Donnerstag, 8. September 2016

Wutkind, Ersatzverkehr und Fastfood - Raus aus Hinterkaffhausen I.


Sitze vor dem Club, bin angeheitert und rede zu viel. Von Gentrifizierung und der Dresdner Neustadt. Von diesem herrlich bunten Flecken Stadt, von Streetart, von Szene, von Subkultur. Mein Gegenüber nippt an seinem Bier. Ist nicht von hier. Gibt sich unbeeindruckt. Zieht eine Augenbraue nach oben und wirft ein „Berlin“ ein. Friedrichshain. Kreuzberg. Neukölln, neuerdings. Besser. Größer. Geiler. So, ja?

Und daheim liege ich mit dem Tablet im Bett und lese Artikel über den Berlin-Hype. The place to go. Freiraum. Cosmopolite. Hip und angesagt. Wie eine bessere Neustadt-Farbkopie mit speziellem Großstadtflow. Eine echte Hausbesetzer-Szene! Mein Kopf pustet buntschillernde, große Erwartungsblasen. Als ich beginne, über Sommerurlaub und mögliche Travel-mit-Kind-Routen nachzudenken, schreibe ich Berlin ganz dick auf den Brainstorming-Zettel. Ich will Vöner essen. Und die viel beschriebene Rigaer Straße überqueren. Und mal wieder U-Bahn fahren. Menschenbaden. Großstadtluft inhalieren.


Am Stadtrand finden wir einen bezahlbaren Zeltplatz. Mit dem Auto sind es 10 Minuten zur S-Bahn-Station mit P+R-Platz. Perfekt. Auf ausgedruckten und aneinander geklebten Google Maps-Screenshots habe ich die Must-Sees markiert. Veganer Brunch im "Oh la la", Kunstmarkt auf dem RAW-Gelände, Boxhagener Platz und Simon Dach-Straße. Tempelhofer Feld, Treptower Park, Warschauer Straße. Danke Couchsurfing. Fühle mich auch ohne smartes Telefon vorbereitet. Dem Kind gegenüber schwärme ich von hundert spannenden Autos und ganz viel Eis. Vegan natürlich. Berlin kann das.



Wir steigen in Grünau zu. Lieber nicht hinsetzen, findet das Kind. Einmal quer durch die gesamte Bahn. -"Wo sitzt denn der Zugführer, Mama?"
Ich schiebe den Buggy im Sturmschritt durch die Mittelreihe, dem entschwindenden Kind hinterher. Soweit das möglich ist. "Entschuldigung!", sage ich, als ich in einer Kurve ins Taumeln gerate und einer Mittfünfzigerin die Schwenkräder in die Waden ramme. "Verzeihung!", wiederhole ich atemlos bei jedem im Weg liegenden Gepäckstück und "Sorry, kann ich mal kurz...?"
Aber verdammt nochmal - das hier ist die Großstadt. Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen!

Als wir auf dem RAW-Gelände ankommen, hat Marek schon keine Lust mehr auf Buggy und Autos-gucken. "Wei-ter-fah-ren!", quengelt er immer dann, wenn ich kurz an einem der Flohmarktstände anhalte um zu schauen. "Aus-stei-gen!", kontere ich und ernte lautes Wutgeheul. Alles dreht sich nach uns um. Das Publikum ist ungleich größer als in Hinterkaffhausen und Umland. Größere Bühne. Mehr Raum für Inszenierungen. Bei jeder sich bietender Gelegenheit setzt sich das Kind groß in Szene. Lautstark. Mit Tränen, Fäusten, Spucken, Bodenkontakt. Hippe Eltern praktizieren "Unparenting", ich schwitze, mantra-e "Nein!", "Das möchte ich nicht!", "Schluss jetzt!" und werde den Verdacht nicht los, dass die Stadt das Kind einfach überfordert. Mich auch.


Mittags essen wir Fastfood. Täglich. Das Angebot an veganem Fastfood ist grenzenlos, immergleich, einfach, billig. "Berlin ohne Falafel geht nicht!", hatte ein Couchsurfer geschrieben. Also gibt es orientalisch. In "F*hain" und "X-berg" an jeder Ecke. Wir treffen Festival-Freunde und stellen fest, dass französisch vegan brunchen viel zu angesagt ist, um mit kleinen Kindern Platz zu finden. Überall Menschen. Viele. Menschen. Es ist laut. 
 


Es gibt einen Foodmarket mit Kidsspace. Parke unseren abgeranzten Second-Hand-Vierräder neben Retro-Kinderwagen und sportlichen Sondermodellen. Während das Kind mit seinem Freund durch Kriechtunnel kriecht, habe ich Zeit, alles eingehend auf mich wirken zu lassen. Und fühle mich so gar nicht wohl und willkommen."Szene" ist hier irgendwie elitär, künstlich abgehoben, distanziert, aufgesetzt ungezwungen, viel zu betont fröhlich. Alle duzen sich. Alle sind erstmal Freunde. Aber keiner meint das ernst. Locker und entspannt Matcha Latte in der Kinderecke schlürfen sieht nur höllisch gut aus. Der nicht mehr ganz so frische Vater streicht sich den ironischen 6-Tage-Bart und prostet mir gönnerhaft zu. Dabei fällt die in die Haare geschobene Sonnenbrille auf den Kinder-Maltisch. Eine Vuitton.
Das hier ist nicht Dresden-Neustadt. Vielleicht die ultra-gentrifizierte Version von ihr.
Später laufen wir endlos lange zurück zur S-Bahn-Station. Muss ein Seufzen unterdrücken. Viel zu groß. Viel zu ungemütlich. 


