Montag, 7. November 2016

Heyho let's fortschritt... (Nicht)Schmardfon-Story, Teil Zwei.


...hallo Kapitulation.

Mein shift ist da. Mein Smartphone.

Und das kam so:

"Wenn mir das Handy hier mal kaputt geht, dann kauf ich genau das gleiche wieder! Oder... halt ein Fairphone. Das ist mir schon wichtig. So ein modulares Handy, bei dem man jedes Teil noch ersetzen kann, statt das Handy wegzuwerfen" - O-Ton ich. Immer. In Gruppen von Freunden und Bekannten, in Gesprächen mit fremden Menschen (Im Club: "Haste WhatsApp?" - "Ich hab kein Smartphone!", ihr erinnert euch?)

Mission "gleiches Handy wieder" scheitert an hohen Preisen und schlicht der Nicht-Verfügbarkeit. Mission Fairphone  ist ein finanziell aussichtsloses Unterfangen. 500 € für ein Smartphone, dessen Akku auch nur einen Tag hält, der Display die Distanz Klo bis Fliesen nur unter Risiko übersteht...? Mehr als eine Monatskaltmiete. Nö.



Was mir an einem Smartphone (oder generell an technischen Geräten, aber eben nun speziell an so einem "Wegwerf-Verschleißteil" wie es das Smartphone leider geworden ist) nicht schmeckt, ist folgendes:
  • Kinderarbeit, zum Beispiel von Siebenjährigen in kongolesischen Minen unter lebensgefährlichen Bedingungen, um Kobalt abzubauen. Dieses ist für den Bau von Handy unerlässlich.
  • massive Rohstoffverschwendung, zum Beispiel von seltenen Erden. Die buddeln kaum bezahlte Arbeiter in Afrika unter extrem schweren körperlichen Bedingungen aus dem Boden. 
  • Highend-Geräte, zusammengebaut von Lohnarbeitern in Fernost. In Sweatshop-Atmosphäre zum Hungerlohn, exklusive Arbeitsschutz vor giftigen Stoffen und Dämpfen.
  • "Immer kürzere Gebrauchszeiten sorgen für einen rapiden Anstieg des Elektroschrotts – weltweit! Doch was passiert damit? Allzu oft landen unsere ausgedienten Elektrogeräte auf den weltweiten Müllkippen, wo Giftstoffe die Umwelt verschmutzen und wertvolle Rohstoffe wie Gold, Silber oder Indium ungenutzt vergraben werden. Die Folgen für Mensch und Natur sind verheerend." - zitiert aus einem guten Überblicksartikel.
Das schon erwähnte Fairphone zeigt, dass es auch anders geht. Leisten kann ich mir das nicht. Ein gebrauchtes Smartphone? Wie nahezu der gesamte Inhalt meines Kleiderschranks eine Rebellion gegen das Wegwerfen? - "Die und die Apps laufen nicht mehr, dazu müsstest du ein neues iOS haben und das Handy ist zu alt für ein Update."

Schließlich und endlich finde ich genau das, was ich mir vorgestellt habe. Wenn schon Smartphone, dann mit Anspruch. Und Garantie.
Ein Shiftphone. Warum?


Das StartUp des kleinen Unternehmens ist noch sehr jung. Und die Fairphone-Bezüge ganz deutlich zu erkennen.

Es verspricht mir genau das, was ich will:
"Wir achten darauf, dass bei der Fertigung niemand ausgenutzt wird: Faire Löhne und Arbeitszeiten, keine Kinderarbeit sowie gute Arbeitsbedingungen sind für uns selbstverständlich. Unsere Phones sind frei von Konfliktmaterialien wie z.B. Coltan."

...schreibt die Website. Außerdem kommt dieses Telefon (nicht komplett, aber immerhin) aus Deutschland. Shift ist eine deutsche Firma, das hat irgendwie einen regionalen Beigeschmack. Auch wenn das natürlich ein wenig Selbstbetrug ist. Zumindest versichert die Firma, dass "die Arbeiter [in China] eine Arbeitszeit von 8 Stunden am Tag" haben - und nicht, wie üblich, 12 bis 14.

