Sonntag, 20. Dezember 2015

Kleckerei.

"Was schenkst du eigentlich so den Verwandten?", fragt die Freundin auf dem Weg in ein Seminar. Äh. Wir haben gebacken. Eher: Mama hat gebacken, das Kind das Mehl in der Küche verteilt, mit dem Nudelholz Dellen in die Einrichtung geschlagen und Teig gematscht. Großer Spaß!


1 - Vollkorn-Vanillekipferl
2 - Ausstechkekse, die üblichen
3 - Kokosmakronen
4 - Lebkuchenmenschen

Das Rezept für die Lebkuchenmenschen haben wir eher schon ausprobiert. Müssen wohl vor Weihnachten unbedingt nochmal nachbacken, damit alle Omas, Opas, Tanten und Cousins in den Genuss unserer veganen Backkünste kommen. Zu den Ausstechplätzchen muss ich sicher auch nicht mehr viel sagen. Übrigens habe ich kürzlich verwundert feststellen müssen, dass Kekse nur um Weihnachten herum Plätzchen heißen. Warum? Das ganze Jahr über sagen wir Kekse. Dann kommt der Dezember. Und wir backen... Plätzchen. Na sowas.


Jedenfalls.
Vollkorn-Vanillekipferl. Klingt gesünder als es tatsächlich ist. Und schmeckt!


Für ein Blech, das natürlich viel zu wenig ist, wie sich hinterher herausstellt, braucht ihr:
  • 300 g Dinkelvollkorn-Mehl
  • 50 g Zucker (ca. 2 EL reichen auch aus)
  • 1 Pck. Vanillezucker
  • 200 g Margarine
  • 100 g gemahlene Haselnüsse
  • 6 EL Hafermilch oder andere Pflanzenmilch
  • Mark einer Vanilleschote oder fertiges "Vanillemark zum Backen" mit etwas Puderzucker vermischt
Bis auf Vanille-Puderzucker alles zusammenkneten ("Ich mach das Mama! ALLEINE MACHEN!") und Kipferl formen. Bei 180°C Umluft 10-15 Minuten backen, noch warm in der Puderzucker-Mischung wälzen.


Kokosmakronen.
Nie auf die Idee kommen, die auf Backoblaten setzen zu wollen, wenn frau nicht hinterher alle Oblaten lose vom Blech sammeln will. Grr.

You will need:
  • eine Tüte Kokosraspeln (200 oder 250 g)
  • 100 g Vollrohrzucker (ja, es geht auch irgendein anderer Zucker)
  • 3-4 EL Sojamehl (je nach Größe der Tüte)
  • 1-2 EL Pflanzenöl (dito)
  • 7-9 EL Wasser (dito)
  • Salz
  • Ingwer, Zimt, Zitrone, ... oder was auch immer man da noch so reinmatschen möchte.
Kokosraspeln, Zucker und Gewürze ver...äh, mengen. Das Sojamehl mit Öl und Wasser anrühren und darunter geben. Das ist das Ei. Alles verkneten und kleine Kullern formen, auf ein Blech legen und bei 160°C backen, bis die Makronen goldbraun gebrannt sind. Unbedingt auskühlen lassen vor dem probieren!


Danach Küche aufräumen.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Ausländergefängnis.

 Hinter dem Busfensterglas ist es dunkel, die Fahrgäste spiegeln sich in der Scheibe. Es ist voll, ich stehe neben dem Platz, auf dem mein Kind sitzt. Wir waren auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, Marek kaut noch auf einem Brötchen und träumt.

 Auf den Plätzen gegenüber sitzen Vater und Tochter. Sie ein zartes Vorschulkind, mit hellblonden Locken unter der rosa Beanie. Er ein kerniger Typ Ende dreißig, tätowierter Hals, Glatze, Seemannsmütze, mürrische Mundwinkel. „Papa“, sagt sie, liebevoll.

 Beiläufig betrachte ich mein eigenes verschwommenes Bild in der Fensterscheibe, hinter dem die Konturen und Lichter der Altstadt wie durch Transparentpapier hindurch scheinen. Einkaufsstraße, Rathaus, Polizeiwache und das da ist… achja, die Synagoge. Der Vater schnaubt leise und beugt sich belustigt zu seiner Tochter hinüber. Im Scheiben-Spiegelbild sehe ich, wie er die Worte in das Kinderohr flüstert. Aber immernoch so laut, dass ich es hören kann: „Dort ist der Judentempel – für die ganzen Mohammeds.“

Einen Moment lang stockt mir der Atem. Ich schlucke, doch da ist kein Speichel mehr in meinem Mund. Bin versucht, mich zu ihm umzudrehen, mein Kopf sucht verzweifelt nach einer Entgegnung, irgendeinem schlagfertigen Kommentar, kann das doch nicht einfach so….! Mein Kind kaut immernoch an seinem Brötchen.

„Ist das ein Gefängnis Papa?“ Das Mädchen. Aufgeregt starrt es in die dunkle Busscheibe, obwohl die Synagoge schon zwei Haltestellen hinter uns liegt.
 - „Was meinst du?“
„Na was du erzählt hast: ein Ausländergefängnis?“
- „So ähnlich.“
„Wer geht da hin? Ist das für die, die weiß aussehen?“

 Unauffällig schaut der Vater sich um. Nicht in die Scheibe, sonst hätte er die Spiegelung des ungläubigen Entsetzens in meinem Gesicht gesehen. „Nein“, antwortet er und nickt dann mit dem Kopf in Richtung eines arabisch aussehenden Mannes zwei Reihen vor uns, „für solche ist das da.“

 Mit unverhohlener Neugier betrachtet die Tochter diesen fremden Mann. Im Spiegel der Scheibe sehe ich ihre großen, runden Augen. Mein Kind kaut immernoch Brötchen. Dann müssen wir aussteigen. Vor uns bahnen sich auch Vater und Tochter ihren Weg aus dem Bus. Kurz vor der Tür passieren wir den Sitz des arabisch aussehenden Mannes. Auf der Schwelle dreht das Mädchen sich noch einmal nach ihm um, eine blonde Locke streift meine Jacke.
Stumm formen ihre Lippen ein Wort. Ausländergefängnis.

