Montag, 17. Oktober 2016

Hallo Halle! - die Erste.


Erzähl mehr davon, lese ich das Instagram-Kommentar und seufze ein bisschen schwer gegen meinem Spekulatius-Keks. Ich muss und möchte so viel erzählen. Wie wir unser eigenes Tomatenmark eingekocht haben, zum Beispiel. Oder ein Spießer-Deko-Schriftschild gebastelt. Oder die Story mit den Puppentheatereltern. Und dann müsste ich aber eigentlich auch die Wäsche waschen und vorher die von den letzten zwei Wochen vom Korb in den Schrank sortieren, die sterblichen Geranienüberreste auf dem Kompost begraben, noch 2 Hosen und einen Pulli nähen. Oder einfach mal meine Augenringe wegschlafen. Oh - und auch noch studieren, so nebenbei.
Auf der Hinterkopf-Todo-Liste reicht mittlerweile der Platz nicht mehr. Die Ränder sind schon quer beschrieben, durchgestrichen ist noch nix. Ich freue mich ein bisschen auf dieses kommende Wochenende und auch ein bisschen darüber, dass dieses Couchsurferpärchen kurz vorher seinen Aufenthalt cancelt. Nehme mir die Geranien vor, klopfe brüderlich auf die Nähmaschinenverkleidung und stelle motiviert die Schmutzwäsche-Truhe ins Bad neben die Waschmaschine.



Dann kommt alles irgendwie anders. Seit Wochen stehe ich wieder Montags auf einem zentralen Dresdner Innenstadtplatz und zeige PEGIDA mit meiner Präsenz symbolisch den Mittelfinger. In der Gegendemonstration, zusammengeschrumpft auf lächerliche 30-50 robuste Menschen. Mittlerweile hat frau Kontakte geknüpft. Man kennt sich, man nickt sich von weiten kollegial zu und ab und an trinkt man später auch noch ein Bier zusammen. Einmal Montags ist die Rede von dieser Konferenz von "Aufstehen gegen Rassismus". Strategien gegen die AfD sollen da gemeinsam entwickelt und diskutiert werden, um Vernetzung und um neue mögliche Aktionsformen soll es gehen. Alles in allem klingt das furchtbar spannend. "Wäre dabei", sagt mein Mund, noch bevor die Hinterkopf-Todo-Liste die nötigen Synapsenverbindungen ausgelöst hat. Mit Kind, natürlich.


Irgendwer kümmert sich erstaunlich schnell um eine Übernachtung in einem Hallenser Hausprojekt. Für lau, heißt es. 7 Betten-Gruppenzimmer im Band-Backstage, Küchenzeile, Klo. Ich nicke das ab. Gegen Spende Backstage übernachten erscheint mir eine wunderbare Lösung. Und außerdem habe ich seit meinem Solo-Berlin-Trip eine Affinität zu linken Hausprojekten. Das Semesterticket bringt mich und das Kind sowieso zumindest bis Leipzig. Das S-Bahn-Ticket bis Halle bleibt weit unter dem zu erwartenden Spritgeld-Verbrauchs meines Clios auf der Autobahn.
Während ich mit J. fürchterlich gut gelaunt beim Inder esse, sende ich übermotiviert die Online-Anmeldung ab. Die Hinterkopf-Todo-Liste sperre ich geknebelt ins Hinterstübchen. In mir breitet sich ein eigenartig zufriedenes Gefühl aus. Das Gefühl, endlich mal wieder etwas wirklich relevantes zu tun. Mich einzubringen. Das Gefühl, aktiv für eine gute Sache zu sein.
Und dann ist da noch ein Gefühl von Genugtuung. Das Gefühl, es meinem kleinkarierten, eher unpolitisch-spießigem Mutterleben mal wieder so richtig zu zeigen. Es ist das gleiche Gefühl, dass ich mit 16 hatte, als ich zum ersten Mal das AZ (Alternative Zentrum) betrat. Oder das, als ich mit eingeschlafenem Arm auf der Tätowierer-Liege Selfies schoss (Ja, kann ich auch).
Das fühlt sich gut an.


Donnerstag fahre ich kinderlos zu Dota nach Chemnitz. Schlafe knappe 6 Stunden, stopfe hektisch Kinderwechselsachen, Puzzle und anderes Stillbeschäftigungs-Spielzeug und Kekse in meinen Uni-Rucksack. Rase mit dem Clio in die Einfahrt meiner Eltern. Tausche dort zum ersten Mal allein Sommer- gegen Winterreifen (JA! Kann ich!) und fühle mich gigantisch.
Emanzipiert. Selbstständig. Frei. Stark.
2,5 Stunden Regionalbahn-Bummelzug mit ADHS-Kind? Kein Ding. 2 Stunden öde Podiumsdiskussion mit müdem Quengelkasper? Ach was. Übernachtung im Backstage-Bereich und vorn tobt die Aftershow-Party? Pff. Und Gruppenzimmerromantik mit verkaterten (überwiegend) U26-Antifa-Aktivist*innen und Frühaufsteher-Kind? Passt so.

Die Fassade bröckelt schon leicht am Mittagstisch meiner Eltern. "Halle?? Warum denn ausgerechnet Halle??" - "Weil die Konferenz Mitteldeutschland komplett vernetzt" - "Aber hast du dir das gut...?" - "Ja." - "Mit dem Kleinen? Du tust dir und ihm doch keinen Gefallen! Der Arme kann doch nicht die ganze Zeit stillsitzen!" - "Soll er ja gar nicht." - "Dann bringt dir das doch nichts, wenn du dem Kind immer hinterherläufst. Müsst ihr denn ständig unterwegs sein? Das ist doch nicht wichtig!" - "Doch."
Meine Mutter kneift missbilligend ihre Lippen zusammen, als ich Marek ("ZUUUUG fah-ren! ZUG FAHREN!") im Auto anschnalle. Der Haussegen kippt weiter, als ich auf ihre Veranstalter-Frage wahrheitsgemäß mit "Linke Bündnisse und Organisationen und die Linksjugend" antworten muss. Die Junge Union hätte ihr wohl besser gepasst.


Tür zu, Motor an, Bahnhof.

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