Donnerstag, 2. März 2017

Rucksackkind - Chapter 1: Hej København!

Hier: Chapter 0


Kopenhagen, prime-time. Ohne dänische Kronen und ohne Plan für die nächsten zweieinhalb Stunden. Unser Couchsurfing-Host Fernando arbeitet bis 22:45 Uhr und wird uns erst dann am Flughafen abholen. Wir fahren die Rolltreppen hinauf in die Bahnhofshalle und das erste was mir von Dänemark auffällt: Nur schöne Menschen. Überwiegend und überall. Menschen aus der IKEA-Werbung und fashionabled people vom H&M-Plakat. Es ist gruselig.
Stehe in der architektonisch umwerfend elegant-charmanten Bahnhofshalle, mit dem Kind an der Hand und befürchte, in ein Filmset geraten zu sein. In Johnossis neues Musikvideo zum Beispiel.* Verstohlen schaue ich mich um. Es ist alles sehr hip, sehr artsy, sehr scandinavian. Und schön.
Aber vielleicht kommen wir auch einfach nur vom Dorf. 

Am Geldwechselschalter tausche ich einen 50€-Schein gegen dänische Kronen. Das erste, was ich davon kaufe, ist ein 24h-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, am Automaten. In Englisch. Es fühlt sich selbstverständlich an, in diese vertraute Fremdsprache umzuschalten. Wie als hätte der Kopf an der Ländergrenze einen Hebel umgelegt.
"Fahren wir jetzt nochmal Zug, Mami?", zieht das Kind an meinem Rock. "Yeah,", sage ich, "we're gonna go to the Airport now." Ups.

Seit ich klein bin habe ich großen Respekt vor Flughäfen. Ihre Architektur, ihre Unlogik, ihre Geschäftigkeit verwirren mich jedes Mal aufs neue. Allein eine Flugreise machen werde ich so bald nicht nur aus Umweltgründen nicht. Ich käme eh nie am richtigen Flugzeug an.
Dieses Mal ist die Aufgabe aber noch recht simpel: Gehe zum nächsten Infoschalter und frage höflich nach dem 7Eleven-Shop: "I'll meet someone there, may you can help me? Where can I find it?"
Die Wegbeschreibung ist immerhin so präzise, dass ich nach zwei Sackgassen den richtigen Gang, die richtige Wartehalle, den Shop finde. Hier werden wir Fernando also später treffen. Still 1,5 h left.
Mit uns wartet ein müdes Pärchen und eine Familie mit zwei Grundschülern. Ihr Opa schläft ausgestreckt über die Sitzbänke, die Eltern gucken einen Film auf einem Laptop. Ich atme diese träge Stimmung, das Kind dreht Runde um Runde im Laufschritt um die Sitzbänke. 
Dann spielen wir Memory auf dem Fließenboden. 


Fernando ist die Pünktlichkeit in Person. 22:45 hat er geschrieben, 22:45 steht er in der Halle. Mich wundert, dass ich ihn sofort erkenne, obwohl sein Profilbild verschwommen und an der Stirn abgeschnitten ist. Ich winke, er ist schüchtern, sein Englisch holpert über einen unverkennbar südlichen Akzent. Später erzählt er, dass er selbst erst vor vier Jahren aus Spanien nach Kopenhagen gekommen ist.
Fernando ist Koch im Hilton Hotel auf dem Flughafengelände. Ursprünglich hat er studiert, damals, in Spanien. Aber "no jobs", sagt er und zuckt die Achseln. Dann grinst er und sagt: "Humanities. You know. As everywhere." und ich muss nicken. Aus Liebe zum Essen macht er eine Ausbildung zum Koch - egal wie unterbezahlt und doof dieser Gastrojob sein mag, immerhin gibt es Arbeit in einem Hilton-Hotel in Madrid. Mitarbeiter der Kette können in allen Hotels weltweit arbeiten, erzählt Fernando. Während seines Studiums verbrachte er ein Erasmusjahr in Kopenhagen. Als er dann die interne Stellenausschreibung für den Hilton-Ableger am Kopenhagener Airport liest, bewirbt er sich sofort. "I really love Denmark and I like Copenhagen very much!" Dabei strahlt er. Und ich kann ihn verstehen.