Montag, 7. Dezember 2015

Kochen mit dem Saisonkalender, Eins.


Die warmen Mahlzeiten, die ich wochentags zu mir nehme, kann man an einer Hand abzählen. Eigentlich ist es nur eine: das Donnerstags-Essen in der Bio-Mensa. Mehr lassen Zeit und Bequemlichkeit nicht zu.

Am Wochenende schwinge ich mich dann aber doch mal hinter den Herd. Und weil diese Kochaktionen zum seltenen Event verkommen, beschäftige ich mich ein wenig mehr als sonst mit unseren Mahlzeiten.



Schwarzer Rettich, auch Winter-Rettich, wird zwischen Oktober und Februar angeboten. Und in Hinterkaffhausen überdies in einigen Gärten angebaut. Der Bruder vom allseits bekannten Meerrettich hat ein bisschen Ähnlichkeiten mit einer Rübe. Er ist knollig, seine Schale schwarz. Schält man sie ab, kommt weißes, festes Fruchtfleisch hervor. Bisher bin ich ihm nur in Salaten begegnet und mochte ihn nicht sonderlich: schwarzer Rettich ist ziemlich scharf. Würzig, finden meine Eltern.

Das Angebot an saisonalem Gemüse im Dezember ist eher dürftig. Beschließe, der dubiosen schwarzen Knolle noch eine Chance zu geben und versuche es mit Linseneintopf.

Brauche also (für 4 Teller):
  • eine halbe kleine Rettich-Knolle
  • 3 Möhren (im Dezember sind heimische Möhren noch aus der Lagerung erhältlich, sofern man keinen eigenen Garten nebst Keller besitzt)
  • 250 g Linsen (keine Ahnung, ich schütte immer nach Gefühl. Bilde mir ein, es wär ungefähr so viel gewesen)
  • 2 - 3 Lorbeerblätter
  • 5 Nelken
  • Zimt, Salz, Pfeffer
  • optional: ein Schuss Rotwein
Möhren und Rettich raspeln. Das Kind versucht zu helfen und verzögert damit das Essen um eine gute Stunde. Nunja.
Linsen nach Anleitung in Wasser kochen und quellen lassen. Den Rettich relativ zeitig dazugeben. Das Kochen entzieht ihm seine Schärfe. Später Möhrenraspel, Lorbeerblätter und Nelken untermischen und auf niedriger Stufe vor sich hin köcheln lassen. Wäre ein guter Moment für den Rotwein - hätte ich keinen minderjährigen Mitesser. Mit Salz, Pfeffer und einer Löffelspitze (das ist Interpretationssache) Zimt würzen.

Unbedingt daran denken, vor dem Servieren die Blätter und Nelken zu entfernen.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Zwänge.

Die Glocken läuten den Totensonntag aus und auf Kommando legen sämtliche Dorfbewohner den Schalter ihrer Weihnachtsbeleuchtung um. Bling. Die LED-behängten Blautannen in den Vorgärten glänzen wieder mit erzgebirgischer Volkskunst in den Fenstern um die Wette.
Ende November. Ich denke ja noch gar nicht dran!

Die Uni hat mich. Nur unscheinbar flattert mir in der Morgen-Vorlesung der Glühweingeruch in die Nase. Vor dem Audimax verkauft die wer, der Becher 'nen Euro, heißt es, und meine Nebenfrauen kramen nach Kleingeld. Ist ja schon fast erster Advent, flüster einer von hinten, da kann man schon mal...

Mit klammen Fingern kratze ich das Eis von den Rückspiegeln und horche tief in mich hinein. Weihnachtsstimmung? Habe vergessen, die Handbremse über Nacht nicht einrasten zu lassen. Eingefroren. Während der Motor warm läuft, stiere ich missmutig auf den blinkenden Stern in Nachbars Fenster und klebe mir einen imaginären Post-it-Zettel hinter die Stirn. Weihnachtskisten aus dem Schrank holen. Schmücken. Morgen ist erster Advent. Und ich habe noch nicht einmal einen Adventskranz.

Während ich ein kränkelndes (schon wieder!) Kind vor mir in die Straßenbahn schiebe, verliere ich ihn, den Zettel, mitten im Gedrängel. Ein Mann mit Schneeflocken auf der Krawatte platziert umständlich seinen kleinen echten Tannenbaum neben sich auf dem Sitz. Über die Bildschirme flimmert der... "WEINZEMANN!", lässt mein Sohn hocherfreut die Straßenbahn-Mitreisenden wissen. Verklärt lächelnde Gesichter. Ich seufze, ganz leise. Was ist nur los mit mir in diesem Jahr?

Im Dunkeln fahren wir auf dem Heimweg durch das Dorf. Überall Schwibbögen, Blinke-Rentiere, LED-Bäume, Hernhuter Sterne, beleuchtete Plastik-Eiszapfen. Und zwei dunkle Fenster. Unsere. Am Briefkasten treffe ich die Nachbarin. Etwas unterkühlt wünscht sie mir einen "Schönen ersten Advent, morgen!" und nickt vorwurfsvoll in Richtung unseres dunklen Küchenfensters. Mhndanke. Gleichfalls.

