Sonntag, 18. September 2016

Ein Wort zum Sonntag.


Manchmal sitze ich im Auto und fahre von irgendeiner Party nach Hause. Es ist irgendwo zwischen 5 (da war die Musik eher so dazuhabichmit8indergrunschuleschonnichttanzenkönnen oder wir waren alle müde) und 10 (da bin ich wieder irgendwo erwacht, wo ich vielleicht besser nicht zum Frühstück bleibe. Oh.).
Jedenfalls.
Ich sitze im Auto, es ist (früher) Morgen, es ist meistens auch noch Sonntag. Und dann kurz vor Hinterkaffhausen dieser Wald. Ein langes Stück Straße, ziemlich schnurgerade, aus dem Auto-CD-Player irgendwas von Alice Phoebe Lou bis ZAZ. Irgendwas ohne Druck, so für's Herz. Folk, Chanson, sowas. Ich bin irgendwas zwischen 18 und 30. Das Wetter irgendwo zwischen melancholischen Wolken, Sonnenaufgang und strahlendem Himmelsblau.



Und da befällt mich diese eigenartig umwerfende Dankbarkeit. Mitten auf dieser Waldstrecke, wenn da nichts ist, außer dem grauen Asphaltband und allerhand Nadelgewächs links und rechts und obendrüber ein schmales Band Himmel... da fühle ich mich der Welt so mächtig verbunden. So mittendrin in dem kleinen Auto mit Dorfproleten-Tempo 130. Ich bin dankbar. Dafür. Dass ich auf dieser Landstraße den Fuß nicht vom Gas nehmen muss. Dafür, dass das Gaspedal der Teil eines Fahrzeugs ist, dass mir gehört. So fast. Dass dieses Fahrzeug so mühelos die Stadt-Land-Distanz für mich überwindet. 



Und vor allem: Dafür, dass ich beides sein darf. Stadtmaus und Landmaus. 18 und 30. Studentin und Mutter. Partypeople und vernunftorientierte Erwachsene. In diesen wenigen Minuten wird mir bewusst, wie großartig mein Leben ist. Ich darf hier sein. Frei und wild und wunderbar. Bin nirgendwo sicherer. Habe alles was ich brauche. Mir geht es blendend. Ich habe die tollsten Eltern und eine handvoll Freunde straight outta heaven.
Immer wenn ich an diesem Morgenden den Wald durchfahre, hatte ich eine großartige Night out. Immer dann bin ich aufgekratzt und platze fast vor Glück und Zufriedenheit. Das Kind spielt oder kuschelt in diesen Momenten mit der Oma und ich weiß, dass sie das gern tun. Beide. Auch dafür bin ich dankbar. 



Und in der Pause zwischen zwei Titeln fasse ich das Lenkrad mit beiden Händen ganz fest um nicht abzuheben. Lasse die Seitenfenster nach unten und brülle ein "DANKE!" in den Fahrtwind. Einfach so. Weil ich finde, dass das mal gesagt werden muss. Alles andere wäre doch unanständig.
Und weil ich ganz fest daran glaube, das da oben, irgendwo zwischen melancholischen Wolken, Sonnenaufgang und strahlendem Himmelsblau jemand in diesem Augenblick genauso verstrahlt auf mich herunterlächelt wie ich, wenn das Kind glücklich versunken mit dem IKEA-Handmilchaufschäumer Bohrmaschine spielt. Jemand, unter dessen Hand ich hier laufe. Und dessen Schuld das hier alles ist. Danke dafür.


Heute feiert Hinterkaffhausen übrigens Erntedank-Gottesdienst. Die Pastorin predigt vom Dankbar-Sein. Vom Nicht-für-selbstverständlich-halten. Es ist wieder Sonntag, ich denke an meine Auto-Momente und weiß, dass sie recht hat. Möchte am liebsten aufstehen, auf die Kirchenbank springen, meine Faust zur Decke recken und aller Welt zurufen: "JA! Sie hat recht! Seit verdammt nochmal dankbar für das, was ihr seit. Für all das, was ihr habt und erleben dürft. Seit dankbar! Und seit es täglich!"


Bleibe dann aber doch sitzen, atme den Geruch von Blumengebinden und frischen Pflaumen. Vor dem Altar liegt auch ein Fladenbrot. Die syrische Familie hat es gespendet, sie sitzt ganz hinten auf der letzten Bank. 
Dankbar bin ich. Dafür, dass ich hier sein darf. Und dankbar, dass sie da sind. Und dankbar dafür, dass wir gemeinsam hier in dieser Dorfkirche sitzen. Auf harten Bänken, zusammen, Christen und Muslime und Kürbisse und Fladenbrot. Danke.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hey, ich freu mich, wenn du mir was nettes schreibst!