Freitag, 23. Juni 2017

Irrational.

Disclaimer: Dieser Text ist in Teilen wortwörtlich so unter meinen letzten beiden Instagram-Fotos erschienen und hat einen winzigen Shitstorm ausgelöst. Das Thema, nein, die Gefühle beschäftigen mich schon eine Weile. Schon seit über zwei Jahren, um genau zu sein. Wenn Zeit Wogen glättet, dann sprechen wir von großen Einheiten. Gefühle sind übrigens irrational, unvernünftig, mal objektiv betrachtet größter, gemeiner Blödsinn. Bei positiver Irrationalität beschwert sich niemand. Bei Abneigung dann schon eher. Hey, warum? Ich darf doch doof finden, wen und was ich möchte. Das wollte ich nur sagen. Was auch noch wichtig ist: Das hier ist ein literarischer Text. Irgendwo zwischen fiktionalen Übertreibungen, blumigen Metaphern und Mimimi hat sich die Wahrheit versteckt. Aber wo, sag ich nicht. Peace.



Und jetzt gehts los:
Esse im Stehen an der Arbeitsplatte, Blick auf stinkige Papa-Sachen vom Kind und einen sagenhaft hässlichen Plüschleoparden, den ich noch nie gesehen habe.
Trauerwut. Das Kind hat mich angeschrien, als ich es auf dem Spielplatz vor dem Papa-Wohnblock abholen wollte, zwischen kaputten Bierflaschen und herumfliegendem Gummibärchenpapier.
Mit hochrotem Gesicht ICHWILLNICHTZUDIRICHWILLZUMEINEMPAPA gebrüllt. Strampelkreisch. Anschnallen darf ich es nicht. PAPIIIIIII.
Sehe sein ekelhaft überheblich grinsendes Gesicht im Rückspiegel, ist das Erleichterung darin? Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Nicht eingebildet: Das dumpfdrückende Gefühl, gleich brechen zu müssen, im Strahl übers Lenkrad. Kann nicht erklären warum. Bin ich...eifersüchtig?



Und zu Hause mit kalten Nudeln im Goldrandteller aus dem Erbservice scrolle ich mich durch die Alleinerziehenden-Facebookgruppe. Internet connecting people. Wundere mich, wie wir alle diese Menschen plötzlich auf das Innigste verachten können, die wir mal geliebt, mit denen wir ein Leben und irgendwie sowas wie Glück geteilt haben. Wie ist das möglich? Frauen* verfassen wütende Kommentare über Arschlöcher, Volldeppen, Blödmänner, gebügelte Narzissten, Assiflaschen; das Gemeinschaftsbashing ist Seelenbalsam. 
Vor vier Jahren haben wir ein Kind gemacht.
Mein Leben und seines sind so krass gegensätzlich (geworden), dass ich mich in der stereotypisch vermüllten Neubaublockstadtviertel-Wohnung, zwischen BilligfleischkettenraucherRTLnachmittagsprogramm-Flair und Yakuza-Dresscode frage, warum zur Hölle das damals überhaupt funktionieren konnte, was jetzt Marek heißt. Auf dem Spielplatz, genervt eine braune Scherbe mit dem Fuß hin und her schiebend, ist mir das mit den Emotionskurven-Ausschlägen noch ein Rätsel. Und ein Rätsel, wie sich das Kind hier wohlfühlen kann. Frage mich, wie viele Gegensätze gerade so noch aushaltbar sind. Gibts da Studien?

An der Arbeitsplatte bin ich beim 3. Stück Kirschkuchen-Nachtisch angelangt. Und bei sowas wie einer Erkenntnis. Dass es sowas wie eine Herzensmenschenfluktuation im Leben geben muss, war mir unbewusst bewusst. So ein Sympathie-Liebe-Ekel-Abneigungs-Zirkel, ein 180 Grad-Empfindungshalbkreis, der proportional zur Zeit und zur persönlichen Entwicklung verläuft. Oder so. Lange her, das mit dem Mathe.
Was ich sagen will: Menschen kommen und gehen. Wir teilen lange oder kurze Lebenszeit, bevor sich unsere Wege trennen und wir uns auch wieder hassen dürfen. Oder ignorieren. Oder nur noch von weiten grüßen. Voll okay. Eigentlich bin ich der Loslassen-Vollprofi. Vollprofi in Lebensabschnittsbegegnungen. In Momente teilen und weiterziehen, Sympathienomadin eher sprunghafter Natur. Und vielleicht liegt genau da das Problem:
In miesen Momenten wünsche ich mir, der Erzeuger wäre einfach nicht mehr da. Großeweitewelt-Kiste auf, Erzeuger rein, zu, zackfertig. Er passt nicht in unser Leben, kauft dem Kind Wegwerfplastikpistolen und wenn ich ihn sehe, muss ich dreimal das Ichspürediewärememeinesrechtenarmesmeinrechterarmistgaaaanzruhig-Mantra runterrattern, weil er immernoch Teil meines Lebens ist. Aber ein Teil, den ich nicht haben will, weil er so schrecklich negativ-anders ist. Und ich fange stinksauer an, das Auto vor mir an der Ampel anzuhupen, dem der Motor ausgegangen ist, wenn das Kind vor Sehnsucht auf der Rückbank brüllt. 
Würde gern die Schnur durchschneiden. In der Alleinerziehenden-Gruppe schreiben die Mamas was von Seidochfrohdassersichnoch... Jaja. Aber. Ich mag ihn nicht, weil ich ihn nicht wie andere Menschen einfach in mein Gedächtnisfotoalbum einkleben und weiterblättern kann.

Und trotzdem. Irgendwann mal haben wir das Rücksitzschreimonster produziert, im Lebensabschnitt mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Sind nun Eltern und bleiben Eltern. Die Gegensätzlichkeit und die Eifersucht (denn ja, verdammt, es ist ein irrationaler Anflug von Eifersucht für das innige Liebesgeschrei unseres Sohnes) muss ich aushalten, weil dieses Schreimonster ein Recht auf seinen Papa hat. Den er liebt. Irrational. Und ich liebe das Schreimonster. Irrational sehr. Das ist zum Glück von Fluktuation ausgeschlossen.

Der Sympathiezirkel dreht sich und proportional dazu verläuft die Zeit. Kann eine lineare Größe überhaupt proportional zu einem Halbkreis sein? Menschen kommen und Menschen gehen und unsere Gefühle ändern sich. Wir ziehen weiter und ich weiß, er mag mich auch nicht. Wir finden uns kacke, krass gegensätzlich, negativ-anders. Unser kleinster gemeinsamer Nenner an Zeit ist vorbei. Nur das Resultat ist noch da. In das sind wir beide (?) irrational verliebt. Darum akzeptieren wir. Was uns (mich!) aber nicht davon abhält, wütend herum zu hupen. So ist das. Irrational. 

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