Den ersten Advent verbringe ich unter Omis Wolldecke auf der Wohnzimmercouch, mit Fieberthermometer und Imupret in Reichweite. Das mit der Hand-Mund-Fuß-Krankheit beglückte und damit mit tausend roten Bläschen übersäte Kind nimmt der Papa an der Wohnungstür in Empfang. Gerade als ich sie hinter ihnen schließen will, stürmt eiligen Schrittes der Nachbar herbei: "Ich hab dir mal schon Reißig vor das Auto gelegt. Für den Weihnachtsstrauch!". War da ein subtiler Imperativ?
Der Adventssonntag endet dunkel. Dunkle Fenster, dunkle Gedanken.

Hallo Dezember. Ich wickel zum Frühstück eine vegane Trüffelpraline aus dem Adventskalender der Dresden-Vegan-Gruppe (danke dafür! Großartig!), höre mein mittlerweile gesundes Kind am anderen Ende der Telefonleitung den fehlenden Schnee betrauern (von der Mama kein Wort), schiebe den Krankenschein und ein paar Krümel auf dem Tisch hin und her und warte... Worauf? Im Hof gegenüber müht sich das ältere Ehepaar mit der Lichterkette für den Fliederstrauch.

Mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus heimeliger Stimmung krame ich schließlich im Schrank nach den Sternen für das Fenster und finde die roten Kugeln für... Achja, das Reißig.
Etwas wackelig und immernoch angeschlagen klaube ich das stachelige Zeug zwischen den Reifen hervor. Als ich zurück zur Wohnungstür schlurfe, meine ich eine deutliche Bewegung in den nachbarlichen Gardinen wahrzunehmen.
Die Zweige nadeln. Hole den Staubsauger. Und wo ich doch schon mal dabei....

Am ersten Dezember um 18 Uhr knipse ich Stern, Schwibbogen und beleuchtete Erzgebirgs-Glocke in den Fenstern an. Auf dem Fensterbrett räuchert eine Räucherkerze "Vanille-Zimt" in die geputzten Räume. Schnell noch einmal zum Briefkasten... Als hätte sie dort auf mich gewartet, steht da die Nachbarin in Rudolf-das-Rentier-Filzpantoffeln und strahlt mit dem Stern im Küchenfenster um die Wette. Fast schon erleichtert empfängt sie mich: "Sie haben ja nun auch geschmückt!"

Couch. Facebook:

Argh.

Dienstag, 24. November 2015

Weihnachtsbäckereikleckerei - vegane Lebkuchenmenschen

Kürzlich haben wir die Weihnachtsbäckerei-Saison offiziell eröffnet. Traditionell, mit den Fingern im Lebkuchenteig. Das neue in diesem Jahr: unsere Lebkuchen sind vegan. Und anders als alle anderen Rezepte - zum Teil von meiner Pulsnitzer Urgroßmutter persönlich (Familiengeheimnis, rücke ich nicht raus, nö!) - ist es super simpel und gelingt jedem noch so gestressten Studenten, jeder Chaos-Mum, wirklich jedem.


Was ihr braucht:

  • 500 g Vollkornmehl nach Wahl, ich nehme immer Dinkelmehl
  • 100-150 g Zucker, das entscheidet wieder die Vorliebe
  • 200 ml Sojasahne
  • 5 EL Backkakao
  • 2 EL Lebkuchengewürz, 
  • oder die Einzelbestandteile: Zimt, gemahlene Nelken, Anis, Muskat, Kardamom, Koriander
  • 1 Pck. Weinstein-Backpulver
  • Pflanzenmilch, zum Ausgleich, falls es zu trocken ist und später, zum bestreichen
...daraus werden 50 kleine oder 35 größere Lebkuchenmänner- und frauen und -kinder.

Alle Zutaten miteinander verkneten. Die Pflanzenmilch dazu schon offen neben die Knetschüssel stellen und bei Bedarf Flüssigkeit zugießen.
Den Teig Kinderfinger-dick ausrollen, dann Lebkuchen-typische Figuren ausstechen, mit Pflanzenmilch bestreichen und bei 180°C zehn Minuten backen. Dass sie anfangs noch weich sind, ist absolut richtig!


Fotos von den fertigen Produkten gibt es vor Weihnachten. Bestimmt. Versprochen!

Samstag, 21. November 2015

Schnelle vegane Vollkorn-Rosinenbrötchen am Samstag Abend.


Das Kind erwacht aus dem Mittagsschlaf und will "frühstücken".
"Quatsch", sage ich, "Nachmittags kannst du einen Keks essen, wenn du möchtest?!"
- "Sinenbrötchen!", ruft das Kind.

Rosinenbrötchen habe ich keine im Haus. Und der Dorf-Bäcker hat Samstag Nachmittag auch nicht mehr geöffnet. "Siiiieeenenbrötchen!", beharrt mein Sohn.
"Wie können nur selber welche backen...?", überlege ich laut. Strahlend flitzt Marek in die Küche.
(so passiert letzte Woche)

You will need:

  • 500 g Vollkorn-Mehl
  • einen EL Zucker
  • 1 Pck. Trockenhefe
  • 250 ml Sojamilch, und zwar: lauwarm (und extra noch einen Schluck für später, zum bepinseln)
  • 60 g weiche Margarine
  • 1 Prise Salz
  • Rosinen nach Vorliebe


Die Trockenhefe in der Sojamilch einrühren und stehen lassen, bis alle anderen Zutaten abgemessen und vom Sohn in die Schüssel befördert worden sind. Das tolle an selbst gemachten Rosinenbrötchen ist, dass man die Dichte an Rosinen selbst wählen kann. In unserem Fall: 6 Stück auf 1 cm³.
Milch-Hefe-Gemisch zum Schluss dazuschütten, kneten, mit einem feuchten Tuch abdecken und (günstig) auf die Heizung zum Gehen stellen.

Anziehen und an die frische Luft.

Kurz vor dem Abendessen sind wir zurück. Marek staunt: Der Teig hat sich auf wundersame Weise verdoppelt. Na sowas!
Wir rollen kleine, Kinderhand-große Kullern daraus.


