Samstag, 25. Juni 2016

Let's talk about Haare.


So ein Post, der mir schon so lange am Herzen liegt. Mindestens seit 3 Wochen. Und weil ich nicht ständig Rezepte posten kann, weil dann jeder merken würde, dass ich hier nur am essen bin, muss das jetzt mal sein: Ich wasche meine Haare nicht mehr mit Shampoo. Oder nur noch selten: wenn es schnell gehen muss, wenn es schon nach Mitternacht geworden ist, wenn ich außer Haus dusche. Also schon öfter. Nunja.

Jedenfalls. Eigentlich wasche ich meine Haare mit Natron. Ja. Mit diesem weißen Pulver-Zeug, was im Backwaren-Regal steht und doch irgendwie kein Backpulver ist. Oma schwört darauf, um die Fugen im Bad zu reinigen.
Warum?
Das Internet und ich sind dicke Freunde. Wir sitzen jeden Abend irgendwo zusammen rum, gehen zusammen zur Uni und lenken uns gegenseitig von relevanten Lerninhalten ab. Einmal lausche ich gerade einer Indiefolk-Playlist, als am youtube-Rand dieses Video auftaucht. Ich kenne keine Beauty-Channel. Ich schaue mir sowas auch nicht an - kriegt frau nur Minderwertigkeitsgefühle von. Aber hier bin ich dem Clickbait erlegen. Zum Glück. Die Dame referiert über "NoPoo" (ohne Shampoo waschen) und erwähnt... Natron. Weckt ein ganz versteckt schlummerndes Forscher-Gen in mir. Finde mich am nächsten Tag vor dem Supermarktregal. Kaufe "Kaiser-Natron" - der Markenname, der für mich schon irgendwie zum Produkt gehört wie "Tempo" zu No-Name-Papiertaschentüchern.
Das war vor 3 Wochen.

Und es funktioniert. Tatsächlich. Ist zudem auch einfach. Sowas ist mir ja immer am liebsten. Doch vor dem großen Selbstversuch-Erfahrungsbericht-Beatyblog-Blala noch ein bisschen Theorie: What the fuck ist Natron? Und warum macht das meine Haare sauber? Und warum ist das besser als Shampoo?

Einkaufsliste:
Natron
Apfelessig naturtrüb für die "saure Rinse" danach
- Details unter der ganzen Theorie.
Und Wasser wird gebraucht. Da reicht aber das aus der Leitung.

Natron ist die Trivialbezeichnung für Natriumhydrogencarbonat. Die Summenformel schenke ich mir hier. Es ist ein weiß-kristallines Pulver, ein Salz, hergestellt aus Stino-Kochsalzlösung und Kohlenstoffdioxid. Und Wasser. Man verwendet es heutzutage eigentlich hauptsächlich zur Herstellung von Backpulver oder Brausepulver. Irgendwann hat allerdings mal jemand entdeckt, dass Natron, in Wasser gelöst, schwach alkalisch, also basisch, reagiert. Damit besitzt es die Fähigkeit, Säure zu neutralisieren.

Diese Fähigkeit ist nun schon eine Weile bekannt. So lange schon, dass die alten Ägypter dieses Mittel schon zur rituellen Reinigung und Mumifizierung verwendeten. Es galt und gilt als das Allround-Talent schlechthin. Ein Hausmittel für jeden Zweck: zum putzen von allem und jedem, zum backen und kochen. Es kann (Frucht)säuren im Essen neutralisieren und reagiert zusammen mit einer Säure aufblähend (Hallo Backpulver!). Es kann Gerüche aus dem Kühlschrank ziehen und Fugen schrubben.
Und eben auch Haare waschen. Die schwach alkalische Wirkung entfernt überschüssiges Fett aus dem Haaransatz. Ist das nicht toll?

Zum ökologischen Aspekt. Ich recherchiere seit mehreren Tagen. Und finde einfach keine knallharten Fakten. Darum werfe ich jetzt ein bisschen mit subjektiven Bewusstheits-Empfindungen um mich. Wen das stört, der scrolle nach unten.

Eins - überschaubare Inhaltsstoffe:
Ich weiß nicht, wer sich mit welchen Sachen seine Haare behandelt. Konventionelle Shampoos enthalten scheinbar Silikone. Und die sind böse. Sagt man. Vor dem Natron-Experiment habe ich Naturkosmetik-Kram verwendet, auch explizit Silikon-freies Shampoo. Das hat sich einfach besser angefühlt, nicht nur wegen dem Tierversuchsfrei-Logo auf der Rückseite. Irgendwie gesünder. Natur-näher. Weniger vollgepackt mit allerhand Zeug, dass die Haare zwar auch sauber macht, gleichzeitig aber auch irgendwie transformiert und manipuliert. Einfach echt.
Jetzt also Natron. Nur Natron. Ohne Gedöns. Kochsalzlösung meets Ausatemluft und Wasser unter Zuführung von Energie. Einfache Reaktion, einfacher Stoff. Nachvollziehbar und logisch, keine lange, unverständliche Produktliste. Je weniger drin ist, desto geringer ist das Risiko, dass irgendetwas davon ökologisch fragwürdig, giftig oder sonstwie dubios sein könnte. Klingt logisch, oder?