Kurz vor Mitternacht trinken wir Sojakakao in seiner winzigen Wohnung in einer Einfamilienhaus-Siedlung, gelegen hinter einem Lärmschutzzaun, nur durch eine mehrspurige Schnellstraße vom Flughafengelände getrennt. Trotzdem ist es "lovely und cosy", finde ich. Die für den Norden typischen Backsteinfassaden lösen grenzenlose Verklärung in mir aus.
Fernandos Wohnung besteht aus einem winzigen Küchenschlauch, der zugleich Garderobe und Flur ist, einem Fahrstuhlkabinen-großen Bad und einem Schlafwohnzimmer. Zuerst bin ich verwirrt. Es gibt nur Fernandos 1,40er Bett und zwei Sessel. Wo sollen wir denn bitte...?
Da klappt unser Host zwei Betten aus der Wand. Einfach so. Da wo Poster hingen, steht jetzt ein Doppelstockbett. Nur bewegen kann sich nun keiner mehr im Zimmer. 

Beim Zähneputzen kämpfe ich gegen die Befremdung, mit einem wildfremden Menschen und meinem Kind in einem Raum zu nächtigen. Ist das das echte Couchsurfing? 
Andererseits... In einem Hostel hätten wir uns auch nur das Gruppenzimmerbett leisten können. Und mein Kind hinterfragt nichts. Fröhlich zieht es sich das Bettzeug bis unter die Nasenspitze.
"Gud nait", flüstert es in die Dunkelheit. Im Bett neben uns höre ich Fernando schmunzeln.


Der Morgen beginnt hastig. 10 Uhr muss unser Host die Wohnung zur Arbeit verlassen. Während er seinen Kaffee trinkt, knie ich vor dem Couchtisch und schmiere Marmelade auf unser mitgebrachtes Brot. Fernando mag nichts essen, Marek auch noch die dritte Scheibe. Wir schweigen. Ich weiß nicht wie ich ein Gespräch beginnen soll. Über was, so zwischen Tür und Angel. Wir tauschen ein paar Phrasen, belanglose Dinge und er gibt ein paar Tipps, was in seiner Stadt sehenswert ist und was nicht (die Meerjungfrau - klar). Vor dem Flughafen verabschieden wir uns, er umarmt uns beide. Bevor er die Fußgängerampel überquert, dreht er sich noch einmal um: "Did your bring your IDs? It's important for Sweden. Border controls are strict these days..."

Kurz vor 11, wieder Hauptbahnhof. Für 70 DKK kann ich unser schweres Gepäck für die nächsten Stunden in einem Schließfach einschließen. Das sind fast 10 €. Trocken schlucken. Darauf gibt es Blätterteigtaschen mit Erdbeercreme (30 DKK, geldfrei, mhkay), einen Stadtplan und graue Wolken. 


Mit der Bahn fahren wir bis zur nächsten Metro-Station - Nørreport. Kopenhagens Metro ist noch ziemlich jung. Insgesamt gibt es nur drei Linien. Innerhalb des Kerns fährt nur eine Linie, die sich etwas außerhalb in zwei entgegengesetzte Richtungen aufspaltet. Die Stationen sind beeindruckend futuristisch. Alles ist... so neu. So bizarr sauber, korrekt, reich. Ein bisschen Science-Fiction. Ein bisschen Zukunft. Die Tickets werden nicht mehr entwertet, sondern von leuchtenden Säulen beiläufig im Vorübergehen gescannt. "OK. Good ride!" zeigen sie an. Die Bahnen fahren fahrerlos und vollautomatisch. Die Gleisen sind von einer Glaswand vom Bahnsteig getrennt. Erst wenn die Bahn vorgefahren ist öffnet sie sich genau vor deren Türen. Ich vermisse den Schmuddelflair der Berliner U-Bahn - aber nur ganz wenig. 
Und überüberall übertrieben schöne Menschen.

To be continued: Chapter 2
________________________________________________________________________
* Pardon, das sind Schweden. Aber wie auch immer.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hey, ich freu mich, wenn du mir was nettes schreibst!