Schon nach zwei Tagen ist der ausgedruckte Liniennetzplan zerknüllt und abgegriffen. Nichts stimmt. Mühsam erarbeitete Verbindungen werden umgeleitet und damit sinnlos. Unwort dieser Tage: Ersatzverkehr. Wir steigen aus und ein und aus und ein und um. Verbringen halbe Tage mit dem BVG. Wütend leckt das Kind die Schienenersatzbus-Scheibe ab. Ich bin zu kaputt um ihn noch davon abzuhalten.
Aber alle haben diesen müden Blick. Alle. Diesen leeren, ignoranten Städterblick. Dieses gegenwartsabgewandte Ichkümmeremichummichundsehhierjedentagvielzuvielalsointeressiertmichdasnichtmehr. Und ich verschwitzt, orientierungslos, planlos, asphaltlahm. 

Aaaaatemlos durch die Stadt. 



Städtetrip und 3jähriger mit Hyperaktivität sind eine... nunja, beschissene Konstellation. "Auf dem Tempelhofer Feld über die Landebahn spazieren" habe ich aufgeschrieben und halte das nach zwei Tagen Buggy-Bürgersteig-BVG für den Masterplan. Die Sonne knallt, ich halte den Liniennetzplan umklammert. Die Anzeige am U-Bahnsteig weißt uns freundlich auf Schienenersatz hin. Verbringen unfreiwillig eine halbe Stunde am Kotti. "No-go-Area!", titelte Vice. Ich sehe keine Dealer, werde aber fast überfahren.


Um die Mittagszeit haben wir Neukölln erreicht und verlaufen uns auf dem Weg zum alten Flughafengelände. Lost in the city.
Plötzlich stehen wir mitten in der alten Neustadt. So gefühlt. Da ist ein süßes alternatives Café. Es gibt Kuchen. Ich werde gesiezt. Für einen kurzen Moment empfinde ich so etwas wie schwache Sympathie für Big Börlünn, fühle mich der Auflösung des Berlin-Hype-Mysteriums mit einem Mal nah.


Und es hält an, den ganzen Nachmittag über, den wir im Allmende Kontor verbringen. Dem Gemeinschaftsgarten-Projekt auf dem Tempelhofer Feld. Olle Dorfkinder. Großstadtluft inhalieren macht Halsschmerzen. Aber hier... Hier geht es mir gut. Etwas wehmütig streichle ich eine Sonnenblume und denke an Hinterkaffhausen.


Kontrastreicher Rückweg. Wieder Ersatzverkehr und Baustellen-bedingte Umwege jenseits der elaborierten, hippen jungen Szene. Ich frage mich. Wer den Fernseher auf den Bürgersteig geworfen hat. Warum niemand mehr im Vorbeilaufen in die offenen Erdgeschoss-Fenster schaut. Ich schon. "Was jibts'n zu kieken?"
So viele Menschen leben auf engstem Raum nebeneinander. Und alle sind so verschieden wie Tag und Nacht. Ich frage mich. Wie dieses Miteinander funktioniert. Ob die asiatisch aussehende Frau auf dem Balkon weiß wie ihre Nachbarn heißen.


Was wir noch mitnehmen: einen Hauch Krawallstimmung auf der Rigaer Straße. Linksautonome Süßkartoffelpommes, die das Kind wütend auf dem Gehweg verteilt: "NEIN! Ich wollte RICHTIGE!". Postkarten aus Kreuzberg, leider nicht mehr alle Sandförmchen vom Spielplatz. "Hier ist es mittlerweile üblich, sein Spielzeug mit Namen zu versehen", sagt F. 
Anstrengend. Um 21 Uhr fallen mir im Zelt die Augen zu.


Zusammengefasst: Der Hype um Börlünn bleibt unverstandenes Mysterium. Großstadtluft macht Halsschmerzen. Asphalt macht Kinderbeine müde. Und veganes Erdbeereis gibt es hier auch.


Kommentare:

  1. Hey
    Will dir gar nicht zu nahe treten und vielleicht ist es auch nur ein Begriff, aber eine Hyperaktivität im Sinne von ADHS kann man einem 3-jährigem Jungen nicht diagnostizieren.
    Aber vielleicht meinst du es auch nicht im herkömmlichen Sinne.

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    1. Hallo!
      Ja - das dachte ich auch. Nach dem Elterngespräch und Gutachten in der Kita gibts aber jetzt wohl Integrativbetreuung, Begründung: ADHS. Nun. Allerdings halte ich eh nicht allzu viel von dieser "Krankheit".

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Hey, ich freu mich, wenn du mir was nettes schreibst!