Backofen schon vorheizen, auf 200°C.
Die Kugeln auf ein Backblech setzen und mit Sojamilch einpinseln.


Ofen.
Für ungefähr 20 Minuten, bei 180°C Umluft.




Mittwoch, 18. November 2015

Wickelkreuztrage für Pandas, Fieberthäter und Gelichter - November in Hinterkaffhausen.

Als hätten wir es nicht schon alle geahnt, wird das Kind auch noch krank. Im Hamsterrad aus Uni, Kindergarten, Bügelbrett und Spielplatz hat plötzlich einer einen Ast in die Speichen gesteckt. Gerade als es im Begriff war, sich endlich reibungslos zu bewegen und an Fahrt aufzunehmen. Prima.
Ich akquiriere die Großeltern und werfe sämtliche Pläne in den Papierkorb. Die Nächte sind unergiebig, müde bette ich meinen Kopf auf den Klapptisch in Hörsaal 3. Die Augenringe schleifen beim Gehen auf dem Boden, äh.. was hast du gesagt?. Wenigstens ist das Wetter schön.

Schnell nach der Uni die homöopathische Hausapotheke auffüllen. Springe in der Haltebucht vor der Apotheke aus dem Auto, direkt in die Arme von Esme-Carina-Mama (Remember?). Werde übertrieben freundschaftlich begrüßt ("Aaaaach, na des is ja'n Zufall, meine Liebe!"), dann aber gespielt mitleidig gemustert: "Oh wei! Du siehst aber ein bisschen kränklich aus, nicht?" (Ein bisschen?)
"Na also ich habe die ganze letzte Woche mit einem grippalen Infekt gelegen, du, ich sage dir, mir war elend wie Sterben Christi, du. Ich habe das ja immer gleich richtig, weist du. Und mein Arzt meinte auch..."
Stur lächeln und nicken.
"..vor fünf Jahren hatte ich ja diese schlimme Angina und seitdem lasse ich mir lieber gleich ein Antibiotika..."
Ah, mh, verstehe.
"...und natürlich muss man das immer richtig auskurieren, nicht wahr, das geht ja sonst aufs Herz. Darum bin ich noch bis zum Ende dieser Woche krank geschrieben...."
Habe versprochen, zum Mittagessen wieder zurück zu sein. In zehn Minuten. Muss niesen. Irritiert unterbricht Esme-Carina-Mama ihren Krankheitsmonolog: "Siehst du, so fängt das bei mir auch immer an! Lass dich gleich krank schreiben, meine Liebe, ich sag dir, sonst da geht es dir wie mir, als ich...."
Wie komme ich hier bloß wieder weg?
"...und ihr Studenten habt ja doch recht wenig zu tun, nicht wahr? Da kann man sich schon mal eine Auszeit..."
Grr.

Zuhause begrüßt mich ein sichtlich überforderter Opa. Das Lego liegt verstreut im ganzen Treppenhaus, stummer Schauplatz eines vergangenen Wutanfalls. "Hat er noch Temperatur?", frage ich, beantworte mir diese Frage mit Blick auf mein rotbäckiges Kind im gleichen Moment selbst. Falsche Frage. Verzweifelt wirft Opapa die Hände zur Decke: "Woher soll ich denn...? Der Junge lässt sich einfach nicht Fieber messen!"
Na da werden wir doch mal... Wo ist denn...?
Verdächtig stilles Kind. Mit dem Rücken zur Wand. Ich höre es piepen. Frage: "Hast du das Thermometer genommen, Marek?" Oh, dieses Mienenspiel! Dann, bemüht beherrscht, leicht schwingt schon ein verzweifelt-weinerlicher Unterton mit: "Keine Ahnung Mama! Marek hat nicht Fieberthäter!"
Doch.
Kampf.
Gebrüll.
38,6.
Seufzen.
Der heiße Kopf schmiegt sich beim Mittagsschlaf an mich und ich muss ihn immerzu streicheln. Mit müden Augen lese ich den Skript der Vorlesung, die ich heute morgen lediglich körperlich besucht habe. Schlafe wieder darüber ein.

Zwei darauffolgende Tage später sind die Wespen im Kinderpo zum blühenden Leben zurückgekehrt. Die Gemeinde lädt zur Martinsandacht mit anschließendem Lampionumzug. Schnell die Tasche in die Ecke gestellt und im Schrank nach der Wintermütze gewühlt. Und wo haben wir letztes Jahr diesen Laternenstab...?
Das Kind möchte den Heiligen Panda dabei haben. Und die Laterne. Nebst Lichtstab. Und die "Trinkbulli" auch noch. Und 'nen Keks. Logistisch schwierig. Ich versuche es mit mütterlicher Diplomatie.
"Iss doch den Keks gleich noch. Und trink einen Schluck, dann steckt die Mama die Flasche ein."
- "Nein, tragen!"
"Dann bleibt aber der Panda hier."
-"Panda auch Laterne gehen!"
"...nicht heute. Heute wartet er im Warmen."
-"Panda mit-geh-en!"
"Du hast doch gar keine Hand mehr frei, wenn du deine Flasche im Arm hast. Lass mich die Flasche..."
-"Nein, Mama!"
Unten beginnt schon das Martinsgeläut. Wir werden wohl zu spät kommen wenn nicht gleich...
"Der Panda bleibt hier. Du verlierst ihn nur!"
-"Neeeein. Panda muss Laterne gehen!"

