos und in die Jahre gekommen. Die langen Spitzengardinen vor allen Fenstern wirken vergilbt. Oder macht das nur der Regen? Wir treffen kaum Menschen, dafür hohe Zäune, Schützenkönig-Plaketten und Klischee-Dackel. Vor dem Dorfzentrum, am Sonntag Nachmittag, treffen sich ein paar Jugendliche und ein paar Bierflaschen. 
'Wir fahren dann nach H.' -  'Ist da heute was los?' - 'Flohmarkt'."


 "Letzter Tag. Wieder diese Käseplatte. Wieder diese Petersilie. Traurig hängen die grünen Blättchen auf den Plastik-Untergrund. Zur Feier des Tages nehme ich mir ein Brötchen. Marek möchte die rote Marmelade, ich kratze mir Nugatcreme aus der Plastikschale.

Später schließt sich mühsam die Kofferraumklappe über unserem Gepäck, die Frau an der Rezeption wünscht eine gute Heimreise. Draußen scheint die Sonne. Zum ersten Mal in diesen Tagen. Kann es kaum glauben.
Das Städtchen zeigt sich ausgeglichen und fröhlich, fast als wollte es einen letzten guten Eindruck auf uns machen. Wir fahren mit der Bimmelbahn zu einer letzten Touristen-Must see-Station. Mein Kind ist absolut glücklich darüber. Auf der Restauranttoilette umarmt es mich stürmisch. 'Hat es dir denn gefallen im Urlaub?' - Nicken. 'Mama, du bist mein Schatz!'."



"Gehobeneres Café und Konditorei. Am Nebentisch ein Kaffeekränzchen älterer Damen, eine jede sitzt hinter einem Teller mit großem Tortenstück. Es wird viel gelacht. Ein Fotoalbum wird herumgereicht, ich schnappe 'Rheinkreuzfahrt' auf und schiele herüber. Herausgeputzt und perlenbehängt, aber durchaus liebenswert. Ihre alten Wangen sanft mit Rouge belegt, schrille Lidschatten. Als gäbe es nichts aufregenderes als ein Kaffeetrinken mit Freundinnen. Gibt es auch nicht. Nicht für sie. Marek puzzelt, ich lausche ein bisschen: 'Ach, und schmucke Kellner waren dort, sage ich dir...'. Wie Mädchen sind sie, denke ich. Alte Mädchen.

Und dann denke ich daran, wie es wäre, jetzt einfach alt zu sein. Alt und glücklich, in einem Fachwerkhaus in einer bürgerlich-konservativen Kleinstadt. Behütet im Tal, hinter Spitzengardinen, weit entfernt vom Tellerrand. Und mein größtes Vergnügen wäre ein Kaffeekränzchen mit meinen Freundinnen. Wir würden uns dafür einmal in der Woche richtig herausputzen, würden Torte essen weil unsere Figur uns nicht mehr schert und wir würden den jungen Kellnern mit grün getuschten Wimpern zuzwinkern. Und den Kindern am Nebentisch klebrige Bonbons schenken, um schadenfroh zu beobachten, wie entnervte Mütter zuckrige Spucke von Kleidungsstücken putzen. Oh ja!"