Dienstag, 8. März 2016

Wellen.

Er sitzt mit Kapuze auf meiner Couch. Mit Kapuze! Das Kind schläft, es ist spät und ich frage, ob man mit Schallwellen dann auch Essen erwärmen kann. Ja, kann man? Er redet eine Weile über die Eigenschaften von Wellen. Über Frequenzen. Es ist fast Mitternacht, ich schaukele auf den Kissen auf dem Boden vor und zurück. Vor und zurück.

Wellenlänge. Er malt Kurven in die Luft. Berge und Täler. Bögen. Krumme Linien. Mit der Kapuze auf dem Kopf und einer seltsam müden Hektik. Ich bin auch müde, wir gähnen uns unverschämt an, aber da sind zu viele offene Fragen, auf denen man nicht schlafen kann. Reflexion. Prallen die Wellen nicht ab, am Brot?

Energie. Mit fahriger Geste streift er sich die Kapuze vom Kopf. Liegt jetzt auf meiner Couch und gestikuliert zur Decke. Das Fragenkarussell dreht und dreht sich durch meine Hirnwindungen und jetzt, kurz vor Mitternacht beginne ich zum ersten Mal, die Gesetze der Physik zu begreifen. Ich bin müde, ich schaukele auf den Kissen vor und zurück und vor mir erstreckt sich ein Teppich nie verstandener physikalischer Grundgesetze. Klar und eindeutig. Muss nur loslaufen, muss ihn nur beschreiten. Aber... zu müde.

Kakao erwärmen. Mit Drum'n'Bass? Abdriften. Wird paradox und unwirklich, die Ideen tropfen nur so aus mir heraus. Er hat es aufgegeben, der Fantasie mit Formeln begegnen zu wollen und lässt sich anstecken. Wir tropfen. Wir tropfen eine Ideen-Pfütze, einen ganzen See auf den Wohnzimmerteppich. Schon nach null Uhr. Morgen früh wird er getrocknet sein, der See. Und nichts mehr übrig. Trotzdem tropfen wir, unermüdlich. Nicht mehr Physik, das Leben.

Da ist ein Graben, sagt er. Die Welt ist nur dein Bild von dir Selbst. Affekte sind in Wahrheit nur der Trennungsschmerz zwischen realer Körperlichkeit und geistiger Transzendenz. Wir haben uns in Rage geredet, mit kleinen Augen und er ohne Kapuze auf meiner Couch.
Das alles hier, sagt er und breitet seine Arme aus gegen die Sofalehne, ist doch gar nicht wirklich da: Wir machen uns das nur.

Und dann weint das Kind im Nebenraum. Fast eins.

Couchsurfing. Always an experience.