Manchmal staune ich über mich selbst. Werfe einen besorgt-gehetzten Blick zur Uhr (wie so oft in den letzten Tagen und Wochen. Die Uhr und ich... sind erzverfeindete Gegenspieler geworden) und treffe auf halbem Weg mein Halstuch an der Gaderobe. Oh. Moment.
Wie im Tragekurs gelernt schlinge ich eine mehr oder weniger vorbildliche Wickelkreuztrage um den Kinderkörper. Mit Panda. Ehrfürchtig dreht und wendet sich mein Sohn vor dem Spiegel. "Marek ist ein Papa!", stellt er fest.
Eilig drücke ich ihm Flasche und Lichtstab in die Hand und lasse hinter uns die Tür ins Schloss fallen. Kurz vor der Kirche fällt es ihm auf: "Laterne, Mama?". Mist.



Natürlich kommen wir zu spät. Die Kirche ist sporadisch besetzt, ausschließlich Kindergarten-Eltern und zugehörige Kinder. In der Nähe der Tür erkenne ich Esme-Carina-Mama, die bei unserem Eintreffen euphorisch den rosa-Blinkerherzchen-Laternenstab der Tochter im Takt von "Ich geh mit meiner Laterne..." schwenkt. Nö.
Kaum haben wir uns platziert, verlangt das Kind nach der Trinkbulli, dann nach einem weiteren Keks, dann wieder nach der Bulli, dann möchte es den Laternenstab herumschwenken.
Licht an. Licht aus. An. Aus. An. Aus. An. Aus.
"Hör auf jetzt! Da gehen doch die Batterien runter!", flüstere ich streng ins Kinderohr, während die Älteren vorn die Geschichte vom Heiligen Martin nachstellen. Interessiert Marek nicht. An. Aus. An. Aus. Beherzt greife ich ein, entwende den Stab. Gebrüll. Keiner versteht mehr einen der hübsch auswenig gelernten Sätze aus dem Altarraum. Esme-Carina-Mama dreht sich um und mustert uns mit zusammengekniffenem Mund. Esme-Carina spielt vorn einen der Stadttor-Wächter.
Später fällt meinem Sohn ein, dass man mit dem Stab (habe ihn der lieben Ruhe halber gestattet, nachdem ich die Ersatzakkus in der Jackentasche fühlte) auf den Köpfen der Leute vor uns herumhämmern kann. Nein, Kind!
Nocheinmal später (habe das störende Objekt Kind aus der Kirchenbank entfernt, stehen nun im Gang mit Fluchtoption Tür) schwenkt er diesen grässlichen Stab so schwungvoll in alle Himmelrichtungen, dass schließlich Plastik-Schutzhülle über dem und das Glühlämpchen selbst auf dem harten Kirchenboden ihre letzte Ruhe finden. Das wars dann, mit Laternenstab. Das Wutgeheul ereilt mich vorausschauend erst vor der Kirchentür.



Der Umzug.
Haben von der eiligen Oma einen Zweit-Stab erhalten (schon wieder pädagogisch un-wertvoll) und schließen uns den bunten Lampions an. Esme-Carina-Mama an meiner Seite: "Naaaaaa? Geht's euch armen Mäusen wieder besser?" Äh, ja, danke. "Das ist ja sooo schön, diese ganzen Lichter, nicht wahr, sooo schön! In meiner alten Heimat gab es diese Tradition, dass alle..."
Ich nicke, lächle und habe kalte Füße. Freue mich auf den Tee im Pfarrgarten.


Montag, 16. November 2015

Bassbarden-Kuchen für Fangirls (und -boys).


Neulich habe ich den Wenn-ich-das-Studium-nicht-packe-Plan-B-Job geprobt. Catering-Service, selbstständig, unabhängig und emanzipiert. Vegan (naja, fast), bio (auch... fast...).
Das wäre schon was, womit ich mich wirklich anfreunden könnte. Vor allem Band-Catering ist fein. Ohne Stärkung keine (gute) Musik. Wir unterschätzen die Macht der Menschen im Backstage-Bereich!

Nunja, große Worte. Die Wahrheit: Ich habe Brötchen belegt und nebenbei noch schnell einen Kuchen zusammengerührt, für die Band eines Freundes. Trotzdem! Die Musik war klasse, der Abend war klasse und der Kuchen... war auch klasse.


Für potenzielle Fangirls und -boys hier das Original-Rezept des... nennen wir ihn den Bassbarden-Kuchen.

Teig: ...dieses universelle Grundrezept mit etwas weniger Flüssigkeit, dafür viel Kakao und viel gehackte Schokolade.

Deko: Schokoglasur (die Alnatura Kuvertüre aus dem dm ist übrigens vegan, daraus kann man mit Kokosfett eine tolle Glasur herstellen - Schokolade schmelzen, in einem anderen Topf ein bisschen Kokosfett. Dieses dann tropfenweise unter Rühren unter die Schokolade geben) und Mandelblättchen.

Soundtrack: Heinrich und Ich - Missgeschick (ein Lied aus dem Bandrepertoire, ursprünglich ein Soloprojekt des Gitarristen).




Samstag, 7. November 2015

This is NOT okay! - die Fortsetzung.

Im Sommer habe ich im Feld gestanden und fürchterlich ungeschickt herumgehampelt. Für ein paar schicke Fotos mit modisch fragwürdiger Matrioschka-Tunika. An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an S. hinter der Kamera -  Danke, für deine Geduld mit mir!

Um was ging's? Hab ich in diesem Post nur kurz anreißen können. Weil spät - wie immer.


Eine Katalog-Protestaktion also. Die Aufgabe: Nähe dir ein komplettes Outfit (oder einen Teil davon und ersetze den übrigen Teil durch Fairwear), fotografiere dich damit und poste das. Die Intention: spüren, wie aufwendig und teuer schon ganz simple (!) Kleidungsstücke und Schnitte sein können. Wie empfindlich es die Haushaltskasse trifft, wenn frau nur ein paar fair gehandelte Strumpfhosen kauft. Strumpfhosen, Damen und Herren, einfach nur Strumpfhosen! Die Einsicht, dass da was faul sein muss an den Preisen bei... na, fangen wir nicht wieder von der bösen Kette mit P an.
Aus den Fotos der Teilnehmerinnen sollte ein "alternativer" Katalog entstehen. Kein gephotoshoppter Magermodel-Fast Fashion-Katalog, sondern ein authentisches, total konträres Werk. Mit lauter individueller, mit den eigenen Händen oder vernünftig bezahlt hergestellter Kleidung.
Um zu zeigen: Es geht! Es ist möglich! Es sieht toll aus! Und es macht Spaß!

