Dienstag, 21. Februar 2017

Mitten im Leben ohne Apfelkuchen. Gedankenquatsch ohne Erklärungen. Eine Ankündigung.

Das Leben geht weiter. Immer. Isso. Auch in der Prüfungszeit. Der Staub auf dem Regal vermehrt sich ungeachtet der Lektüreberge daneben, ignorant piept die Waschmaschine zwischen meine Tschechisch-Vokabel-Lernmonologe. Die Klausurenphase macht mich zum Morgenmenschen. Morgen, nicht heute. Heute streame ich Indiefilme, allgemeinbilde mich mit Vicenews über Pornomessen und scrolle in der Bib meinen Facebook-Feed bis ganz nach unten. Und wieder hoch. Aktualisiere dreimal in einer viertel Stunde Instagramstories ohne selbst auch nur ein Wort in die virtuelle Welt zu setzen. Ich konsumiere und konsumiere. Vor allem Kollemate in Litern pro Stunde. Und ich lebe. Hier und jetzt und zwischen Krümeln.
Direkt proportional zu meinem Hintern im malobeo-Couch-Polster sinkt meine kreative Begabung und nähert sich dem Nullpunkt an. Statt in meinem noch nicht wie eine Hausarbeit aussehendem Worddokument zu Hate Speech bei Pegida blinkt der Cursor auf der Blogbeitrag-Oberfläche. Neue Wörter gibt es nirgendwo. Mein Kopf ist leerer als mein Kühlschrank.


Willkommen mitten im Leben. Für mehr Realität in selbstdarstellenden Mütter-Blogs. Und zwar echte Realität. Nicht als Realität getarnte Selbstdarstellung.
Und weil mir Ehrlichkeit so am Herzen liegt ein Behind-the-scenes-Funfact: Den ersten Absatz des Blogeintrags schrieb ich versunken in erwähnten Polstern mit Mate zwischen den Knien und neben einem Menschen, der aus den Augenwinkeln jedes geschriebene Wort mitlas, bis er nach zehn Wörtern ein beiläufiges "Stört es dich, dass ich mitlese?" zwischen uns fallen lies. Danke, dass du fragst.
Danach war das kurzzeitige Kreativ-Hoch aber auch schon wieder beendet. Klappte resigniert den Leih-Laptop zu und vertagte das Blogging auf einen günstigeren Zeitpunkt.

"Wie funktioniert dieses Blogger?" - "Zeig ich dir, gucke." - "Darf ich mal an deinen Laptop?" - "Mhja."

Einmal mit Profis coworken. Einmal.

Der ist jetzt. Günstiger kann er kaum sein. Es ist nach Mitternacht und ich habe nach einem eskalierten Wochenende ein Schlafdefizit von rund 20 Stunden. Ich esse vegane Mortadella von Wiesenhof ohne Brot direkt aus der Packung, der Pfefferminztee ist nur noch lauwarm, habe ihn über dreivier Musikvideos, mehreren Facebook-Feed-Scrolls und einem Süddeutsche-Artikel über eine Alleinerziehenden-WG ganz vergessen.
Ich befinde mich an einem Punkt, in dem das Schlafdefizit meine Wahrnehmung einschränkt, aber nicht ganz trübt. An dem ich verlangsamt denke, handele, reagiere - aber transzendente Wahrnehmungen wahrnehme und wie nach am-Sommerabend-am-Assieck-einmal-zu-tief-Luft-geholt in tiefen Gedanken mich selbst reflektiere. Ich bin mein eigenes Universum, mein Gehirn kreist um die Vergangenheit, die gleichzeitig Zukunft ist, je nachdem wie sie beleuchtet wird, weil dieses Vergangenheitszukunftsgewirr sich gleichzeitig noch um die eigene Achse dreht.
Es ist dieser Punkt, an dem "Orbit" das Alice-Album ist, das nach dem zehnten Repeat immer noch Gänsehaut macht ohne aufdringlich zu sein.


