Montag, 2. Januar 2017

Jahreswechsel für Kinder - prokrastinatorische Gedanken zur kognitiven Entwicklung eines Dreijährigen

(Anmerkung: Bisher unveröffentlichte Entwurf-Leiche von vorvorvorgestern. Hupsi.)


Eigentlich türmt sich ein Stapel linguistischer Fachlektüre auf dem Schreibtisch. Meine Gedanken sollten sich zwischen Weihnachten und Neujahr um Hate Speech, Pejoration und Korpuspragmatik drehen. Oder zumindest tschechisch sprechen. Oder didaktische Überlegungen tätigen.
Eigentlich. Sollten.

Stattdessen knie ich auf dem Wohnzimmerteppich und trage Zahnarzttermine in den neuen Janosch-Kalender ein, dabei esse ich Dominosteine - die veganen, von Lidl. Queen of Procrastination mit einem Körperfettanteil oberhalb meines Schwangerschaftsniveaus. Während ich so zwischen den Jahren hin und her blättere, überlege ich mir, wie ich dieses Silvester-Gefeiere dem Kind erklären soll. Warum es am 31. Dezember von 7 Uhr an draußen in regelmäßigem Stundentakt knallt und scheppert und ab und zu mal zischt und ploppt.
Na... weil eben ein neues Jahr anfängt. Aber was ist denn bitteschön ein Jahr?
Die Spanne Winter bis Winter, Schnee bis wieder-Schnee?
Nach-Weihnachten bis wieder Nach-Weihnachten?
Ist mein dreieinhalbjähriger Wespenpo kognitiv dazu überhaupt in der Lage, das zu begreifen?


In a relationship with Google. Gehe der Frage auf den Grund. Alles besser als diskurslinguistische Analysen.

Also. Winter bis wieder-Winter. Als Erklärungsfundament die Voraussetzung, dass mein Kind sich an unseren letzten Winter erinnert. Der Winter, als es zweieinhalb Jahre alt war. Diese Zeit, als wir den Po-Rutscher schon mal gebraucht haben. Und das tut es. Die Erinnerungsfähigkeit von Kindern bis zu ihrem 6. Lebensjahr ist erstaunlich - vorausgesetzt allerdings, die zu erinnernden Momente sind auch auf "sprachlicher" Ebene erlebt worden. Das bedeutet, sein Erleben konnte das Kind schon selbst in irgendeiner Form sprachlich wiedergeben oder es wurde mit dem Kind darüber gesprochen, die Erinnerung also "sprachlich vermittelt". (Quelle). Erinnerung und Sprache sind, Studien zur kognitiven Entwicklung von Kindern zufolge, eng miteinander verknüpft.

Darüber denke ich eine Weile nach. Das heißt also - natürlich kann sich das Kind an den Po-Rutscher erinnern. Und an die Schneeschippe. Damals habe ich ihm erklärt, wie man damit umzugehen hat. Dass man damit keine Dellen in das Auto des Vermieters schlägt. Ich erinnere mich, wie wir gestritten haben, weil es den von mir sorgsam aufgehäuften Schneeberg wieder sorgfältig über die komplette Einfahrt verteilt hatte. Menschenskinder.

(Damals. Schreibe das hier und denke "gestern". Es war gestern. Boar Zeit, mach mal langsam.)

Archivfoto, Januar 2016
Hey Kuchen, ich will diese dünnen Beine zurück!

