Freitag, 14. April 2017

Rucksackkind - Chapter 2: Love, Peace, Christiania. Begegnungen mit der Utopie.

Hier: Chapter 0 und Chapter 1


Weiß nicht so richtig wohin mit uns. „Ein-stei-gen!“ zieht das Kind am Gurt der Ergobaby-Trage, da halte ich noch den Stadtplan umklammert und studiere die wenigen Metro-Stationen von oben nach unten nach oben. Daheim habe ich Reiseblogs gelesen: "What to see in Copenhagen!" - und so, was man halt so liest, nachts, im Bett, auf dem Tablet.
Aber hier, inmitten übertrieben schöner Menschen in übertrieben sauberer U-Bahn-Station bin ich auf einmal orientierungslos entdeckungsfreudig. Entscheide mich aus dem vagen Eindruck heraus, darüber gelesen zu haben, für zwei Stationen M2 „towards Lufthavnen“.

Christianshavn. 
Das Bauchgefühl kommandiert: rechts, Overgaden Oven Vandet. Und plötzlich sind wir nicht mehr in Dänemark, sondern in Amsterdam. Links von uns der Kanal, am anderen Ufer drängeln sich schmale schiefe Häuschen um die beste Sicht auf Hausboote. Es riecht ein bisschen nach Meer, ein bisschen nach Kaffee und ein bisschen nach dem aufdringlichem Aftershave des Joggers, der weiter hinten an einer Anlegestelle seine Dehnübungen turnt. Er ist Mitte 30 und sieht aus wie diese perfekten, furchtbar netten Familienväter aus dem IKEA-Katalog. Während seinen Rumpfbeugen beobachtet er, wie ich versuche, im Laufen den Stadtplan auf ein handliches Format zu falten und dabei das Kind daran zu hindern, in den Kanal zu springen. Schließlich habe ich seine Höhe erreicht und der Stadtplan zwei Risse bekommen. "Hej!", sagt er und richtet sich auf. Das Aftershave riecht wie das meines Ex-Gitarrenlehrers. "May I can help you? What are you looking for?" Gewinnendes Familienvater-Lachen. Aus den Augenwinkeln sehe ich das Kind gefährlich nahe an der Kanalkante. "Öh.", sage ich. "We're just looking around.."
Beherzt greift er meinen Stadtplan, tippt auf den Kanalrand "Now, you are here. I can recommend..." und fährt mit dem Finger ein paar angrenzende Straßen entlang. "This is great for the child! And this...", sprudelt er in akzentfreiem Englisch und lacht dabei sein Familienvater-Lachen. Dann faltet er den Stadtplan auf ein handliches Format, drückt ihn mir zurück in die Hände, wünscht "a nice day!" und joggt in entgegengesetzte Richtung davon. Seine Aftershave-Wolke folgt ihm mit einigem Abstand. Äh, thanks. Das Kind wartet brav an der nächsten Straßenlaterne. Ist das zu fassen?
Copenhagen, you got me.



Wir folgen eine Weile dem Kanal, aber es ist kalt, windig und irgendwie haben wir Hunger. An der Ecke Brobergsgade findet das Kind ein Café mit altem Spielzeug im Schaufenster. Im Kopf rechne ich den Preis einer Tasse Kaffee in Tortenstücke meines Dresdner Lieblingscafès um. Zweieinhalb mal Schokosahne. Mhpf. 
Weiter.
Vor uns drei HfbK-Studierende in ironischen Oversized-80s-Jacken. Die Architektur so Amsterdam mit Dresden-Neustadt-Flair und Friedrichshain-Publikum. Mittendrin ein arabischer Supermarkt. Marek spielt Nicht-auf-die-Linien-treten auf dem Gehweg. Irgendwie geraten wir auf die Prinsessegade und irgendwie kommt mir das alles seltsam bekannt vor. Als wäre ich schon hier gewesen. Mit Google Streetview...


Klar. Christiania.
Ups.

Ein Ort, den ich auf meiner To-See-List eigentlich schon gestrichen hatte. Zu weit draußen. Im Winter hässlich und grau. Ort, an dem nur Drogis und fiese Dealer herumhängen, an dem das Fotografieren verboten ist, der wie so viele touristisch erschlossene Orte nicht mehr der ist, der er vor der touristischen Erschließung mal gewesen sein mag. Überbewertet und nur bedingt kinderfreundlich. Finden die Reiseblogs.
Und nun stehen wir hier. Hand in Hand an der Grenze zwischen EU und diesem Freiland, dieser Stadt in der Stadt, diesem "rechtsfreien Raum", diesem Fleckchen Erde, das sich seit 1971 autonome Kommune nennt. Ich wollte nicht hierher, wirklich nicht. Es ist, als hätten sich meine Füße mit meiner Weltsicht gegen mich verbündet. Als würde die Kröte blind zurück in ihr natürliches Habitat finden. Besser: Als wäre ich der Bauer im Schachspiel, den das Schicksal ungefragt auf dem Feld herumschiebt, weil es mal wieder alles besser weiß. 
Also los, Christiania. Du bist am Zug.