Außerdem: 
"Es ist uns wichtig, dass ihr lange etwas von euerm SHIFT habt: Der Speicher ist erweiterbar und der Akku einfach zu tauschen. Evtl. Reperaturen sind günstig. Aber ihr dürft auch selbst Hand anlegen: Wir versorgen euch mit Teilen und Tutorial-Videos. Die Garantie verfällt nicht, wenn ihr das Gerät aufschraubt oder rootet."

Das Shift-Smartphone ist zumindest im Ansatz modular aufgebaut. Ich kann Teile ersetzen, statt das ganze Gerät wegzuwerfen. Und es ist strahlungsarm. Für den einen oder anderen sicher auch wichtig.

Im Internet google ich nach Testberichten und Rezensionen. Nur eine schlechte ist dabei. Ja, komplett fair ist das Telefon wohl nicht. Aber, schreibt Utopia: "Man kann Shiftphones hier kritisieren, sollte aber bedenken: Faire Elektronik ist ein komplexes Unterfangen, an dem sich bislang nur ganz wenige versuchen. Selbst das Fairphone ist hier noch lange nicht perfekt."

Ein User kommentiert:
"Was ich bei Shiftphone sehe ist ein Kompromiss zwischen Fairness und Kaufpreis.
Wer heute startet und noch kein Full HD Display anbietet wird es erheblich schwerer haben sich im Markt auffällig zu platzieren. Auch ein zu schwacher Akku setzt einen zurück. Kein LTE bzw. 4G...
[...]
Eine brauchbare Kamera nützt wenig wenn das Display schon da nicht mehr ordentliche Ergebnisse liefern kann. 1280×720 Bildpunkte dürften am Markt kaum noch ein starkes Kundenbegehren bewirken. Dann wohl eher im unteren Preissegment. Das hat aber nichts mit Investition in die Zukunft zu tun."
Ich stöhne. Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau? Muss mein Handy denn einen HD-Display haben? Braucht mensch das? Will ich ein Gerät ohne Kinderarbeit oder hoch aufgelöste Youtube-Clips? Wie schnell muss mein Internet wirklich sein? Hat die intensive Recherche nicht Zeit bis zum heimischen PC oder dem W-LAN im Café? Habe ich keine einzige Zehntelsekunde übrig, um mich während des Wartens auf eine Internetseite kurz auf meine Atmung zu konzentrieren?
In was für einer kranken, krass anspruchsvollen und abgehobenen Welt leben wir eigentlich?

Shiftphone antwortet mit dem subtilen Mittelfinger. Hinten auf meinem nichtzugroßundnichtzukleinen Shift4. Feier ich. Über alle Maßen!



Ich besitze es nun seit 3 Tagen. Und ich freue mich. Ja - es ist ein Smartphone. Ja, ich rufe damit mitten in der Nacht aus Versehen meine Ex-Schwiegereltern an, obwohl ich das gar nicht will.
Aber... ja, es ist irgendwie auch schön, dazu zu gehören. Ich verfluche dich, Familienchat-Gruppenzwang.
Ich brauche kein schnelles Internet, kein hoch aufgelöstes Display, keine tolle Handykamera. Ich brauche ein bisschen mobile Erreichbarkeit, ein wenig GPS und Musik... und das Gefühl, in ein junges, vielversprechendes StartUp investiert zu haben, dass einen Beitrag zur Problemlösung leistet und meine Ideen schon umsetzt, damit ich mir trotz allem immer noch treu bleiben kann. Mit 224 Euro.

Hallo Fortschritt. Hallo 21. Jahrhundert. Hier bin ich.

1 Kommentar:

  1. Super Artikel!! Wenn mein jetziges Apple-phone den Geist aufgibt hol ich mir definitiv nen Shiftphone! :) Danke dass du mich auf diese nachhaltige, nicht- ausbeuterische Alternative aufmerksam gemacht hast! :)

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Hey, ich freu mich, wenn du mir was nettes schreibst!