Samstag, 8. Juli 2017

Violence. Nur ein Statement.


Es ist Prüfungszeit und das Weltgeschehen darf mich nur peripher tangieren. In sauberem, ignoranten Egoismus gehe ich jeder G20-Berichterstattung weitestgehend aus dem Weg, meide Diskussionsabende und nicht-oberflächliche Gespräche. Kriege Verabschiedungen gen Hamburg in meinem Umfeld kaum mit, versunken in prokrastinatorische Tasty-Kuchenvideos im großen Lesesaal der Universitätsbibliothek.

...kann ich begründen...

Natürlich reden wir darüber, kurz, nachts nebeneinander im Auto, als wir zu viert spontan einen ebay-Boxsack im angrenzenden Stadtviertel abholen. Kurz, als ich an seinem Türrahmen lehne und ihn von hinten am Schreibtisch beobachte. Kurz, als mir das Kind schon am Arm zieht. Ja, meine diffuse Ablehnung gegen das Machtelite-Treffen kann ich begründen:
G20. Ein Treffen der 19 wichtigsten Industrienationen und der Europäischen Union. Schon allein die Teilnehmenden bereiten mir Bauchweh, sind es doch die größten Waffenexporteure der Welt. Kaum demokratisch legitimierte Autokraten, die Menschenrechte mit Füßen treten (Putin, Erdogan - noch Fragen? - und detaillierter nachlesen kann man hier). Dieser reiche Superclub bildet nur einen Bruchteil der Weltbevölkerung ab - und darf entscheiden. Über Köpfe hinweg. Einfach so. So ist zum Beispiel Afrika zentrales Thema des Gipfels. Mitentscheiden darf nur ein afrikanisches Land (Südafrika).(Quelle) Andere Länder sind wirtschaftlich zu wenig einflussreich, um Teil des elitären Schampus-Trinkens zu werden. Ups. Jan Aken findet das "undemokratisch, dass 19 reiche Länder ... für den Rest der Welt entscheiden wollen." Finde ich auch. Ich finde es auch äußerst fragwürdig, ob finanzstarke Mächte die Probleme der Mehrheit der Menschen auf der Welt lösen können - im Gegenteil. Eher manifestiert sich in der Beratung über Handelsabkommen kapitalistische Logik und soziale Ungleichheit. It's a mess.

Inhaltlichere Gespräche meide ich dann aber doch. Keine Zeit.

Dann passieren zwei Dinge gleichzeitig. Ein Couchsurfer sitzt an meinem Küchentisch und scrollt neben seinem Buch auf seinem Smartphone herum. Ich sitze ihm gegenüber, wir trinken Kaffee und statt wie angekündigt intensiv Mathe-Didaktik-Forschungsliteratur zu lesen scrolle ich ebenfalls. Am Laptop, durch den Facebookfeed. Der ist überschwemmt von... natürlich. G20. Martialisch anmutende Protest-Mobi-Videos vs. intellektuelle Systemkritik-Artikel-Verlinkungen vs. Wasserwerfer-Fotos vs. Nachrichtenseiten vs. ellenlang aufploppende Kommentarspalten, in denen Freunde von mir Kommentar-Battles austragen. Fast gleichzeitig heben wir den Kopf, er spricht schneller als ich: "Well... have you heard of the massive protests in Hamburg?". "Read about it", antworte ich. "Sad", sagt er. "Mh." sage ich und weiß nicht mehr weiter.
Und dann... lese ich tatsächlich.


...Gewalt-Gegengewalt-Grundsatzdiskussion. Again...

Und lese und schaue Videos und lese und trinke den dritten Kaffee und lese den tausendsten Kommentar auch noch. Stelle alle meine Überzeugungen und Grundsätze wiederholt in Frage. Kann alle Proteste verstehen und kann es gleichzeitig nicht, verliere meine Fähigkeit zur Rechtfertigung beinahe angesichts brennender Barrikaden. Gewalt-Gegenwalt-Grundsatzdiskussion. Again. Was legitimiert was? Was ist zielführend?

