Samstag, 22. Oktober 2016

Kindermate. (Hallo Halle! - die vorläufig vorletzte)

(Teil 1 und Teil 2  sind hier nachzulesen.)

Vom Hausprojekt zur Straßenbahn. Ersatzverkehr. Eh Halle, jetzt tu nicht so Berlin. Passend dazu: Asphaltlahmes Kind mit ÖPNV-Aversion. Und keine Fahrkarte. Alles ein bisschen wolkig, mit Aussicht auf Pommes.
Wir fahren in Richtung innere Stadt und ich muss meinen Ersteindruck korrigieren. "Hach", schwärmt der momentan sowas wie beste Freund männlichen Geschlechts an der Haltestange, "ich finde Halle ja so schön!" Tatsache. Altbau. Dresden-Neustadt-Flair, süßer Einzelhandel, Studenten im Stadtbild, schmale Gassen, "Veggie-Döner" und Antifa-Sticker am Laternenmast. Und das Vegs, ein vollveganes Bistro. Kann Halle also auch. Ich bin entzückt, lasse mir aber noch nicht allzu viel anmerken.



Im Bistro gibt es Berlin-Style Fastfood. Pommes. Club Mate. Und Kindersaft-Fake-Mate für den jüngsten Herrn. Es ist fast ein bisschen zu sehr hip für diesen 90er-Flashback von vorhin. Ich betrachte dieses vollkommen glückselige Kind mit salzigen Fingern und Ketchupgesicht. Wie es da sitzt. Auf seinem Barhocker. Lässig Kindersaft aus der Flasche trinkt. Wie es sein Erzeuger-Grinsen grinst, mit schmalen Augen, die Haare reichen schon fast bis auf die Schultern. Kann ihn förmlich vor mir sehen, in 20 Jahren. Auf einem Barhocker im Vegan-Bistro, Limo-Flasche, blonde Locken und dieses Grinsen. Vielleicht wird das so. Vielleicht auch gerade nicht. Vielleicht macht diese Hallenser Freiheitmitkind-Stimmung mich sonderbar sentimental. Vielleicht will ich, dass genau jetzt die erwachsene Kopie meines Kindes dieses Bistro betritt. Vielleicht will ich, dass die Ähnlichkeit keine verwandtschaftlichen Hintergründe hat. Vielleicht will ich mir nur die Mate teilen. Vielleicht will ich auch einfach nur nicht aufessen.


Die Podiumsdiskussion ist in vollem Gang als wir uns Seitan-Wrap-geschwängert in den Saal schleichen. Mein Kind ist müde, ich ahne schreckliches, man dreht sich schon nach uns um. Irritierte Gesichter, immerhin ist es nach 19 Uhr. Ich lächle in die Runde. Vielleicht ist das nur eine Einstellungssache, vielleicht muss ich alles was passiert positiv betrachten. Ruhiges Kind: spannende Statements. Quengelkind: die Möglichkeit, der ermüdenden Frage-Antwort-Show zu entkommen. Ha! Always look on the bright side of life.
Und ich muss staunen: IKEA-Memory-Spiel auf dem Boden hinter den Stuhlreihen. Hinhören mit einem halben Ohr. Enthusiastisch spielendes Kind als Stummfilm, nur gelegentlich von siegestrunkenem Jubel ("Und da ist die AfD im Landtag..." - "Mama, ICH HAB WIEDER GEWONNEN!") unterbrochen. Ich kratze abwesend Dreck von den Fliesen und feiere das Leben still in mich hinein.
Tag Eins endet um 22 Uhr, Seite an Seite mit dem schönsten Klotz am Bein im unteren Doppelstockbett. Die Bettwäsche ist komisch modrig. Die Gäng verabschiedet sich zur Aftershowparty. Über uns HipHop, gedämpft. Stimmen, Bierflaschenmusik. Ich schlafe ohne das Gefühl ein, etwas verpassen zu müssen. Verwirrend neues Gefühl.


Tag 2 beginnt um 5:50. Fünfuhrfünfzig. Die Gäng schläft, es ist dieser Alkohol-Schlaf, ich erkenne ihn an den Atemzügen. Gruppenzimmerromantik mit Kind. Es darf umgotteswillen nicht aufstehen. Nicht fünfuhrfünfzig. Pettersson-Folgen auf dem iPod bis 7:30 Uhr, von gelegentlichen Schlafphasen unterbrochen. Meinerseits. Ist das noch Rücksichtnahme oder schon versagende Abstell-Erziehung?
Viertel vor acht sind wir angezogen. Unverständnis bei Marek. Warum denn alle hier immernoch...? Sssssch mache ich, der Mensch im Bett hinter uns zieht im Halbschlaf Kopfhörer auf die Ohren. "Mamaha!", empört sich das Kind lautstark, "Im Bett darf man nicht mit Kopfhörnern schlafen!"
Bevor der Mensch zur rechten eine Flasche nach uns werfen kann, verlassen wir den Backstagebereich.
Rewe-Bäcker.

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