Samstag, 25. Februar 2017

Rucksackkind - Chapter 0: Auf dem Weg nach Kopenhagen.


Vorgeschichte: Gibt es nicht. Ich wollte weg, raus, ins Graue. Habe die Idee, als ich in der Unibib sitze und zwei Studentinnen neben mir ihre Planung für die Vorlesungsfreie Zeit erörtern. Vorlesungsfrei, schnaube ich innerlich und lasse den Kopf auf meine Arme sinken (dabei übrigens mit dem Hintern den Bib-Stuhl auf Rollen vom Tisch wegschieben und geräuschvoll seufzen: Der SLUB-Move. Jeder Insider beherrscht ihn, spätestens nach dem 2. Semester).

In der Vorlesungsfreien Zeit schrieb Ich Klausuren und hielt Referate. Danach eine Projektarbeit, an der ich immernoch arbeite. Zwischen Pflichtanwesenheit-Intensiv-Arbeitsphase und Beginn eines Praktikums an der Grundschule den ganzen März über bleibt mir genau eine Woche. Eine. Woche. Das ist doch nicht fair. Zwischen Klausur und Referat hoste ich eine amerikanischen Couchsurfer und lasse mich anstecken. Warum sollte ich das eigentlich nicht mal versuchen? Selbst Couchsurfen? Mit Kind? „Du bist ja wahnsinnig!“, zeigt mir die O-Mama den Vogel quer über den Kaffeetisch. Aber da ist es schon zu spät. Weil der Facebookfreunde-Cast nach Travelcompanions fehlschlägt, buche ich spontan Sparpreis-Tickets nach Kopenhagen.



Deutschland erschien mir zu einfach und beim Gedanken an den hundertmillionsten Naturerlebnispfad, das dreißigste Spaßbad und womöglich noch patriotisch behängten Giebeln in Vorpommern verlässt mich die Reiselust. Europa! Vielleicht nicht der Knödeläquator. Vielleicht auch nicht sonstwohin nach Madrid, wohin uns eine Couchsurfing-Familie einlädt. Aber Dänemark? Südschweden? Dessen Backpacker-Hostels ich mir selbst in der absoluten Nebensaison nicht leisten kann, dessen Couchsurfinghosts aber im Winter freier sind als später, im Juni.

Es dauert 20 mal die gleiche Nachricht Copy-and-pasten, bis die Route steht. Kopenhagen – Öresundbrücke – Malmö – Trelleborg – mit der Fähre zurück an die deutsche Küste. 6 Tage, ein großer Rucksack, eine budgetlose Studentin und ein 3jähriges. Hallo Welt. Sieh dir an, was ich kann.

8:55 beginnt für uns der erste Streckenabschnitt nach Berlin.

Merke: Geizige Sparpreis-Fahrer reservieren keine Sitzplätze und ignorieren Umstiegs-Anzahl und Aufenthaltszeiten.
Das Kind ist aufgekratzt, ich bin müde. 4 Stunden Nachtschlaf. 15 kg Rucksack. Wir holen unser Frühstück nach und gucken Janosch-Clips auf dem iPod. Ganze zwei Stunden. Als der Essenswagen durch die Gänge geschoben wird, fällt mir mein Anspruch wieder ein: Low Budget. So radikal wie möglich. Geld für da nötigste. Zugtickets, die Fähre. Kein Schnickschnack. Und keine Torte im Hipstercafé.

Wir reisen bepackt mit Essen. Wäre das nicht – vor allem nicht dieses verflixte halbe Brot und das fies schwere Marmeladenglas – wäre im Rucksack noch Platz für 10 Kuscheltiere, mindestens. Halb so schwer wäre er auch. Für das Mittagessen fahren wir die kalten Tomatensaucen-Bandnudeln vom Vortag in einer Dose spazieren. Als ich später im ICE nach Hamburg unsere Gabeln aus der Bestecktasche ziehe, fällt dem Sitznachbarn mit Streifenkrawatte fast die Zeitung aus den Händen. Auf der anderen Seite des Gangs stoppt die Mitvierzigerin irritiert die Geigenmusik in ihren Kopfhörern. Verstohlen starren alle zu uns herüber. Das Kind bemerkt von alledem nichts. Mit Riesenkopfhörern entstellt schaufelt es beanstandungsfrei kalte Pasta. Mittagessen für lau. Innerlich klopfe ich mir auf die Schulter. Das mit dem fast geldfrei fängt ja gut an.


…und endet unrühmlich vor dem Kaffeestand im Hamburger Hauptbahnhof. Ich kann nicht anders. Schließe ich für länger als ein Blinzeln die Augen, schlafe ich im Stehen ein. Nur der Rucksack hindert mich am vorn überkippen. Damit mir das Kind im Rolltreppengewusel nicht verloren geht, finde ich zähneknirschend 3€ Kleingeld für einen doppelten Espresso. Drei Euro. Drei! Soviel wie eine Mensa-Mahlzeit. Nunja. Safety first.

Umsteigezeiten von einer Stunde (Berlin) und länger (Hamburg, 1,5 Stunden) verbringen wir auf Rolltreppen. Es ist großartig. Wir fahren zu den Bahnsteigen hinunter und wieder rauf. Runter und rauf. Runter und rauf. Muss um die Wette mit dem Kind die normale Treppe nach oben rennen, während es mir auf der Rolltreppe winkt. Jeder dreht sich nach uns um. Jeder lächelt. Manchmal beiben Menschen stehen um mit mir zu smalltalken. Ich bin aufgeregt und entspannt zugleich. Ein komisch kribbeliger Glückszustand. Wäre der Rucksack nicht, würde ich springen vor Freude.

Das Nerventodkind habe ich in Dresden am Gleis 17 verloren. An meiner Hand springt ein fröhlicher Hummelpo, der iPod sein bester Freund. Und das dicke Geschichtenbuch auch. Es ist so mysteriös harmonisch, dass ich beginne, misstrauisch meine Umgebung zu beobachten. Was ist hier los?

Im Grenzzug Hamburg – Fredericia suchen wir die Mülleimer am Tisch für unser Gummibärchenpapier. Gibt’s nicht, stelle ich resigniert fest und stopfe das Plastik in den Kinderrucksack zurück. Dabei stimmt hier endlich mal der Abstand Sitz-Tisch und die Rückenlehnen haben ein angenehm breites Polster ohne sichtbehindernde Kopfstützen. Naja. Irgendwas ist ja immer. Später schiele ich zu der schwangeren Mitreisenden jenseits des Mittelgangs – eigentlich nur um zu sehen, was sie da für eine Waffel isst. Sie bückt sich unter den Tisch, da hängt eine Reihe Plastik-Kotzbeutel. Nee, sie wird doch nicht…? Mülltüten! Das sind Mülltüten! Mit ein paar Handbewegungen kehrt sie allen Verpackungsmüll vom Tisch in die Tüte. Der Zugbegleiter wird die Beutel später einsammeln. Dünne Plastiktüten mit DSB-Logo. Für jeden Reisenden eine neue. Mein Umweltliebe-Herz weint First-World-Problem-Tränen.
Und das... bleibt das einzige tragische. Das Ruckeln der Bahn in den Schienen hat etwas beruhigendes, entspannendes, befreiendes, lösendes. Ich sehe die Landschaft in 200 km/h vorbeifliegen und atme die viel zu warme, strenge Zugklo-Urin-Luft (im Abteil mit den letzten Plätzen für Nicht-Reservierer) ein wie warmen Sommerwind. Hello Hopeville, I need a vacation.


To be continued: Chapter 1

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