Freitag, 9. Dezember 2016

How to be student in Hinterkaffhausen, Dezemberedition.


Ganz oft sitze ich morgens verschwitzt und schwer atmend in der S-Bahn, wühle etwas zu hektisch in meinem Rucksack und muss eigentlich schon wieder aufs Klo. Lege das Tablet auf meine Knie und gebe, noch während ich den Anschalteknopf gedrückt halte, das viel zu lange Passwort in mein schon ziemlich zerkratztes nichtmehrneues Smartphone ein. Lese eine Nachricht, öffne reflexartig Facebook. Gebe ein anderes, viel zu langes Passwort in das Tablet ein und öffne ein leeres Word-Dokument. Der Cursor blinkt, hässlich grinst die leere weiße Seite. Ach komm, denke ich betont motiviert, nutze die fünfundzwanzig Minuten Pendlerweg sinnvoll! Lese eine Messenger-Nachricht und muss sie umgehend beantworten. Scrolle noch einmal kurz durch meinen Newsfeed und... oh, Hauptbahnhof. Schließe das leere Word-Dokument im Tablet. Hupsi.

Unwort der Tage: Smombie. Smartphone-Zombie. Zeitvertrödelnde Wischerin, tippend nicht im Bus festhalten können. "Oh, äh, 'tschuldigung, wollte sie nicht umarmen....".
Und plötzlich ist auch noch Dezember. Sehe die offenen Weihnachtsmarktbuden in der Dresdner Innenstadt schon eher bei Instagram als in der Realität. Oh society, what have you done to me...
Vor dem Hörsaalzentrum genehmige ich mir einen Glühwein, mittags, kann mich danach besser auf die Mathedidaktik konzentrieren. Echt. 

Die Bibliothek ist mein zweites zu Hause. Meine Lebkuchen-freie Zone, meine Zuflucht vor Spekulatius-Fressanfällen und unfreiwillig hohem Kakao-Konsum. Weil ich weiß, dass die Mathevorlesung zur Ich-esse-nebenbei-1000 kcal-Studenfutter-und-scrolle-bei-Instagram-Beschäftigungstherapie verkommt, gehe ich nicht mehr hin. Habe mir stattdessen Selbststudium verordnet und fühle mich zum ersten Mal außerhalb der Prüfungszeit als engagierte Studentin. Ha! Und während neben mir Maschinenbauer und Mechatroniker und Physiker komische Formeln lösen, lese ich Arbeitsblätter zum Rechnen im Zahlenraum bis 10.
Guckt nicht so.

Am 30. November, viertel vor Mitternacht, hänge ich den Adventskalender in die Küche. Um eins habe ich ihn gefüllt. Betrachte mit dem letzten (oder dem ersten?) Tee mein Werk und warte auf das Weihnachtsgefühl. Es kommt, als das Kind freudestrahlend morgens zurück ins Bett und in meinen Magen springt: "Mamamamamamama, der Weihnachtslaus! War! Da!" - "Wer?" - "Der.. äh, wer denn Mama?"
...nur um danach auf dem Discounter-Pendler-Parkplatz wieder zu verschwinden. Überhaupt ist dieses Weihnachtsgefühl so ambivalent in diesem Jahr. Ein himmelhochjauchzend-zutodebetrübt. Ein auf und ab, zwischen Ich will den Heeerbst zurüüüüück! und Baaald nun ist Weihnachtszeit, frööhliche Zeit. Zwischen Ich hasse Menschen und Kommt her, ich schenk euch allen Lebkuchenherzen. Eingereiht in die Pegida-Gegendemonstration laufe ich an einem Weihnachtsmarkt vorbei und fühle mich seltsam benommen. Hinterfrage noch mehr als in all den anderen Jahren: Gibt es ein friedlich-verklärtes Weihnachten für uns? Dürfen wir das? Dürfen wir Glühbier-umnebelte Volksweisen trällern, unsere einzige Sorge das Körpergewicht im neuen Jahr - während in Europas Grenzstaaten im Südosten (v.a. Griechenland und Serbien) geflüchtete Menschen in Lagern um ihre Existenz bangen?

Ich bügle zu Christmas-Gospel Kinderpullis und springe zu Punkpop mit 2000 Menschen im Takt. Die Hosenbeine der Kinderjeans sind mit einem Mal ein paar Zentimeter zu kurz, in den Kindergarten kommen wir morgens immer zu spät. Mein Kopf ist ein satzstellungsverdrehender Eimer mit bunter Knete und Tschechisch-Vokabeln. Wenn mich einer fragt, singe ich ihm ins Gesicht: "So lala, so lala". Natürlich nicht. Möchte ich aber gern.


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