Und eigentlich wollte ich nur ein Apfelkuchenrezept schreiben.
Ich wollte kurz eine Entschuldigung einleiten, in etwa so: Hey ja, es war und ist Prüfungszeit und ich hatte weder Zeit noch Lust zu bloggen, weil das andere Leute eh besser können als ich und weil ich eh immer das gleiche schreibe und das eh nicht relevant ist. Eh. Ein Alleinerziehenden-Überforderungs-Klischee-Satz, dann ein bisschen mysteriöses In-Andeutungen-sprechen von Dingen, die ich in der Zwischenzeit erlebt und getan habe, die aber in der Vertextung viel toller, nein schlimmer klingen als sie eigentlich waren. Beispiel? Meine Oma hatte Geburtstag und ich habe mit meiner dementen Uromi und dem Kind einen ganzen Nachmittag lang Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. In der Selbstdarstellung: Drei Stunden Würfelspiel-en mit einer Dementen und einem Zappelkind ist wie im Vor-Frühling Fenster putzen: es macht keinen Spaß, es ist langwierig und körperlich belastend (Scheibe polieren vs. nach jedem Wurf nach dem Würfel bücken) und ständig beginnt man von vorn, weil es regnet (oder jemand die Figuren umschmeißt).
Uh. Wirkt gleich viel dramatischer.

Jedenfalls.
Wollte trotz der langen Blogpause richtig kompetent und organisiert tun, das Kuchenrezept posten und dann in feiner Regelmäßigkeit allen Ablagemüll, der sich in der Entwürfe-Liste herumtreibt in die Öffentlichkeit werfen. Will ich auch immer noch. Aber dieses kreative Tief hält mich fest umklammert. Ich kann nicht. Ich will nicht. Im transzendenten Schlaflos-Zustand wird mir bewusst, wie absurd dieser eingebildete Druck eigentlich ist. Niemand erwartet von mir irgendwas. Ich muss nichts schreiben außer Hausarbeiten und Unterrichtsentwürfe. Ich kann auch Apfelkuchen backen, ohne um 8 Uhr vor der Uni noch ein Fotoset aufzubauen. Befreie deinen internen Speicher von Junk-Dateien und mach dich frei. Tu was du willst und tu es spontan und impulsiv. No regrets. Meine Gedanken eiern befreit in Alices' Orbit herum und lassen sich konsequent nicht in die richtigen Worte pressen.
Ich weiß nur eins: eine neue Blogkategorie mit Beiträgen zur feministischen Mutterschaft hat genauso Zeit wie Apfelkuchen. Oder wie Schlaf.


Impulsiv handeln heißt: Sehnsüchten nachgeben. Sofortiges Fernweh bekämpfen.
Ich habe einfach so Zug- und Busticket gebucht und eine halbe Million Couchsurfing-Nachrichten verschickt. Ich werde den Backpacker-Rucksack unter dem Bett hervorziehen und das Kind an die Hand nehmen. Ich werde nicht mehr zu viel planen und damit Enttäuschungen reduzieren.
Gleich übermorgen.
Vielleicht wird es hier zu lesen sein. Vielleicht aber auch nicht.
Drucklos, planlos. Frei.

"You're thinking too much 'bout circumstances", sagt dieser schottische Choreographie-Student, der sich mit mir am frühen Sonntagmorgen auf den Stufen vor dem Technoclub eine Zigarette anzündet. "What matters is the Now! May it sounds like a stupid phrase, but it's true: You only live once and you should not do that inside a cage of expactations, rules and dont's. Be the one you want to be in this moment!" Er breitet seine Arme aus um diesen Moment mit seiner Geste einzufangen. Dabei stößt seine klimmende Zigarette gegen meinen nackten Arm, ich zucke zusammen. Er strahlt: "Yes! Whatya feeling right now? Feel it! Inhale, exhale, feel the moment!", dann legt er beide Hände auf meine Schultern und ich schaue in Pupillen unnatürlicher Maße: "What do you want? Ask yourself hundred times a day. And then: do. But always pay attention on only acting to that maxim whereby you're sure it should become a universal law..."
"Kant?", frage ich.
"This kraut was right", sagt er, drückt die Zigarette aus und zieht mich von den Stufen: "Life!", brüllt er so laut und plötzlich, dass die Türsteher beunruhigt zu uns herüber sehen. Dabei wirft er beide Arme in die Luft und strahlt verstrahlt.

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