Samstag, 30. April 2016

Ukrainer in unserem Wohnzimmer und was der Fastenkalender mit Fahnen zu tun hat.

Nachdem ein bestimmter Mensch Wohnung und Herz verlassen hatte, klaffte da ein bisschen eine Lücke, die mit sozialer Interaktion gefüllt werden wollte. Mit fröhlichen Gesichtern, mit Dankbarkeit und mit Austausch. Herumgesurft. Entdeckt: Couchsurfing. In den Favoriten abgelegt und vergessen.
In den letzten Tagen meiner Elternzeit dann mal aufgeräumt. Gefunden. Erneut angemeldet. Schließlich teile ich gern. Erfahrungen, Akkuschrauber, Essen, Autos, Alltagsgeschichten, Kleidung, Gärten und Treppenhäuser, mein Bett, Erlebnisse, Wissen und Fröhlichkeit.
Und nun, in letzter Konsequenz auch unsere Wohnung.

Im Dezember schlief hier diese Britin mit wunderbaren wallenden Locken, bis zur Hüfte. Wir versuchten gemeinsam eine neue vegane Eierschecke, scheiterten und löffelten nebeneinander auf dem Wohnzimmerteppich halb gebackene Überreste aus Kompottschälchen. Das Kind weckte mich in der darauffolgenden Woche mit feucht geküssten "Gud Mooorning"s. Das war der Anfang. Diese Britin mit ihrem einnehmenden Lachen überrannte alle Barrieren in meinem Kopf. Und plötzlich war da viel Platz. In unserem Herzen und in unserem kleinen Wohnzimmer.



Bis Februar machten wir eine Reihe Bekanntschaften, die das Hinterkaffhausen-Leben ganz schön bereicherten. Ständig neue Menschen. Neue Ansichten. Neue Ideen. Ständig neue und andere Persönlichkeiten. Wir lernten beide, das Kind und ich. Englisch, Diversität und Toleranz. Akzeptanz. Und dass wir im Kern trotzdem alle gleich sind. Dass das Sich-verstehen nicht an den Ländergrenzen aufhört. Dass Dinge sich vermehren, wenn man sie teilt. Und dass gemeinsam Essen einfach viel mehr Spaß macht. Vor allem dem Kind, das zum Frühstück akribisch Weinbeeren auf alle Teller abzählt.


Sämtliche Nachbarn im Umkreis begutachteten das rege Kommen und Gehen unserer Gäste mit wachsendem Argwohn. Dass ich mit einem ukrainischen Pärchen im Vorgarten in englischer Sprache Pizza-Belag-Rezepte besprach, während der männliche Teil das Kind auf der Schaukel anschob, befremdete sie. Merklich. Man grüßte uns weniger auf der Straße.

Ungefähr zur gleichen Zeit passierten noch drei Dinge:

Die Fastenzeit.
Als Christ sind mir diese 7 Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern weniger egal als anderen Menschen. Ich möchte sie nutzen, um in dieser Zeit den Fokus auf ganz bestimmte Dinge zu legen und bewusster zu leben. Seit ein paar Jahren bestelle ich pünktlich den Fastenkalender, der mir 7 Wochen lang einen täglichen Input liefert. Der mich zum Nachdenken bringt und der lange nachwirkt. Im letzten Jahr half mir "Du bist schön!" durch die Trennungsdepression und brachte mich in Punkto Selbstliebe und Akzeptanz meines Körpers ein gutes Stück nach vorn.
"Großes Herz!", in diesem Jahr. Seite für Seite blätterte ich mich durch ein riesiges Plädoyer für Offenheit und Toleranz. Die Entscheidung, meine Wohnung mit Couchsurfern zu teilen, bekam mit einem mal eine viel tiefere Bedeutung.

Die Familie.
Im beschaulichen, hinterwäldlerischen 300-Seelen-Hinterkaffhausen ist die Welt eingezogen. Die Welt, verkleidet als 6-köpfige syrische Flüchtlingsfamilie. Große Aufregung. Positive wie negative.
Der Fastenkalender zum Frühstück sagt uns was zu tun ist. Mit dem Kind an der Hand und einem Beutel verschiedener, in buntes Geschenkpapier verpackter Sachen stiefelten wir am Vormittag das Dorf hinauf.
Für manche Dinge muss man nicht die gleiche Sprache sprechen. Für manche Dinge reicht das, was unsere Augen sagen.
Und ein Lächeln. Mehr nicht.


Die Fahnen.
Die erste entdecke ich morgens beim Zähneputzen. Das Kind sitzt auf seinem Töpfchen und rezitiert lautstark aus Janoschs Tiger und Bär-Geschichten. Die Couchsurfer im Wohnzimmer schlafen noch. Ich schaue gedankenverloren im Spiegel aus dem Fenster in meinem Rücken. Was hängt denn...? Verschlucke mich am Zahnpasta-Schaum. Muss husten. Röchele über dem Waschbecken, spucke und schaue erneut durch den Spiegel aus dem Fenster. Immernoch da.
Drehe mich um, um es nicht spiegelverkehrt zu betrachten: Am Giebel eines etwas höher gelegenen Hauses weht patriotisch und monströs eine von Pegida instrumentalisierte Wirmer-Flagge.

Die nächste fällt mir auf, als wir am Nachmittag meine Eltern besuchen. Aus dem Dachfenster des Nachbarhauses glotzt uns ein hässliches schwarz-gelbes Kreuz auf rotem Grund an. Der O-Papa nickt auf Nachfrage resigniert: Zwei Straßen weiter hänge auch noch eine. Und noch eine. Und noch eine.

Am Ende der Woche hat unser 300-Seelen-Dorf sechs beflaggte Häuser und ein "Refugees not welcome!"-Pappschild. Ankündigungen unseres Kennenlern-Cafés mit der syrischen Familie werden nach Einbruch der Dunkelheit von allen Zäunen und Anschlagstafeln entfernt. Das Samstag-Morgen-Klima beim Bäcker ist ein anderes geworden. Jeder beäugt jeden. Misstrauen. Kühle Distanziertheit.


Ich dehne die Spaziergänge mit dem Kind aus, um alle Exemplare eingehend zu betrachten.
Einmal begleitet uns meine Schwester: "Man müsste denen die Fahnen einfach wegnehmen. Oder andere hinhängen" - "An welche denkst du da?" - "Die gelben. Wo draufsteht, dass die Sächsische Schweiz bunt ist und so".
Meine Schwester ist 10 Jahre alt und geht in die vierte Klasse.

Entfernungsfantasien scheitern allerdings an baulichen Gegebenheiten. Alle Fahnenbesitzer haben für ausreichend Höhe und genügend Diebstahlsicherung gesorgt. Selbst das unschöne Pappschild steht plötzlich unerreichbar hinter einem Fenster. Kurz denke ich darüber nach, jedem Retter des christlichen Abendlandes einen Fastenkalender zu schenken.
Verwerfe den Gedanken aus finanziellen Gründen. Schade.


Nach Ostern spaziere ich mit einem französischen Schlafgast durch den Ort.
"Weist du", sagt er mit seinem charmanten Akzent und bläst den Rauch seiner Zigarette in die kühle Frühlingsluft, "solche Menschen haben einfach zu wenig Liebe!"

Und ein kleines Herz.

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