Zwei - Ungiftigkeit:
Niemand würde auf die Idee kommen, sein Shampoo zu essen. Richtig? Natron kann ich mir gegen Sodbrennen in Wasser auflösen und trinken. Sofort. Kann meinen Haaren also gar nicht unbekömmlich sein.

Drei - Verpackung:
Mein Bauchgefühl findet die Packung Kaisernatron, Pappe und Papier, viel sympathischer als die Plastik-Shampoo-Flasche. Dass Papier mitunter aber sogar eine schlechtere Ökobilanz haben kann, habe ich heute gelernt. Und überarbeite diesen Punkt in meinem Kopf. Bis ich soweit bin, tröste ich mich damit, dass ich mit der Natron-Verpackung im Sommer immerhin den Grill anzünden kann. Wer kann das schon mit seiner Shampoo-Flasche?

Vier - Ergiebigkeit:
Mein Naturkosmetik-Shampoo kostet knappe zwei Euro. Ich kann damit ungefähr 20 mal Haare waschen. Macht 10 Cent pro Haarwäsche.
Ein großes Päckchen Natron kostet auch knappe 2 €. Ich kann damit aber nur ungefähr zehn mal Haare waschen, macht 20 Cent pro Haarwäsche. Wenn ich mein Natron in der Backabteilung des Supermarkts kaufe.
Anders sieht es aus, wenn ich mir nun so einen Eimer anschaffe.
Gesamtkosten mit Versand: 15 €. Inhalt: 200 Haarwäschen. Macht 7kommafünf Cent pro Haarwäsche. Ha! Gespart!


Jetzt aber zum eigentlichen: So geht's!


  1. Einen Esslöffel Natron in eine Schüssel schmeißen und unter Rühren einen Schluck Wasser dazu geben. Es sollte ein Brei entstehen. Wenn sich das Natron nicht vollständig auflöst: Macht nichts, bekommt man trotzdem in die Haare. Geübte Henna-Nutzer von Vorteil.
    Wichtig: Niemals heißes Wasser verwenden! Bei über 50°C löst sich das Natron nämlich wieder in seine Ausgangsstoffe auf. Unschön.
  2. Haare nass machen. Unter der Dusche oder mit dem Kopf über der Badewanne. Wie auch immer.
  3. Natronbrei in die Kopfhaut einmassieren. Am besten mit den Fingerspitzen das Zeug aus der Schüssel kleistern und auf die Haare klatschen. Dann alles schön durchkneten. Die ersten Male sind wie Sex mit einem neuen Partner: man weiß nicht, was das werden soll, es fühlt sich komisch an, aber man macht halt. Und es wird koordinierter, versprochen!
    Wichtig, die Zweite: Kein Natron auf den Haarlängen. Das Fett sitzt an der Kopfhaut, die Haarlängen werden nur spröde.
  4. Ganz kurz noch einwirken lassen.
  5. Auswaschen.
  6. Tadaa.
  7. Bisher unerwähnter, aber sehr wichtiger letzter Schritt: Die saure Rinse. Um das Gleichgewicht nach der alkalischen Wäsche wieder herzustellen, empfiehlt es sich, die Haare mit einer sauren Lösung zu spülen. Eine Apfelessig-Spülung soll die Haare auch unabhängig vom Natron-Abenteuer glatt, geschmeidig, glänzend und leicht kämmbar machen. Also: einen Schluck Essig auf ein Gurkenglas voll Wasser. Noch ein Haar-Fact: Kaltes Wasser verzögert das Nachfetten. Einmal über die Haare gießen. Nicht ausspülen!
    Ja, Essig riecht. Verfliegt aber so schnell, dass es dem Theater-Sitznachbarn nicht auffällt. Und ein veganer Hinweis zum Schluss: Naturtrüber Essig ist besser - teilweise wird nämlich noch mit Gelantine geklärt.
Der Vergleich zum Shampoo-Ergebnis hat mich sehr überrascht. 
Prinzipiell: Jeder Kopf ist anders. Optisch, kognitiv und in der Haar-Angelegenheit auch. Vielleicht bleiben die Haare bei dem einen fettig. Das kann daran liegen, dass mensch vorher Silikon-Shampoo benutzt hat und die Haare Zeit brauchen, um von dem Chemie-Drogencocktail runterzukommen. Vielleicht ist auch einfach die Wasserhärte zu hoch. Oder die Natron-Dosierung zu gering. Natron-Waschexperimente können ein Fischen im Trüben sein, ein Ausprobieren, ein Forschen, vielleicht eine aufreibende Fehlersuche. Oder eben auch nicht. Ich berichte von mir und wünsche jedem Nachmacher und Ausprobierer ähnlich tollen Sofort-Erfolg.

Wie beschreibt frau ihre Haare? Eindeutig - hier fehlt das Beauty-Channel-Knowledge. Ähm. Einfach und präzise, angesichts der Länge des Posts: Alles war sauber. Wie mit Shampoo. Nur besser. Komisch leichtes, unbeschwertes (Haar)Gefühl, samtweicher Glanz. Ein bisschen wie nach einem Friseur-Besuch. Und das ganze drei Tage lang. Gratuliere meinem Kopf zu diesem Rekord. Habe mittlerweile sogar gelesen, dass es Menschen gibt, die mithilfe von Natron ihre Haare nur noch wöchentlich waschen. Bin jetzt angefixt. Tschüß Shampoo!

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