Montag, 31. Oktober 2016

Warum wir kein Halloween feiern (wollten) - und ich trotzdem Gespenstermuffins gebacken habe.


Gespensterfest.
Ich sehe den Aushang in der Kindergarten-Garderobe und rümpfe die Nase. Schaue mich dann aber unauffällig um. Hoffentlich hat's keiner gesehen. Meine Aversion. Gegen Gespensterfeste. Gegen Halloween im Allgemeinen. Gegen "Wir-stecken-Kinder-in-Horrorkostüme-und-finden-das-lustig". Gegen abgetrennte Finger aka Wiener Würstchen auf dem Buffet, gegen "Blutpudding" für Vierjährige, gegen die Glorifizierung von (Un)tod. Pfui.

Eigentlich wollte ich jetzt mal einen Blog-Artikel schreiben, der nicht vom Meinen, Fühlen, Glauben und Empfinden handelt. Ich wollte einen Anti-Halloween-Post schreiben, aber faktenbasiert und gut recherchiert. Wollte wenigstens einmal eine fundierte Argumentation abliefern und nebenher ein bisschen aufklären. Hatte dazu einen Kampfartikel in der Huffingtonpost gelesen und den Blogger-Tab mit Posting-Seite schon offen. Die "Fakten", die ich da las, passten mir sehr gut ins Bild. Meine Argumentation sollte auf die historischen Hintergründe von Halloween aubauen, die nicht sehr... nunja, feierwürdig erscheinen. Totenfest? Kinderopfer? Ohja.


Glücklicherweise kam ich auf die Idee, mich über den historischen Hintergrund durch herumgegoogle etwas eingehender zu informieren, um fundierte Anhaltspunkte zu finden und schlussendlich begründen zu können, warum Halloween, Verzeihung, dämlicher Bullshit ist.

Und zwar: Halloween, so vermutet man, ist eine ursprünglich keltische Tradition mit dem Namen "Samhain", einem Totenfest als Übergang zwischen Sommer und Winter, benannt nach dem keltischen Totengott. Der Sommer, so glaubten die Kelten, sei die Zeit des Lebens, wohingegen der Winter mit dem Tod gleichgesetzt werden muss. In der Samheim-Nacht würden nun diese beiden Zeiten aufeinander treffen, der Tod sei unmittelbar nah. Verstorbene würden sich den Lebenden nähern, um sie mit in ihr Totenreich zu nehmen.
Aus Angst davor begannen die Kelten sich als Tote zu kostümieren - denn wer schon tot ist (oder eben einfach nur so aussieht) kann nicht mehr kassiert werden.

Im Zuge der "Christianisierung" im 9. Jahrhundert löste "Allerheiligen", gefeiert am 1. November, das alte Samhain-Fest nach und nach ab. Alte Traditionen der Kelten leben allerdings auch bei ihren christlichen Nachfahren weiter. So exportierten irische Siedler im 19. Jahrhundert diese Verkleidungszeremonien nach Amerika, wo man sie weiterhin am Vorabend von Allerheiligen, dem "All Hallows Eve" (woraus später "Halloween" wurde) zelebrierte.

Von Kinderopfern fand ich nichts. Und auch so liest sich, mal abgesehen vom Terminus "Tod/tot", dieses Fest wie eine alte Tradition, vergleichbar mit dem Martinsumzug oder... vielleicht auch mit Nikolaus. Ein überliefertes Gebahren. Verkleidung... Gibt es etwas harmloseres als das? Meiner im Kopf schon großartig formulierten Argumentation wird der Boden weggezogen. Plums, flattert das Kartenhaus auf den Tisch.


Was bleibt, ist Kapitalismuskritik und ein dumpfes Unwohlsein. Wieder nur eine Meinung und ein Gefühl:

Ich wundere mich. Über diese Todessehnsucht für einen Tag. Verzerrte, gruselig schreiende Masken in den Supermarktregalen. Ist denn die Welt nicht schon grausam genug?
Wir wollen keine Bilder sehen, in denen Menschen solche Mienen zeigen. Für Nachrichten, in denen wieder Bilder aus Aleppo, aus Damaskus, aus Bagdad im Fernsehen gesendet werden, bittet man die Kinder gekonnt aus dem Zimmer. Wollen ihre zarten Seelen nicht zu sehr belasten, sagen sie.
Und probieren Freitags beim Wochenend-Einkauf zweidrei Plastik-Blut-verschmierte Schreimasken auf. Die Kinder dürfen auch mal. Es wird gelacht.
Ich wundere mich.
"Bitte tragt in die Liste ein, was ihr für unser Gruselbuffet mitbringen wollt", fordert der Aushang auf. Ich lese: Finger-Würstchen. Blutpudding. Gummibärchen-Augen. Ungewollt und ohne es verhindern zu können rezitiert mein Gehirn Schlagzeilen: "..sprengt sich inmitten einer Menschenmenge...", "Explosion, 21 Tote", .... Mir wird schlecht. Ich wende mich ab.