Noch in den 60er Jahren war Christiania ein Gelände des Militärs, die Backsteinhäuser verlassene Kasernen, nur unzureichend bewacht. Dann kam 1971. Einige Menschen begannen, das Gelände als Kinder-Spielplatz und Erholungsgebiet zu nutzen. Kurz darauf erschien in der alternativen Zeitung „Das Hauptblatt“ ein Artikel, der einem Aufruf zur Besetzung gleichkam. Und sie kamen: Nicht nur Hippies, Aussteiger, Punker, Rocker, Alternativies, Homosexuelle, Kiffer, Dealer, Anarchist*innen - Der "Abschaum", "Außenstehende des Mainstreams" - sondern ganz einfach: Menschen. Sie alle wurden zu Hausbesetzer*innen, machten sich ein ganzes Stück Stadt zu ihrem kollektiven Eigentum, getragen vom gemeinsamen Gedanke einer freiheitlichen Gemeinschaft und vereint im Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Die "Fristad" Christiania verstehet sich als antikapitalistisches Freiland, es existieren weder Mietverträge noch Hauseigentum, keine hierarchischen Strukturen. Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen und jede*r dabei als Individuum respektiert. 40 Jahre lang lebten die Bewohner unentgeltlich in ihrem Viertel, bis sie nach Kontroversen mit der dänischen Regierung entschieden, das Gelände käuflich zu erwerben. Das dänische Recht gilt hier trotzdem nicht. Man hat eigene Regeln aufgestellt: Kein Diebesgut, keine Gewalt, keine Waffen, keine Autos, keine harten Drogen. Die Freistadt ist weltweit für ihren offenen, toleranten Umgang mit den "weichen Drogen" Haschisch und Marihuana bekannt. Sie gilt als Kifferparadies, in dem offen mit Gras gehandelt wird, in der der Besitz und der Konsum nicht strafbar sind. Überall liest man vom berüchtigten "Green Light District", der "Pusher Street", auf der die Dealer wie Straßenhändler ihre Waren verkaufen. 

Überhaupt ist das Internet ist voll von Pro und Contra-Beiträgen zu diesem bunten Flecken auf dem Stadtplan. Alkoholismus und Drogentote, Bandenkämpfe und diverse bewaffnete Übergriffe in den vergangenen Jahrzehnten vs. bunte, unabhängige Gemeinde, kulturelle Werte, Solidarität, Freigeist.
Wir machen uns ein eigenes Bild.


Entgegen den Erwartungen sind nicht viele Touristen unterwegs. Meine Ringelstrumpfhose und die Winterstiefel mit dem kaputten Reisverschluss fügen sich gut in die Umgebung ein. Fühle mich wie mein Smartphone, wenn ich den Empfangsbereich des Campus-WLANs betrete. Meine Weltsicht sendet ein "Sie sind jetzt verbunden." zurück an meine Füße.
Oh, what a wilderness. Absichtlich verwilderte Grünflächen wie Hausprojekt-Gärten. Es ist nass und kalt und überall liegt irgendwelcher Müll. Das ist alles Kunst, das kann nicht weg.
Bunt ist es tatsächlich. Ich frage mich, ob es okay wäre, jetzt bei Tageslicht eine Spraydose aus dem Turnbeutel zu nehmen und mich am kollektiven Gestaltungsprozess zu beteiligen.
Wir haben den Anflug von Hunger irgendwie vergessen. Alles ist ein riesiger Spielplatz. Asphaltlahme Kinderfüße rennen durch den Grünflächen-Matsch und klettern auf Holzstapeln herum. Mitten im Weg liegt ein Berg Pflastersteine und mein Sohn baut einen Turm. Niemand hindert ihn daran. Mit der "üblichen Zurückhaltung beim Fotografieren von Personen" halte ich meine Umgebung fest. Durch das Objektiv betrachtet verklärt sie sich zu etwas buntem und wunderbaren. In der Realität sehe ich müde Menschen in zerissener Kleidung, Müll, Decken in den Fenstern gegen die Zugluft. Suche die Lebensfreude und finde ein bisschen zu viel Weltflucht.