Unter dem Video von der Fahrt durch ein Altona mit brennenden Barrikaden und Autos ergießt sich Verbalkotze. "Linke Missgeburten" haben diesdasananas und "zusammenknüppeln und wegsperren" müsse man alle Randalierer und überhaupt. Die Abstufungen zwischen "traurig" und "behindert" (sic!) sind unendlich vielfältig. Ein Hoch auf die Vielfalt wütender Adjektive der deutschen Schriftsprache. Und auch in mir piekt der Stachel der Unverständnis. Bin hin und her gerissen - soll ich jetzt auf Kommentatoren wütend sein, die das Privateigentum Auto in höchste Höhen heben und gleichzeitig verbale Ausfälligkeiten gegen andere Menschen in die Onlinelandschaft schreien? Oder sollte ich wütend sein auf blinde, unreflektierte Zerstörungswut - auf die Gefahr hin, mich mit eben erwähnten auf eine Stufe zu stellen? Wie stehe ich eigentlich zum Gewaltverzicht?

...Na hallo, Polizei...

Für mich ist wichtig zu erfahren, was der Auslöser für soviel Pyrotechnik auf Privatbesitz gewesen sein kann. Um ansatzweise nachzuvollziehen reichen schon zweidrei Klicks und Videos vom Polizeieinsatz auf der Welcome to Hell-Demonstration. Über den ist viel diskutiert und geschrieben worden. Nachzulesen und zu gucken: im taz-Artikel und in einem Bericht eines zeit.de-Journalisten und auch im Interview mit Thomas Wüppesahl, einem Experten für Polizeiarbeit. Oh, und in einem Video von Monitor, dem WDR-Politmagazin. Saubere, seriöse Quellen. Einstimmige Analyse. Na hallo, Polizei, saubere Arbeit da in Hamburg. Nicht.

Irgendwie möchte ich folgende Dinge loswerden:

Erstens - "Vorstadtjungs"* und -mädels* nerven

"Wir sind alle Menschen" (danke Jodel). Das stimmt. Und es gibt solche und solche. Ich möchte nicht ausschließen, dass unter G20-Protestierenden auch "eventorientierte Vorstadtjungs" (Ausdruck irgendwo gelesen und nun übernommen, weil... so blöde wie Stereotypen sind: Manchmal lässt sich damit schnell effizient auf den Punkt bringen, was gemeint ist. Ihr versteht das.) Bock auf Krawall  haben. Dass ihre Wut unspezifische, unkonkrete Suche nach Adrenalin ist und die Proteste willkommene Gelegenheit, in Machopose Bengalos in den blauen Himmel zu halten. Oder an Autos, wie auch immer. Das gibt denen was. Ein Machtgefühl vielleicht? Ich weiß es nicht, kenne aber solche "Vorstadtjungs" (und Mädels!) der Szene und finde sie nervig. Bei antifaschistischen Protesten in Dresden genauso wie nun gerade in Hamburg. Aber es gibt sie überall, diese Menschen. Sie sind nicht die Mehrheit und erst recht nicht gleichzusetzen mit "dem schwarzen Block" von 1.000 Männern* und Frauen*.
Das was sie tun legitimiert übrigens auch niemanden automatisch zu niedersten Ausfälligkeiten in Kommentarspalten sozialer Netzwerke. Jemandem Verletzungen und den Tod wünschen ist nie okay. Ist so.

Zweitens - Wut ist berechtigt

Ja, Vandalismus ist nie gut zu heißen. Etwas kaputt machen, was einem nicht gehört ist kacke. In einigen speziellen Fällen halte ich Gewalt an Gegenständen aber für ein verständliches (wenn auch allerletztes und eher verzweifelt-hilfloses) Mittel. Wut scheint mir in diesen Tagen in Hamburg eine Berechtigung zu haben. In meinen Augen liegt sie begründet in Polizeiwillkür und Repression. Und als Antwort auf das Treffen einer reichen Machtelite, die es sich erlaubt, grundsätzliche (Menschen)rechte zu missachten und/oder auszuhebeln. Beleg?
"Ein Sperrbezirk von 38 Quadratkilometern rund um das Gipfelgelände ermöglicht keinen Protest in Hör- und Sichtweite des Demonstrationsobjektes, was Teil der Meinungsfreiheit sein sollte."
 ...formuliert zum Beispiel Annika Klose. Das macht auch mich wütend und traurig. Auch ich habe Einwände dagegen. In Hamburg findet man sich zusammen, viele Stimmen sind lauter als eine - und was passiert? Man will die Stimmen nicht hören. Stattdessen entstehen oben verlinkte Bilder und Videos von Eskalation durch die Polizei. Mehr Wut. Wenn man die Einwände nicht hören und zum schweigen bringen will, braucht es andere Wege, sich Gehör zu verschaffen. Nein, Vandalismus ist kacke. Aggressionen und Militanz sind mir unsympathisch. Aber... Wie anders die Wut sichtbar machen? Vielleicht ist sie gar nicht so hilflos, wie ich sie eingeschätzt habe. Wie anders sollte man sonst reagieren, im ohnmächtigen Gefühl nicht gehört zu werden, im Angesicht respektlosem, aggressiven Umgangs von Seiten einer staatlichen Institution?
Beginne zu verstehen, auch wenn ich persönlich für mich in Eskalation keine Lösung sehe.


