Donnerstag, 31. März 2016

Zwischen Schokolade, Misanthropie und Verklärung - Ostern in Hinterkaffhausen, Part 1.


Ostern ist plötzlich da. Am Vorabend des Karfreitags. Im Fastenkalender ist es noch Montag. Das Kind und ich haben Osterhasen gebacken, mit Hefeteig und ohne Rosinen. Und Salzteig-Anhänger. Und ich habe Origami-Hasen gefaltet. Am Vorabend beginne ich, die ersten Nester zu füllen. Etwas unmotiviert stopfe ich Heu ins Papier. Jetzt schon? Ostern?

Am Karfreitag fährt das Kind bis zum darauffolgenden Tag zu seinen Großeltern väterlicherseits in die Stadt. Ich habe diese zwei Tage im Kalender angestrichen und bin erschrocken über die vielen Stunden Kinderlosigkeit. Planlosigkeit. Klammerinstinkt.
Die Zeit vor der vormittäglichen Abfahrt wollen dir draußen überbrücken. Ich habe noch gar nicht ganz das Vorgarten-Tor hinter dem Kind und mir geschlossen, als da die Nachbarn im Weg stehen. Breites Grinsen, diese Pseudo-Herzlichkeit, und mein Kind begrüßt seinen "Werkzeugonkel" mit Freudengeheul. Na schön. Dann eben keine gemeinsame Mutter-Kind-Zeit.
Auf den Gartenweg-Platten ist eine Spur aus Schokoladen-Eiern gelegt. "Der Osterhase war wohl hier...", zwinkert Frau Nachbarin mir verschwörerisch zu. An Karfreitag. Natürlich. Es sind diese Art Nachbarn, denen man schon anzusehen glaubt, dass sie die Traditionen und Werte des "christlichen Abendlandes" mit Tamtam zelebrieren und notfalls mit der Gewalt eines Grenzsoldaten gegen fremden Einfluss verteidigen würden. Und wenn man dann mal ein bisschen mit dem Fingernagel an der Oberfläche herumpult, ist da irgendwie... nichts. An Karfreitag Ostereier suchen? Das ist ein Trauertag. Ein Fastentag. Ihr Christen.

Und trotzdem mache ich mit bei diesem Spiel. Sogar sehr fröhlich. Sage mir, dass sie meine Verächtlichkeit über ihre vielleicht gar nicht so pseudo-herzliche Art, den Nachbarsjungen mit viel billiger Schokolade zu beglücken, gar nicht verdient haben und dass meine beständig wachsende partielle Misanthropie niemanden etwas angehe. Am wenigstens deren Opfer selbst.


Später fährt mein Sohn, mit einem 3 Liter-Gefrierbeutel voller Schokoeiern winkend, davon. Ich winke mit einem 30cm-Hohlkörper-Hasen und einer Rolle Smarties hinterher. Kann den Druck in meiner Brust kaum aushalten. Elender Klammerinstinkt.
Der Druck legt sich erst, als Mittags ein Couchsurfer mit wunderbarem französischen Akzent hier eintrifft. Wir falten Origami-Hasen und wandern ein Stück im Regen durch den Wald. Es ist wie einen alten Freund nach langer Zeit wieder zu sehen. Wir kochen, wir rauchen, wir singen die Songs einer unbekannten Straßenmusikerin, die wir beide mögen und lachen an den gleichen Stellen in einem französischen Film, den wir nachts noch schauen.
Offenes Herz. Fastenkalendermotto.

Rezept folgt!

Ostersamstag.
Über Facebook erreichen mich Videos meines Kindes: Im Indoor-Spielplatz. Beim Suchen. Mit Schokolade. Mit viel Schokolade. Mit Schokoladenmund. Ärgere mich darüber weniger als ich eigentlich sollte.
Ich bin ausgeschlafen und in sonderbar feierlicher Stimmung. Beim Frühstück mit dem Franzosen scheint ein bisschen die Sonne. Draußen und in mir drin auch.

Mareks Osterhasen. "Isch finde, es siehte aus wie petite Dragons", sagt der Couchsurfer.