Und nun ist der da, der Katalog. Ich bin bis über beide Ohren in einen Verzweiflungssumpf aus Altgermanistik und Ablaut versunken, dass ich die Erscheinung völlig verpasst habe. Nun aber! Wieder ist es spät und wieder hat Initiatorin Susanne die treffendsten Worte dazu gefunden.
Lasst sie mich zitieren:
"Kleidung ist nicht nur irgendein modisches Fetzerl, das einem hilft cool auszusehen. Nein, Kleidung bedeutet so viel mehr! In jedem Kleidungsstück steckt Kreativität und eine beachtliche Menge an Arbeit. Diese Arbeit sollte fair bezahlt werden und zwar ÜBERALL AUF DER WELT!
Wir akzeptieren nicht, dass eine Näherin in Bangladesh 70 Stunden in der Woche arbeitet und mit dem Lohn nicht einmal die Basis - Versorgung ihrer Familie gewährleisten kann. Und am anderen Ende der Welt kaufen die Leute billige Shirts, tragen diese eine Saison und werfen sie dann weg!
 Mit unserer Aktion machen wir darauf aufmerksam, dass Mode-Konzerne sehr wohl dafür Verantwortung tragen, dass in ihrer Produktionskette durchgehend Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden. Wir finden diese überbordende Profitgier auf dem Rücken von Menschen nicht akzeptabel!
In unserem Katalog kann man nichts bestellen. Nein! Er soll euch zeigen, dass ihr damit nicht alleine seid, wenn ihr darüber nachdenkt, euer Kauf-Verhalten zu ändern! Wir sind auch dabei!
304 Seiten geballte Freude an Kleidung!"
Unterschreibe ich so. Prompt.
Und jetzt Bühne frei für das großartige Exemplar! (PS: Seite 107....)


Sonntag, 1. November 2015

Urlaub auf der Badematte.

Ich bin müde.
Erinnere mich nicht, je so müde gewesen zu sein. Draußen ist es noch dunkel, das Licht im Bad macht meine Haut blass und fahl - aber vielleicht ist sie das auch. Und die Augen. Dunkellila Ringe. Tief in den Höhlen liegen sie, ich blinzele mein Spiegelbild an. Taptaptap, nackte Kinderfüße auf dem Linoleum im Flur.

Menschen. Der Bahnsteig ist zugig. Grau. Etwas drückt mein Herz zusammen, bekomme schlecht Luft. Ein blonder Kinderkopf und ich möchte ihn streicheln. Körper. Ein Schieben und Drängen, ich passe mich ihren Bewegungen an, werde hineingedrängt. Anpassung. Die Müdigkeit wie ein Schleier vor meinen Augen. Und gleichzeitig eine flirrende Elektrizität. Stickiges Abteil, atmende Körper, Atem, ich ringe nach Luft. Hitze. Dieses frösteln, dieses elektrisierte Zittern in mir, krampfende Bauchmuskeln, flaues Gefühl. Ich versuche zu lesen, meine müden Augen rattern über die Zeilen, bleiben hängen, stolpern. Kurz bewege ich mich in der Zwischenwelt – bin wach und sehe die schwarzen Zeilen auf weißem Grund, schlafe und träume. Die Fahrscheine, bitte.

Mir gegenüber sitzt ein junger Mann. Wir zücken gleichzeitig unsere Studentenausweise, greifen danach gleichzeitig wieder unsere Bücher und jetzt erst sehe ich, dass er das aufgeschlagene Buch beim Lesen genauso umschlägt wie ich. Die Buchrücken gegeneinander gedrückt, der Steg überstreckt, wir wissen beide, dass man so nicht mit Büchern umgehen sollte. Umgehen kann. Ich sehe die schwarzen Zeilen. Wörter. Sätze. Syntaktische Verbindungen, deren Sinn sich mir nicht ganz offenbaren will. Heute. Morgens. Gähne müde und frage mich, ob es meinem Gegenüber genauso geht. Frage mich, welchen Titel wohl das Cover trägt, welches er so sorgsam vor neugierigen Blicken verbirgt. Schaue auf. Schauen uns an. Die zufällige Spiegelbildlichkeit unseres Handelns lässt uns lächeln.

 Fjällraven Rucksäcke. Überall. Campuscode. Ich schließe im Bus die Augen und das Summen der Stimmen hämmert als diffuses Geräusch auf meine Trommelfelle. Die Gemurmelblase schwebt bis unter die Decke, platzt, der Inhalt schwemmt mich nach draußen. Folgsam reihe ich mich ein. Blick gerade. Rücken gestreckt, krampfende Bauchmuskeln, elektrisiertes Zittern. Meine müden Augen wandern unruhig zwischen den jungen Menschen, habe das Gefühl beobachtet zu werden. Wiederwillig klappe ich mir im Hörsaal Sitz und Tisch zurecht.

Meine Schrift ist fahrig. Interaktion. Kann nicht zuhören. Gemurmelblase. Menschen. Anpassung. Verwischte Wimperntusche unter müden Augen auf der Damentoilette. Verzerrt lächele ich den Kopfschmerz zur Seite, Küsschen links, Küsschen rechts und dir auch einen schönen Nachmittag.

