Samstag, 19. März 2016

Desperate Housewife 2.0, Freizeitstress, nasse Hosen und schlaflos in Hinterkaffhausen - eine vorzeitige Semesterferien-Bilanz.

Nur noch 15 Tage. Das sind 2,14286 Wochen. 360 Stunden. 21.600 Minuten. 1,296 mal 10 hoch 6 Sekunden. Dann ist es vorbei.
Diese Strukturlosigkeit! Dieses Dahinsiechen! Dieses outrierte Geputze! Dieses Dem-Kind-auf-die-Nerven-gehen, dieses Herumsitzen, dieses To-Do-Liste-anstarren-und-dann-doch-wieder-den-Kopf-übers-Tablet. Dieses seit 1,38082 Monaten andauernde schwarze Loch.
Das sind 42 Tage. 6 Wochen. 1008 Stunden. 60480 Minuten und 3,629 mal 10 hoch 6 Sekunden.

Semesterferien. Seit 6 Wochen andauernde Freizeit, schönes Leben, unbeschwerte Gedanken.
Das war gelogen. Unbeschwerte Gedanken haben in meinem Kopf nicht immer Platz. Da war dieser unsägliche Praktikumsbericht. Tagelang vor dem Computerbildschirm, viele Kalorien und viereckige Augen. Dann das Ding in den Fakultäts-Briefkasten geworfen, umgedreht und auf der Rückfahrt im Zug in der Zeitung meines Sitznachbarn mitgelesen. Schwere Gedanken. Hinterkaffhausen kann wie eine Blase sein, deren Membran Informationen nur semipermeabel nach außen lässt. Nach hier drinnen dringt nichts von Bedeutung, solange es im Auto kein Radio gibt*. Das Internet ausschließlich kommunikativ und zur Unterhaltung genutzt. Die Stereoanlage spielt "Mama Muh braucht ein Pflaster". Nachrichten müssen leider draußen bleiben. Mit Besuchern rede ich über Essen, das Wetter und Musik.

Und trotzdem ist es nicht ruhig. Gar nicht. Mit verbissener Akribie habe ich die Zeilen im Kalender ausgefüllt, Tag für Tag für Tag. Geplant und verplant. Pläne geschmiedet und Listen geschrieben. Ein weißes Blatt Papier mit Kästchen gefüllt, um diese Kästchen Stück für Stück ausmalen zu können. Nur keine lange Weile.
"Wir müssen uns auch mal wieder treffen. Jetzt, wo Ferien sind", schreibst du in mein Facebook-Postfach und ich vergebe Termine. Einen nach dem anderen. Irgendwas treibt mich an. Möchte so viel wie möglich in dieser freien Zeit schaffen. Als gäbe es nur noch diese 8,14286 Wochen, in denen ich alte Bekannte, zurückgekehrte beste Freunde und neue Menschen treffen, die Fenster putzen, Kindersachen nähen und in den Urlaub fahren kann. Adventure! Rund um die Uhr, tickticktick, bis zum apokalyptischen Semesterbeginn.

Sehe auf einmal wieder die Krümel unter dem Tisch, die während des Semesters unsichtbar geworden waren und fege und wische und stehe vor dem Spiegel und kneife in meine Babybauch-Überreste. Dann backe ich Kuchen. Nachmittags hole ich das Kind aus dem Kindergarten ab und wundere mich am Abend, wo der Tag geblieben ist. Oh, wenn ich doch wenigstens schlafen könnte! Kann ich nicht. Bis weit nach 1 Uhr liege ich auf dem Teppich, turne halbherzig ein paar Yoga-Übungen für das gute Gewissen. Lege ich mich tagsüber hin, ziehen unsichtbare Nylonschnüre an meinen Wimpern. In die falsche Richtung. Nachts klaut mir das Kind die Decke (Co-Sleeping, du Nerventod!) und mein Tag-Nacht-Rhythmus läuft völlig verquer. Bin wach. So richtig.

Außer im Elternabend. Da rutsche ich unauffällig auf dem viel zu kleinen Stuhl immer tiefer. Frühlingsfest. Sommerfest. Wer kann denn die Bratwürste...? Nein. Bis da der Name meines Kindes fällt. Was hat er denn...? Aufsetzen. Auf dem Stuhl und eine aufmerksam-interessierte Miene. Drei Jahre alt wird er im Sommer. Und tritt damit feierlich in den Kreis der großen Kindergartenkinder ein. Richtig? Ich nicke ganz ehrfurchtsvoll. Die Erzieherin beugt sich über ihre Papiere zurück, zögert, sieht mich an. In einem bemüht fröhlichen Wir-sind-doch-alle-beste-Freunde-und-reden-hier-mal-unter-uns-Ton lächelt sie ein "Bis dahin habt ihr das doch dann sicher auch mit der Windel geschafft, ja?" und, als hätte dieser dezente Wink an mich nicht gereicht, fügt sie erklärend in die Eltern-Runde hinzu: "Der Marek, der hat nämlich immer noch die Windel!". Reaktionen: Wie dieser neue hässliche "Wow"-Smiley bei Facebook. Nur negativ. Ich ringe den Impuls in mir zu Boden, mich dafür zu rechtfertigen.

Mission Windelfrei Zweipunktnull ist bei uns auch schon längst angelaufen. Und läuft - Wortwitz, ahahaha - gar nicht so schlecht. Die Waschmaschine aber auch nicht...
Noch 15 Tage. Das sind 2,14286 Wochen. 360 Stunden. 21.600 Minuten. 1,296 mal 10 hoch 6 Sekunden. Bis zur Apokalypse für alle bis dahin verbliebenen Windeln.
Wenn das nur nicht in die Hose geht...

Erziehung zur Selbstständigkeit. Attraktiver Klo-Platz für Zweieinhalb-Jährige inklusive eigenem Klopapier.
 Kommt gut an!

Hat vielleicht noch einer einen Masterplan-Tipp für mich? Bitte?
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* Seit kurzem gibt es eins. Fleißigen O-Papas sei hiermit gedankt. Clio-Upgrade. Nie wieder Stille auf längeren Autofahrten. Fast täglich grüßt "Mama Muh". Muuuh.