Jedenfalls: Das frühe Langzeitgedächtnis bildet sich auf der Grundlage von "Handlungswissen" (auch "Skript-Wissen"), also dem Wissen über alltägliche Handlungsabläufe in Leben des Kindes. Sowas wie Aufstehen und Frühstücken, nach dem Mittagessen der Mittagschlaf und bevor man sich abends den Schlafanzug anzieht werden die Zähne geputzt. Erfahrungen über seltener stattfindende Events (Geburtstag, Arztbesuch, Urlaub, Weihnachten) werden ebenfalls abgespeichert. Man bezeichnet diese Erfahrungen dann als Skripts: "schematisierte Ablaufmuster von Alltagsereignissen": "Durch Skripts können Ereignisse in ihrer zeitlichen und kausalen Verknüpfung relativ übersichtlich und ökonomisch abgespeichert und bei Bedarf wieder abgerufen werden." (Quelle)

Schnee und Schneeschippen kategorisiere ich als "Handlungswissen": Bevor wir im Winter in den Kindergarten gehen konnten, mussten wir den Schnee von der Treppe schippen. Und nein, nicht direkt vor die Haustür häufeln. Das ganze erübrigte sich natürlich, als der Schnee getaut war. Jetzt ist er wieder da. Überraschung. Was ist zu tun?
Schnee, respektive Winter, erscheint mir als ein seltener stattfindendes Event, dessen Wiederholung das Kind ähnlich wie Weihnachten das ganze Jahr über herbeigesehnt hat.
"Schneeeheeeflöckchen, Weißröööckchen, waaaann kommst duuu..."
- "Aber es ist doch Sommer, Marek?"
"Ich will Po-Rutscher fahren, Mama!"

Marek hat Schnee und Po-Rutscher kognitiv miteinander verknüpft, spätestens als ich ihm während des Sommers wiederholt erklären musste, dass Po-Rutscher rutschen auf einer Wiese ohne Schnee nicht funktioniert. Und Schnee mit Schneeschippe. Man kann mit der zwar auch im Sandkasten herumbuddeln, sie ist dazu aber irgendwie nicht gedacht. "Heißt ja schließlich Schneeschippe", ergänzt das Kind kurz vor seinem dritten Geburtstag mit einer altklugen Geste und ich bin von so ausgeprägtem logischem Denkvermögen so geplättet, dass ich ihn küssen muss. Momlife is good Life. Wo sind die Anmeldebögen für die Hochbegabten-Förderung?


Aufgeklärt über das, was mein Kind kann und was nicht, schließe ich den Browser.
Ein Jahr für Dreieinhalbjährige erklärt sich also folgendermaßen:
"Wir haben Schnee geschippt, erinnerst du dich?
Dann waren viele viele Tage dazwischen, in denen waren wir im Urlaub, du hattest Geburtstag, wir waren baden, erst kam der Nikolaus, dann der Weihnachtsmann. Und jetzt ist es wieder fast soweit. Bald müssen wir wieder Schnee schippen. Das bedeutet, dass ein ganzes Jahr vergangen ist. Ein Jahr sind alle Tage, die wir erleben zwischen Wenn-Schnee-liegt und wenn dann nach dem Sommer irgendwann wieder Schnee liegt.
Und dass die vielen Tage vorbei sind feiern wir an Silvester. Alle freuen sich. Und deswegen gibt es Feuerwerk. Und man darf lange aufbleiben."
Klingt für mich so logisch wie die Schneeschippe. Nicht dass ich diese Erklärung auch ohne Fachartikel-Lektüre hätte formulieren können. Aber nun hat sie wissenschaftliches Fundament. Ich kann meinem Kind adäquat zu seiner (von mir angenommenen) kognitiven Entwicklungsstufe eines durchschnittlich begabten Dreieinhalbjährigen erklären, warum wir Silvester feiern. Das macht mich stolz. Uh. Und wie.

Später trippelt der Dreieinhalbjährige nach dem Mittagsschlaf im Schlafanzug zu mir ins Wohnzimmer. Ich wedele mit dem Kalender, ziehe ihn auf meinen Schoß und beginne mit meiner wissenschaftlich fundierten frühkindlichen Bildungsmission.
"Schatz, guck mal. Weißt du was morgen für ein Tag ist? Da feiern wir Silvester!" Das eher unbeteiligt schauende Kindergesicht ignorierend spule ich meine wundervolle Erklärung ab. Erwartungsvoll harre ich der Antwort...

"Ich will Kakao trinken."

Nunja. Immerhin fast zwei Stunden erfolgreich prokrastiniert.

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