Ostersonntag.
Es ist das erste Osterfrühstück, welches das Kind bewusst erlebt. Mit vom Osterhasen gedecktem Frühstückstisch, Osterkerze, ganz feierlicher Stimmung. "Was machen wir danach?", fragt Marek und erhofft sich einen Hinweis auf Osterhasen-Präsente. Ich verweise ihn auf den Gottesdienst und ernte ein "Warum?". "Wir feiern heute, dass Gott uns ganz doll lieb hat!", sage ich und fühle es in diesem Moment unaussprechlich intensiv. Diese Liebe schaut mir aus graublauen Kinderaugen mitten ins Herz. Mit bewegender Intensität und verwirrender Klarheit wird mir auf einmal, hier an meinem Küchentisch, bewusst, wie tief diese Liebe ist. Wie sehr sie mich trägt.
Ich bin so bis zum Rand gefüllt mit dankbarer Verklärung, dass das Kind ungestört auf den Küchenläufer pullern kann. Mist.

Kleinkind-Schafe bei Uroma. Von Osterlämmern kann wohl kaum mehr die Rede sein...

Nach dem Ostergottesdienst nehme ich meine Omi im Auto mit bis zu dem Gasthof, in den meine Großeltern jedes Jahr die halbe Familie zum Osteressen einladen. Auf dem Beifahrersitz rezitiert sie den Osterspaziergang. Nach "...Bildung und Streben" muss ich etwas unsanft bremsen. Vor mir überquert noch schnell eine Familie die Fahrbahn. Auf dem Sitz neben mir bleibt es still. In Gedanken fahre ich mit "alles will sie mit Farben beleben" fort, stattdessen kommt ein empörtes: "Wenn die erst mal hier Auto fahren dürfen, da habe ich aber Angst" - "Wer... die?", frage ich und suche die Verbindung mit Goethe. "Na die!", schnauzt meine Großmutter und nickt mit dem Kopf nach hinten. Ich verstehe nicht. "Die Ausländer!", wird sie deutlicher und ich suche erschrocken nach dem Grund für ihren plötzlichen Ausfall: "Die wer...?". Als spräche sie mit einem ihrer ehemaligen Grundschüler beugt sie sich über die Handbremse auf meine Seite und erklärt: "Na diese Leute. Gefährden den ganzen Verkehr mit ihrem Gerenne über die Straße. Haben doch gesehen, dass da ein Auto kam. Wenn die erst hier fahren dürfen... da graut es mir! Bei denen gibts doch keine Verkehrsregeln. Da fährt doch jeder, wie er will."
Achso. Die Familie. "Das waren Ausländer?", will ich wissen. "Ausländer" betone ich sarkastisch. Es entgeht ihr: "Hat man doch gesehen."
Sage nichts mehr dazu.

Schlecht gelaunt treffe ich am Gasthof ein. Die anderen sind schon da. Während das Kind mit dem Großvater puzzelt, werfe ich einen Blick in die Speisekarte. Hätte ich mir auch sparen können. Same procedure as every year. Der Hinterland-Gasthof hat im Jahr 2016 immer noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt und zeigt sich selbst mit einem einzigen vegetarischen Gericht überfordert. Es gibt nichts. Nichts. Selbst im Salat sind Schinkenstreifen. Waren die da im letzten Jahr auch schon drin?
Als die mürrische ältere Bedienung an den Tisch tritt, spüre ich von dankbarer Verklärung und feierlich-fröhlicher Osterstimmung nur noch ein sanftes Kribbeln im Bauch. Könnte auch Hunger sein. Misanthropie, back again. "Können sie mir etwas vegetarisches anbieten?", frage ich und mühe mich um einen netten Tonfall. Die Kühle ist trotzdem nicht zu überhören. Meine Mutter blickt streng über den Tisch. Die Kellnerin überlegt. Lange. Zu lange. "Mh, nein. Tut mir Leid."
Betroffen schaut meine Familie auf die Tischdecke. Ich schiebe den Stuhl zurück und bin im Begriff aufzustehen. "2016!", knurre ich leise. Kann es mir nicht verkneifen. "Naja", sagt sie schnell und nestelt an ihrem Vorbinder herum, "Sie können ja auch den Schinken aus dem Salat nehmen...".
Ernsthaft?

Mein Vater blättert in der Karte herum: "Das Bauernfrühstück... Machen sie das auch ohne Fleisch?"
Machen sie. Widerwillig. Zum vollen Preis versteht sich und nicht ohne beim Servieren noch einmal darauf hinzuweisen, dass es mit Fleischbeilage natürlich viel besser schmecken würde.
Das Kind futtert munter seine Pommes. Mit Ketchup. Im Plastiktütchen.
Kopfschmerzen. Ist vielleicht nur an mir etwas falsch?


Fortsetzung folgt.