Was ich an Halloween kritisiere, ist nicht der Ursprung an sich. Eigentlich ist Verkleidung gegen untote Verwandte schon fast niedlich. Meine Kritik richtet sich gegen diese schwer nachvollziehende Freude an martialischen, gruseligen Kostümierungen. An der Darstellung von Grausamkeiten, über die sich an diesem einen Tag im Jahr alle Welt freut wie über ein Biene Maja-Kostüm. Welcher "echte" Tote sieht denn bitte aus wie Joker?
Scheinbar weiß niemand mehr über den Ursprung des Festes Bescheid. Es ist eine gigantische Vermarktung mit sinnlosem Grusel-Equipment. Kapitalismus, du Vollpfosten. Dabei könnte man ein Totenfest, obschon es ja doch mit Leichen zu tun hat, durchaus kinderfreundlich und sinnvoll gestalten. Als Lichterfest oder Laternenumzug. Mit Aufklärung über diese alten Traditionen.
Beschäftigung mit dem Tod - ja! Aber doch bitte ehrlich und sachlich! Halloween könnte zum Beispiel eine gute Gelegenheit sein, um gerade im Kindergarten mal über das heikle Thema zu sprechen. Ist Tod denn tatsächlich etwas, wovor wir Angst haben müssen?


Woher kommt denn diese schwer zu verstehende Freude an zerstückelten menschlichen Gliedmaßen? Warum wirken destruktive, dunkle Verkleidungen so anziehend? Wer hat sich denn ausgedacht, dass ein Totenfest mit Hexenkostümen und Nudel-Würmern zelebriert werden muss?
Und: Wer bitte schminkt sein Kind wie ein Kriegsopfer? Das Kind, welches man liebt?

Ich beschließe, dieses ekelhaft kapitalistische Fest vehement zu boykottieren. Nicht, weil es allgemein furchtbar ist. Aber weil es furchtbar ausgetragen wird. Weil ich nicht einsehen mag, warum ich diese zarte, unschuldige Kinderseele (danke, Huffpost!) mit grenzwertig abartigen Kunstblut-Übertreibungen und leuchtenden Plastikteilen nachhaltig belasten sollte. Es reicht, wenn wir mal zusammen die Nachrichten sehen. Wir brauchen keine künstlich herbeigeholte Grausamkeit. Wir wollen nicht abstumpfen und Finger-Würstchen essen. Wir haben die Realität.


Das ist die Theorie.
Die Praxis: Am Vorabend zum "Gespensterfest"-Tag steht das Kind plötzlich gegen 22 Uhr wieder in der Wohnzimmertür. Kuschelmodus. Dackelblick. Herumdrucksen. Dann, endlich: "Mama? Ich will auch ein Gespenst sein! Alle Kinder feiern morgen Gespensterfest!"
Ich versuche alles. Von "Es gibt doch gar keine..." - "DOOOHOOCH!", bis "Wir machen morgen hier was tolles...?" - "Aber ich WILL SO GERNE!" über "Ab ins Bett jetzt!" bis "Ich habe Nein gesagt!" - "Mamaaaaaa".
Schließlich geht mir die Luft aus. Einem wimmernden Kind in meinen Armen erkläre ich meinen Halloween-Standpunkt. Es hört mir nicht zu. Habe ein schlechtes Gewissen. Vielleicht lässt uns mein Idealismus auch einfach Vereinsamen? Und eigentlich sind wir ja weltoffen und tolerant... Und Abschreckung ist vielleicht auch die beste...

Das Kind betritt am nächsten Morgen verkleidungslos den Kindergarten. Schweren Herzens kritzele ich meinen Namen in die Buffet-Liste. Idealismus und Boycott hin oder her - ein einsames, trauriges Kind gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Und außerdem bin ich ja tolerant. Stur lächeln und winken.

- verkleidete Schokomuffins und Foccacia-Knochen dienten der Anpassung. Legitimation: Subtile Veganisierung. Na, immerhin.


Achja: Gegen 20 Uhr trage ich ein weinendes Kind zurück nach Hause. Ich muss mich zu ihm ins Bett legen, flüsternd gesteht er: "Mama? Ich geh nicht mehr in den Kindergarten, wenn da immer so gruselige Hexen da sind!"
Merke also: Halloween ist kacke. Vor allem im Kindergarten. Genau darum.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hey, ich freu mich, wenn du mir was nettes schreibst!