Donnerstag, 12. Januar 2017

Eingefroren




Das Autoradio spielt gerade Simon & Garfunkel, als ich am Kindergarten parke. Meine Hände hängen taub am Lenkrad, irgendwie scheint die Heizung nicht richtig zu funktionieren. Und die Frostschutz-Flüssigkeit ist leer. Der Tank auch, beinahe. Wenn ich morgen tanke, habe ich kein Geld mehr für das Jennifer Rostock-Ticket. Draußen 10 Grad unter dem Nullpunkt.
Aus dem Kindergarten nach Hause nehme ich zwei Dreieinhalbjährige, das Kind und seine beste Freundin. Das spontane „Ich will dir meinen Kran zeigen“-Event kulminiert in Mamabett springen, Kissen schmeißen und ICHWILLABERDENAPFELNUROHNESCHALE!! Ich esse heimlich Pralinen in der Küche und finde es eigenartig still. So innerlich. Als wäre um uns die Welt eingefroren. Als würden wir hinter unseren sieben Schneebergen nichts weiter hören als uns selbst, weil das Eis die Geräusche der Außenwelt absorbiert und dämpft. Es ist seltsam. Fast schon glaube ich, eine Art energetische Käseglocke aus Eiskristallen über Hinterkaffhausen zu spüren, hier, mitten in meiner Küche neben der Heizung. Wische diese transzendente Tagtraumspinnerei aber gleich wieder aus meinen Gedanken. Möglicherweise noch Gehirnwäsche-Nachwirkungen vom Yoga am Montag. Namastenochmal.

Als ich dann aber zwei Texmembran-beschuhte Eskimokinder (darf man das sagen?) auf dem Schlitten durch den Schneesturm ziehe, weil wir die Freundin zurück nach Hause bringen müssen, spüre ich das Drücken der Stille ganz deutlich. Auf dem Schlitten hinter mir gibt man laut und schief den Feuerwehrmann Sam-Titelsong im Duett und erst denke ich noch, dieses Magendrücken kommt von den Pralinen. Kommt es aber nicht. Irgendwas stimmt nicht in Hinterkaffhausen. Es ist leiser als sonst. Dabei sind alle Geräusche so, wie sie immer sind, das Rauschen der Hauptstraße von fern und irgendwo immer irgendeiner, der gerade Schnee schippt und das „Feuerwehrmann Zäm is uuuunser Mann!“ – Gebrüll vom Schlitten und der Wind, der die Wetterfahne auf der Kirchturmspitze hin und her rüttelt. Aber es fehlt etwas. Etwas Entscheidendes. Nur… was?

Das Eisglocken-Gefühl ist so intensiv, als ich mit abgestorbenen Fingern versuche, den Schlüssel in der Haustür umzudrehen. Als wäre Hinterkaffhausen unter einer unsichtbaren Schneelawine begraben worden, die alle Geräusche von außen einfach in sich hineinstopft. Es ist so verdächtig friedlich. Keine Bewegung. Still und eingefroren liegt die Dorfstraße im Straßenlaternenlicht. Ich balanciere zwischen wüst auf dem Boden verteilten Kinder-Geschirr und Holzgemüse hindurch zur Heizung, um nasse Handschuhe zum Trocknen zu legen und balanciere ebenso elegant wieder zurück. Dann sehe ich vom Boden auf, mein Blick streift über die Garderobenmöbel, er sucht die Kindermütze. Tangiert beiläufig den Router, findet die Mütze und… Moment. Zurück zum Router. Fokussieren. Die Lichter sind aus. Nur die kleine Betriebsleuchte leuchtet vor sich hin, ansonsten ist alles tot. Internet und Telefonie. Die Verbindung zur Außenwelt. Eingefroren.
 
Auf Hinterkaffhausen drückt die Schneelawine der Unerreichbarkeit, absorbiert den Internetlärm und das Stimmengewirr der WhatsApp-Gruppen. Friedlich und still liegt das Dorf im Schneesturm, überspannt von einer Eiskristallglocke nicht vorhandenen Mobilfunknetzes. Eingefrorene Telefonleitungen, durch die die Welt hinter den sieben Schneebergen nichts anderes kann als schweigen. Es ist still. Das Telefon, das Handy, der Browser. Eigenartige, seltsam angenehme Stille.
Ich esse die letzten beiden Pralinen und das Wohnzimmer-Radio spielt Simon & Garfunkel. Es ist die CD aus dem Autoradio, aber die Songs scheinen mir alle vollkommen verändert zu sein unter der Eisglocke. Ohne Nebengeräusche. Irgendwie intensiver. Friedlicher. Ausfüllender.
Bestimmt gehe ich morgen tanken.
 

1 Kommentar:

  1. Fesselnder Text und irgendwie wäre es schön wenn die Welt öfter mal den Atem so anhalten würde , wie unter dem Schnee

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