Drittens - Uniform entbindet nicht vom Denken

Die "Einfache Lösung"-Antwort wäre diese: Polizist*innen sind nur Ausführende der Institutionen, die die Einwände der Bevölkerung nicht hören wollen. Aber wundert es wen ernstlich, wenn sich die Wut auf diese Zustände an ihnen entlädt? Wer ausführt, identifiziert sich mit dem, was er tun soll, mit der Weisungs-gebenden Institution, dem System. Und erfährt darauf Antwort und Konsequenz.
Okay, jaein.
Ich mag das "Niemand muss Bulle sein" nicht nur wegen dem respektlosen, speziesistischem "Bulle" nicht sonderlich. Ich finde auch den Job der Polizei partiell ganz sinnvoll. Bei der Aufklärung von Entführung und Mord zum Beispiel. Ich finde auch allgemeine Regeln des Zusammenlebens sinnvoll - und akzeptiere, dass diese geschützt werden sollten. Ich bin froh und dankbar über eine Polizei, die mich vor übergriffigen, fotografierenden Pöbel-Pegidas bewahrt. Ja, echt. Aber das wars dann auch schon. Ja, wir sind alle Menschen. Ja, auch in den Reihen der Polizei gibt es diese "Vorstadtjungs" aus Punkt 1. Und trotzdem habe ich wenig Verständnis dafür, dass so viele offensichtlich willkürliche, repressive Einsätze gegen Demonstrant*innen mittragen. Ey, bei allem Respekt: dein Job mag ja manchmal ganz nützlich sein. Aber eine Uniform entbindet dich nicht davon, selbstständig zu denken. Und zu handeln. Ohne Pfefferspray und Knüppel.

Viertens - weniger jammern für eine solidarische bessere Welt

Quell von Erheiterung mit bitter belegter Zunge: Kommentator*innen, die sich Gedanken um Autos Alleinerziehender machen ("....nicht nur Bonzenkarren, sondern auch die Polos alleinerziehender Mütter anzünden..."). Autos anzuzünden find ich auch doof. Diese Umweltbelastung durch verbrennenden Gummi! Kinder, denkt doch mal nach. Positiver Beitrag zum Klimawandel ist das nicht.
Ich bin nun auch noch eine dieser Muttis, mit kleinem alten Auto. Ja, verdammt, ich wäre wütend wenn es brennt. Und wie! Es würde mich finanziell ruinieren. Allerdings lebe ich in Europa, das mit der Armut... Ist in Relation gesetzt höchst ertragbar. Eigentlich ist alles in Relation zu schlimmeren Dingen ertragbar. Aber darum gehts jetzt gar nicht.
Jedenfalls, was ich sagen wollte: So ein Auto ist materieller Besitz. Privateigentum. Bürgerliche Kategorie. Ich wäre wütend, aber ich wäre es nicht so sehr auf die Brandversursacher (aus Umweltgründen schon und vielleicht auch, weil ich finden würde, dass Gewalt gegen Dinge... und so...), sondern mehr auf die Verursacher ihrer Wut. Auf elitäre Machteliten, auf Ausbeutungsmechanismen. Zu denen ich als Privatperson durch persönlichen Profit beitrage. Und ich wäre auch wütend auf ein System, in dem die Trauer über Zerstörung matriellen Besitzes schwerer wiegt als ein Aufstehen für eine gerechtere Gesellschaft. Für eine solidarische, klimafreundliche (jaaaha, na gut...) Politik jenseits von Profit-Interessen. Eine bessere Welt ist machbar. Wenn wir alle weniger jammern und solidarisch sein würden.

Das wollte ich nur sagen. 
Danke.

EDIT: Ich habe dann doch noch was gesagt. Hier der After-Krawallnacht-Nachtrag.


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