Montag, 7. November 2016

Bye, bye Love... (Nicht)Schmardfon-Story, Teil Eins.

Ich verlasse das letzte Seminar des Tages kurz nach 18 Uhr. Nur nochmal pullern. Ich stehe gerade am Waschbecken, als in meiner Manteltasche mein Handy vibriert. Und vibriert. Hört gar nicht mehr wieder auf. Trockne die Hände am Kleid, will den Anruf entgegen nehmen. Aber es ist kein Anruf. Das Display blinkt weiß. Schwarzweißschwarzweißschwarzweiß. Dazu vibriert das Telefon. Durchgängig, in der öffentlichen Toilette im Seminargebäude. Wie Sexspielzeug.
Ich bin erstaunlich ruhig dabei. Kein spontaner Anfall von Mobiltelefonverlustängsten. Ohne über das Warum nachzudenken, stecke ich es dorthin, wo ich es herausgeholt habe. Bin einfach zu müde. Interessiert mich nicht.
Als ich das Auto erreiche, vibriert meine Manteltasche immer noch. Und immer noch, als ich eine halbe Stunde später das Kind bei seinem Papa einsammele. Und immer noch, als ich daheim die Wohnungstür aufschließe. Und immer noch, als ich das Kind schon lange ins Bett gebracht habe. Räume gerade die Spühlmaschine aus - da ist es plötzlich still. Auch das Blinken hat aufgehört. Display schwarz. Mein 4 Jahre altes, treues Nicht-Smartphone reagiert nicht mehr. Auch am Ladegerät lässt es sich nicht zum Einschalten überreden.
Da ist er - der Kloß im Hals. Ich tippe schon Entschuldigungen und Handy-Gesuche in das soziale Netzwerk und streichle dabei sanft über das tote Display. Sollte es das gewesen sein? Ist das hier der langsame, qualvolle Tod des letzten Tastenhandys? Das Ende unserer 4-jährigen Ehe, in guten wie in schlechten Zeiten geteiltes Bett und täglich geteilte Konversationen?



Ich hasse Smartphones. Tief in mir sitzt diese Aversion gegen flache, viereckige Mini-Brettchen mit Touchdisplay. Ich boykottiere vehement diese filigranen Alleskönner, deren Ultra-berührungsempfindlich-ich-drücke-permanent-aus-Versehen-irgendwas-was-ich-nicht-will-Displays schon splittern, wenn sie mal von Klo-Höhe auf die Badfliesen fallen. Pah. Anfänger.
Ich will kein Telefon, dessen Selfie-Kamera mich morgens ungekämmt ausspioniert. Also, so rein theoretisch. Will keine nervigen WhatsApp-Familienchats mit Sonntagskuchen-Fotos und "Was schenken wir'n der Tante Ärigaa zum 50.??????"-Satzzeichentourette-Diskussionen. Ich will mich in einer Stadt verlaufen, unbekannte Orte entdecken und Menschen über "Scheiße, hast du ne Ahnung wo ich bin?" kennenlernen*, statt das GPS anzuschalten. Ich will Liniennetzpläne ausgedruckt in der Hand halten und sie hinterher ins Fotoalbum kleben. Ich brauche die Spiegelreflex-Nikon mit Teleobjektiv, keine verwackelten Handy-Schnappschüsse.... Ich will. Kein. Smartphone.

Mal ganz davon abgesehen, dass...

1. es viel cooler ist, wenn man im Club nach der Nummer gefragt wird. Gleich hinterher geschoben wird dann nämlich ein: "Haste WhatsApp?" und ich grinse wie Pippi Langstrumpf ein "Ich hab kein Smartphone!". Absolut wirksam. Trennt die Spreu vom Weizen in einer Sekunde. Und macht mich irgendwie... interessanter. Isso.

2. es viel schneller geht, eine Nachricht mit Tasten und T9 blind unter dem Tisch im Seminar zu tippen. Ich fühle die Buchstaben. Pure Effizienz.

3.  ein Smartphone eine viel geringere Lebenserwartung hat. Das gute alte Nokia Tastenhandy kaufte ich vor 4 Jahren. Da war es schon so... 1-1,5 Jahre alt. Es ist ein dickes Slider-Handy mit einem 2 Zoll-Display. Unzerstörbar bei Würfen aus 3 Metern Höhe auf Asphalt und Tauchgängen ins Klo. Wetterfest, zuverlässig, Akkulaufzeit mindestens 4 Tage. Es hat keine Speicherplatz- oder Datenvolumen-Probleme. Es braucht kein neues iOS, um wichtige Apps zu updaten. Hat kein W-LAN und erst recht kein LTE - dafür Platz für zwei Sim-Karten, um die besten Prepaidtarife zu kombinieren. Es braucht nur ein Ladegerät. Und Liebe.

4. es mit Punkt 3 damit auch irgendwie viel ökologischfairnachhaltiger ist. Längere Lebenserwartung, weniger neue Handys. Weniger Abbau von seltenen Erden, weniger Abfall. Es ist wunderbar.

5. es außerdem eh keiner klaut. Kann mir nämlich keine Sperrcodes merken.


Und so tut mir der Gedanke daran, dass ich dieses tolle Teil, das alles hatte, was ich brauchte, auf ewig verlieren werde. Google den Markennamen, gewillt, mir das gleiche Exemplar wieder zu beschaffen. Und... das gibt es nicht mehr. Nicht mehr neu. Gebraucht (und funktionsfähig) liegen die Preise höher als bei einem fast neuen Smartphone. Ich bin verwirrt. Und frustriert. Will GENAU DAS. Kein anderes Tastenhandy. Sondern das. Mein Nokia.
Weine mich leise in den Schlaf.

Das Wunder geschieht morgens. Ich, mit Tee und Hektik an der Arbeitsplatte gelehnt. Dingdingding mach das Nicht-Smartphone und schaltet sich an. Akku voll. Funktionstüchtig.
Gelobet seid ihr, himmliche Heerscharen! Halleluja!

Die Freude währt ganz zwei Tage. Dann stelle ich fest, das mein heiliges Mobilgerät sich immer öfter einfach aufhängt. Die Sim-Karte auswirft, einfach so. Oder während eines Telefonats eben mal ausgeht. Mehrmals. Das. ist. doch. jetzt. nicht. dein. Ernst.

Hallo Google. Hallo Es-ist-schon-1 Uhr-und-morgen-muss-ich-um-7-aufstehen-Internetrecherchen. Hallo "Scheiß Handy!"-Wutgeheul in der S-Bahn, morgens. Danach alle wach. Hallo komische Konversationen mit Menschen in einschlägigen lokalen Suche-Biete-Gruppen ("Schenke dir das Handy, aber wir können uns ja näher kennenlernen?"). Hallo Tränen. Hallo Wut. Hallo unterdrückte Konsumgeilheit und hallo Kapitulation.

Fortsetzung folgt.


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* Nach einer wahren Geschichte. Derjenige weiß, dass er gemeint ist. Hi.

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