Überhitztes Gesicht und krampfende Bauchmuskeln. Versuche mich auf diesen Text zu konzentrieren, meine müden Augen wollen sich nicht scharf stellen. Sin swebendez herze daz verswanc, sin swimmendiu vreude ertranc. Flirrende Elektrizität. Einatmen, ausatmen. Körper. Schieben und Drängen. In der Menge ein blonder Kinderkopf und ich möchte ihn streicheln. Warten.

Öffne die Kindergartentür und versuche mich zu sammeln. Immernoch diese Elektrizität. Einatmen. Schon klebt das Kind an meinem Bein und ich schlucke schwer an dem Kloß im Hals. Verheddere mich in den Worten. Fällt schwer, die richtige Tonlage zu finden, als ich die Erzieherin nach dem Tag frage. Der Schalter im Kopf klemmt. Zuhause. Tasche auf dem Boden und Staub auf der Fensterbank, piepiepiep piept der Geschirrspüler ungehört seit heute morgen. Draußen ist es schon fast wieder dunkel, das Licht im Bad macht meine Haut blass und fahl. Die Wimperntusche ist verwischt. Immernoch. Neben mir legt sich das Kind auf die Badematte.
Was machst du da? – Urlaub.

Samstag, 24. Oktober 2015

Stillsitzen.

Das Kind hat ein Wespennest im Hintern.
Immer. Immer summt und brummt es hin und her, zappelt, kann nicht stillsitzen. Ein wirbelnder Kreisel, ein Hampelmann. Ein Steh-auf-Männchen: schlägt morgens die Augen auf und ist wach. Als hätte einer den Schalter umgelegt, von null auf hundert. Klick - und das Wespennest brummt.

Aber manchmal komme ich nicht umhin, meinen Sohn zum Stillsitzen zu nötigen. Beim Essen. Klar. Und wenn wir ein Buch anschauen. Oder puzzeln. Da ist Ruhe. Meistens.
Manchmal möchte Mama aber auch mal in den Gottesdienst gehen. Sich in Ruhe am Tisch unterhalten. Oder einfach mal ein Telefonat führen ohne: "Marek auch Hallo sagen!", "Opa?? Hallloooo, OPA! Der OPA IST DAS!", "Ich haben! Mein Telefon! Meine ist das!", "Mama, schau mal! Mama komm mit! Mama auch spielen!", "MAMA! Das passt nicht!" (Quengelton, beim puzzeln). Das ist schon schwierig. Buch lesen scheidet aus. Da kann ich nicht zuhören. Und ein "schau dir doch mal die Bilder an, mein Stern" mit Wimmelbuch funktioniert schon seit einem halben Jahr nicht mehr. "Lesen Mama! MAMA! Buch vor-le-sen!"

Das Puzzeln klappt so mäßig gut. Schenke ich dem Wespenpo länger als vier Minuten keine Aufmerksamkeit, zupft er quengelnd und nörgelnd an meinen Haaren "Das passt nicht, Mama!" oder verschwindet flinken Schrittes nach irgendwo, wo frau ihn gewiss nicht haben will. Hinter den Altar: "KUCKUCK Mama! Versteckt!". Während der Predigt. Oder so.
Andere stille Beschäftigungen wie Malen, Matchbox-Autos, Kreisel (leider mit Mamas Interaktion) oder Essen haben eine ähnlich kurze Aufmerksamkeitsspanne.

Nun haben wir aber endlich eine neue Attraktion im Spielzeugregal: DIY-Fimo-Perlen zum Auffädeln. Kinderhände-gerecht groß, mit großen Löchern.

Die Herstellung ist schnell und einfach. Mal so nebenbei, während das Kind auch mit Knetmasse knetet.
Ihr braucht:


Aus dem Fimo werden kleine Kugeln geknetet und mit einem großen Loch zur Perle gemacht. Wie auf der Verpackung angegeben, muss das Fimo im Backofen ca. 5-15 (je nach Ofen und Vorhitze) aushärten.



Zum Spielen ebenfalls minimaler Material-Einsatz. Die Internet- und Fachgeschäft-Suche nach einer "Kindernadel" oder einer stumpfen Holznadel blieb übrigens erfolglos. Wer dennoch mal etwas entdecken sollte, darf mir gern einen Tipp geben. So lange begnügt sich mein Kind unter Aufsicht mit einer stumpfen, extra großen Wollnadel (erhältlich im Bastelladen oder in jedem Kurzwaren-Geschäft).


Trainiert Feinmotorik und Fingerfertigkeit. Aber das nur am Rande.


Übrigens erschien es mir sinnvoll, das durch die Nadel gezogene "überstehende" Ende (weiß jeder, was gemeint ist?) mit der eigentlichen Fädelschnur zu verknoten, damit die Nadel nicht immer rausrutscht, wenn das Kind zieht. Gibt dann nämlich wieder Gequengel. Und das wollte ich ja vermeiden.



Montag, 19. Oktober 2015

DIY-Waschmittel aus Kastanien - Selbstversuch.

Eigentlich (schon wieder ein Post, der mit eigentlich beginnt) wollte ich (und mit ...wollte ich... weiter geht) nur herausfinden, wie das funktioniert, nur aller 3 Monate die Haare mit Shampoo zu waschen. Hab ich nicht. Dafür eine witzige Anleitung für Waschmittel aus Kastanien gefunden.
Hab das mit meiner kleinen Schwester sofort ausprobiert und dokumentiert. Forscherinstinkt.

Was man dazu braucht: (für einen Waschgang, 3,5 kg)

  • eine reichlich große Hand voll Kastanien
  • einen Hammer
  • Leitungswasser
  • ein Einmach-Glas mit Deckel


Kastanien mittels Hammer zerkleinern. 




Kastanienteile in das Glas füllen, Wasser dazu geben bis sie in etwa bedeckt sind.
Deckel zudrehen und kräftig schütteln.

