Samstag, 29. April 2017

Rucksackkind - Chapter 3: Gränskontroller, Herzrhythmus, Schnee.


Nach Christiania in Kopenhagen sehen wir noch folgendes: überfüllter, aber schrecklich gut organisierter U-Bahn-Verkehr in der Nachmittags-Rush Hour. Irritierte bis entsetzte bis faszinierte Blicke übertrieben schöner Menschen auf das schlafende kleine Großkind in der Ergobaby-Trage auf meinem Rücken. Ständig dreht man sich nach uns um. Sehe auch keine anderen Eltern(teile), die ihre Kinder in Tragevorrichtungen bei sich haben. Kinder gibt es ausschließlich zu Fuß oder in futuristischen - oder betont Retro-chicen! - Wagen. Ob die Dänen so etwas einfach nicht kennen?
Mit dem schlafenden Kind auf dem Rücken dann noch die Straßen rund um Københavns Universitet. In Reiseführern werden Rathaus, Tivoli und die Strøget-Shoppingmeile ausführlich erwähnt. Viel schöner ist es aber abseits von Allerwelts-Marken, zwischen (mh, teuren) kleinen Restaurants, Boutiquen, Plattenläden!, Kopfsteinpflaster und schmalen Häusern auf schmalen Gassen.




Am späteren Nachmittag schließlich fängt es an zu regnen, kalt ist es auch. Der Schirm reicht nicht ganz über uns beide und außerdem sind meine Füße müde und 15 Kilo in der Rückentrage auf Dauer ziemlich ungesund.

Gegen halb 8 abends wird der Flixbus nach Malmö abfahren. Gegen halb 6 stehe ich wieder in der Halle des Kopenhagener Hauptbahnhofs. Vor dem Backshop mit den teuren Erdbeercreme-Blätterteigtaschen gibt es WLAN. Mitten in all den geschäftigen, schönen Menschen mache ich ein Selfie von mir mit schlafendem Kind auf den Knien und schicke es als Lebenszeichen nach Hause. Dabei fühle ich mich weltmännisch. Cosmopolit. Selfie aus Kopenhagen, Hinterkaffhausen, guck! Wo wir sind! Was wir können! Morgen eins aus Malmö!
Bin erschöpft und strahle wie ein Honigkuchenpferd. Erste Travel-mit-Kind-und-Rucksack-Etappe fast beendet. Erfolgreich. Nahezu geldfrei. Eindrücke-gesättigt nach 6 Stunden Stadttour. Ich bin müde, das gelbwarme Licht des Wechselschalters scheint durch meine Augenlider und ein tiefer innerer Frieden durchströmt mich. Eins mit mir, mit dem Moment, mit der Umwelt. Warm ums Herz trotz kalter nasser Zehen in kaputten Winterstiefeln. Wir kommen wieder Kopenhagen, versprochen.


Dann erwacht ein Tyrann auf meiner Schoß und ich winke dem inneren Frieden mit Papiertaschentuch und Kronenschein gegen Kindertränen. "MAMAAH!", brüllt ein Stadt-genervtes Kind, "ich will aber DA was zu essen!"
Notiz an mich: Wutausbrüche in Low Budget-Planung einbeziehen. Meine Erziehung besteht aus Erpressung. Erdbeershake für umgerechnet 5 €. Immerhin ist uns beiden danach schlecht davon. Draußen beginnt es zu schneien. 

Der innere Frieden kommt nicht zurück. Nicht, als ich unser Back-Gepäck aus dem Schließfach ziehe und sich eine Tüte Trockenobst auf den Fließen davor verteilt und nicht, als ich 20 Minuten vor Flixbus-Abfahrt ("Bitte seien sie 15 Minuten vorher an der Haltestelle") die freundliche Schalter-Angestellte frage, wo denn diese Fernbushaltestelle sein soll. 10 Minuten Fußweg hinter dem Bahnhof. 10 Minuten auf erwachsenen Füßen ohne Riesenrucksack. Herrje.
Etwas panisch ziehe ich das Kind hinter mir her durch die Halle, durch den Ausgang,den Insider-Schleichweg-Tipp der Angestellten entlang. Gott preise diese dänische Hilfsbereitschaft! Draußen: Schneesturm. Kalte, riesige Flocken peitschen uns ins Gesicht. Müde Kinderfüße trippeln tapfer hinter mir her, aber wir kommen einfach nicht vorwärts. Nach einigen Metern wirft sich mein Sohn schließlich einfach auf den nassen Asphalt. Bester Zeitpunkt. Der Rucksack auf meinem Rücken drückt schwer, in der Hand der Turnbeutel. Innerhalb von Sekunden liegt der Schnee um uns mehrere Zentimeter hoch.


Diffuse Angst. Was wenn der Bus ohne uns...?
Allein mit Kind, in Kopenhagen, im Schneesturm, ohne Geld und ohne Unterkunft, abends halb 8. Kann mir besseres vorstellen. Wir brüllen uns an, auf offener Straße. 
Und dann ist der Flixbus eine halbe Stunde zu spät. Neben uns ein durchgefrorenes deutsches Ehepaar, mehrere junge Asiaten und Asiatinnen. 7 cm Neuschnee. Das Kind muss pullern. Sofort.
Tapfer hält es den Pullermann hinter die Glaswand der Haltestelle. Überhaupt ist Marek tapfer. Fast schon gelassen. Als hätte er meinen kurzen Panikanfall gespürt und hätte nun den stärkeren Beschützer-Part übernommen. "Mama...", sagt er altklug und tänzelt um meine kalten Füße, "irgendwann wird er schon kommen. Der muss uns doch mitnehmen."
Und er kommt. Der Fahrer ist hektisch, schlechtes Englisch und Dialekt-gefärbtes Deutsch: "Habter nen Kindersitz?" - "Natürlich nicht?" - "Dann kann ich euch nicht mitnehmen."
Herz - Hose. Das Kind sitzt schon in der oberen Etage und fordert den iPod. Wir schauen uns an, der Fahrer und ich. Mindestens eine Minute lang nonverbales Kräftemessen. Ich gewinne. Und nehme mir vor, daheim an Flixbus eine Mail zu schicken: Kindersitzkontingent in Bussen aufstocken! Service erhöhen! Für barrierefreies Reisen von Singlemüttern mit Kind(ern)!

Eine Stunde Öresundbrücke. Eine Stunde Gränskontroller. Schweden. Hallo.


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