Als wir am "Verwaltungsgebäude" vorüberhüpfen (das Kind), frage mich, ob ich Lust hätte hier zu leben. Wie es sich anfühlt. Ob das geht? Einfach so? Immerhin ist das hier doch eine Freistadt?
Zuhause lese ich: Man muss sich vor dem Plenum bewerben, mehr beweisen. Es gebe zu viele Anfragen, "es scheint, als sei die einzige Politik in der alternativen Wohnsiedlung die Vetternwirtschaft".
Angesichts der Glasscherben und rostigen Nägel in einem verwilderten Blumenbeet gerate ich in ideologische Konflikte. Wie viel Ordnung brauche ich? Vor einem Schuppen sitzt eine Gruppe älterer Männer. Sie trinken Schnaps um 13 Uhr und betrachten das Kind und mich unverholen, fast schon aufdringlich. Vielleicht dringe ich auch gerade aufdringlich in ihre Welt ein. Leben und Leben lassen. Aber unter ihren Blicken fühle ich mich unwohl. Wie viel Privatsphäre brauche ich? Schnell ziehe ich das Kind weiter. Christiania ist mittlerweile von der Regierung offiziell als "soziales Experiment" anerkannt. Unterschiedlichste Menschen haben hier einen Platz zum Leben gefunden, einen Platz für Selbstverwirklichung - und Selbstzerstörung...

Wir finden eine Skatehalle und haben kein Board. Ein ungefähr 16-jähriger Junge telefoniert in einer Ecke. Als Marek beginnt, die Rampe nach oben zu klettern und auf dem Po hinunter zu rutschen, unterbricht er sein Gespräch: "Hej! You can ask for a Board in the shop, if he likes to give it a try!" und strahlt genauso einnehmend wie der Aftershave-Jogger am Kanal. Die Jungs hinter dem Tresen begrüßen uns mit High Five. Wir smalltalken, während der 16jährige meinem Kind auf die vier Rollen hilft. Mitten im Februar atme ich Festival-Spirit.
Sind in Kopenhagen denn alle so verflucht freundlich?


Auf unserer Entdeckungsreise querfeldein begegnen wir kaum anderen Menschen. Dabei ist das doch eine der Haupt-Touristenattraktionen der Stadt?
Nun... wohl nicht an einem nassgraukalten Februartag. Ich schwanke zwischen romantischen Gefühlsausbrüchen angesichts alternativer Traumhaus-Architektur und Zweifel an der Wahrhaftigkeit dieser Kommune. Zerstört sich ein Freiraum nicht irgendwann selbst? Kann sowas dauerhaft bestehen?
Graue Gedanken unter grauen Wolken.
Am Wasser lasse ich sie fliegen. Allesamt. Nur zu Besuch. Betrachte das andere Ufer durch mein Teleobjektiv und beschließe, mich nur vom Spirit anstecken lassen. Von antikapitalistischer Lebenskreativität, von Farbfreiheit ohne Normdiktate. Das Kind baumelt in einer Autoreifen-Schaukel fröhlich mit den Beinen. Wir haben immer noch nichts zum Mittag gegessen.

Alle Warnungen, die Stadt nicht mit Kindern zu besuchen halte ich übrigens für völlig überzogenen Quatsch. Nicht an jeder Ecke hängen Schnaps trinkende Opas oder Kiffer herum. Nicht überall wird geraucht. Christiania ist ein großer Abenteuerspielplatz, ein Ort für Entdeckungen für jede Altersgruppe. Es gibt keine Autos, das Dorfkind kann ungehindert Stöcke schmeißen. Wildchild in Action. Kröte in natürlichem Habitat. Danke Schicksal.


Auf dem Weg zurück in die Europäische Union durchqueren wir dann zufällig doch den berüchtigten "Green Light District". Angeblich gibt es hier jetzt Videoüberwachung. Trotzdem gibt es einige Verkaufsstände, an denen Männer in Camouflage-Hosen portionsweise abgepacktes Weed verkaufen. Ich finde nichts geheimnisvolles daran und auch nichts bedrohliches. Leben und Leben lassen. Fällt mir schwer, dem ganzen überhöhte Bedeutung beizumessen. Habe auch nicht das Bedürfnis, irgendetwas heimlich fotografieren zu müssen. Ein paar Meter dahinter schlendern einige asiatische Frauen durch Stände mit immergleichen Boho-Hippie-Tuniken. Es gibt ein paar Marktbuden mit orientalischem Schmuck, Rauchzubehör und Holzkram.

Christiania ist erwartungsgemäß ambivalent. Nicht Underground, sondern "Freiluftmuseum einer Utopie". Im Zentrum Konsumgut, Massenware, weiter hinten am Wasser Ansammlung von Obskuritäten, kreativer Architektur, Hippie-Spirit und rostigen Nägeln im verwilderten Blumenbeet.
"Christiania, das muss man sich eingestehen", heißt es in einem der tausend Artikel, "ist ein Paradox des 21. Jahrhunderts."
Ja, danke. Genau. 
Oder einfach ein spannender Ort für Backpack-Mütter mit hungrigem Dreikäsehoch. Unter roter Flagge mit drei gelben Punkten, gleich neben einem Heizpilz machen wir noch ein schnelles, antikapitalistisches Picknick. Love, peace, harmony und Veganz-Doppelkekse.

To be continued, again: Chapter 3

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