Für mehrere Stunden stehen lassen, damit die Kastanien "ausschleimen" können - es ensteht eine weißliche Brühe.

Durch ein Tuch in das Waschmittel-Fach der Waschmaschine geben. Weichspüler weglassen!

Aber warum...?
Kastanien enthalten Saponine. Stoffe, die in Verbindung mit Wasser ähnlich wie Seife wirken. Mehr finde ich dazu dann aber auch nicht. Reich ja auch.

Das Resultat nach dem Waschgang (normale dunkle Wäsche von einer Woche Kindergarten/Housewife-Dasein) ist erstmal gut: Wäsche sieht sauber aus. Riecht aber (logisch!) irgendwie... nach nichts. Bis auf Mamas T-Shirts. Unter den Achseln ist der Schweiß noch deutlich zu erschnuppern. Na prima. Und auch die Tomatensoße auf dem Kinderpulli ist schwächer, aber nicht vollständig heraus gewaschen.
Meine Schwester ist ein bisschen enttäuscht. Ich erkläre ihr, dass Kastanien sich nicht mit chemischen Drogeriemarkt-Keulen gleichsetzen lassen. Dass Tomatensaucen-Flecke eh hartnäckig sind und dass es selbst bei konventionellem Waschmittel und Weichspüler passiert, das T-Shirts immernoch nach Schweiß riechen.
Entschließen uns, den Kastanien eine weitere Chance zu geben. Diesmal mit der rot-bunten Wäsche. Hartnäckige Flecken werden vorher mit Gallseife bearbeitet. Nur das Geruchsproblem (irgendwie haben wir uns an gut riechende Wäsche so gewöhnt, dass wir darin eine Notwendigkeit sehen) löst sich erst nach späterer Internet-Recherche. Stichwort: Lavendel-Öl. Klappt super.

Endlich hat meine übertrieben kindliche, fast schon zwanghafte kiloweise Kastanien-Sammelei einen Sinn. Juhu! Nachmachen!

Samstag, 17. Oktober 2015

Werbung.

Wollte eigentlich nicht schon wieder einen Küchenkunst-Beitrag machen. Tut mir Leid. Aber das hier ist wichtig.



Am Montag feiert "das nervigste Kind Dresdens" - PEGIDA - seinen ersten Geburtstag. Grund genug für das antirassistische Bündnis "Dresden Nazifrei", eine große Gegenveranstaltung auf den Plan zu rufen. Die nennt sich "Herz statt Hetze" und bietet mit vier verschiedenen Demo-Routen und den "Postplatzkonzerten" einen lauten, bunten Kontrapunkt. Die Zusagen bewegen sich bei Facebook um die 6000-Marke, die Aktion wird massenhaft supportet. Selbst in der Straßenbahn flimmert die Werbung dafür über die Anzeige-Schirme.
Großartig!

Heute wollte das Kind mal "Backe backe Kuchen". Mit Keksen war es dann aber auch ganz einverstanden. Und weil einfache Kekse im Herbst irgendwie so nichtssagend bis doof sind (haben nämlich nur Oster- und Weihnachts-Ausstecher und eine Schnecke), musste Mama gleichmal den Stempel aufdrücken. Wortwörtlich.


Für die (übrigens natürlich veganen) Demo-Kekse wird benötigt:
  • 400 g Mehl
  • 200 g Margarine
  • 1/2 Pck. Vanillezucker
  • 100 g Zucker
  • 3-4 EL Sojasahne
  • Zitronenschale
  • Kakao für dunkle Kekse

Backzeit: knappe 5 Minuten bei 180 °C Umluft.

Werden am Montag unter die Leute gemischt. Na, wenn das kein Grund ist... Hin da!



Samstag, 10. Oktober 2015

Mission uncompleted - Küchenexperimente.

In "unserer" lokalen Vegan-Facebook-Gruppe kam neulich die Frage nach einer pflanzlichen Version der berühmten "Dresdner (oder Sächsischen) Eierschecke" auf.
Google findet nichts.
Liegt vielleicht daran, dass Eierschecke etwas vollkommen regionales, etwas urtypisch sächsisches ist. Das Originalrezept wird penibel von allen alt eingesessenen Familien gehütet. Kein Rezept aus den Weiten des Internets war je besser als das von Oma. Ist so.

Und das jetzt einfach mal in pflanzlich? Die EIER-Schecke, ohne Ei? Dass Käsekuchen, sozusagen der kleine Bruder der Eierschecke, sehr wohl in vegan geht und dabei auch noch Alles-Essenden "richtig gut" (Danke, S.!) schmeckt, hab ich hiermit schon mal bewiesen. Dachte mir, ich könnte einen Versuch wagen. Mit Rezept von Oma und ein bisschen (bitte betonen) Wissen um pflanzliche Ersatz-Produkte. Kind in den Kindergarten, Ärmel hoch, Arbeitsplatte.


Omas Original-Teig ist komplett vegan. Na bitte. You will need:

  • 150 g Mehl
  • 50 g Magarine
  • 35 g Zucker (wer macht denn solche komischen Mengenangaben?)
  •  1/2 Pck. Backpulver
  • 1 Prise Salz
  • etwas (Pflanzen)Milch - entschuldigt, hier war es, das Tierprodukt. 
Die Zutaten ergeben einen Knet-Teig, der in eine 26er-Springform gedrückt wird. Schön gleichmäßig, schön flach, bla bla. Zur Seite stellen.

Kümmern wir uns um den Quark. Ich bediene mich des Käsekuchen-Rezepts und habe am Vortag schon 2 Becher á 500 g Vanille-Sojajoghurt zum Abtropfen im Kühlschrank präpariert.
Damit ergibt sich folgende Zutatenliste:
  • "Quark" aus 1000 g Vanille-Sojajoghurt
  • 150 g Zucker
  • 2 EL Sojamehl, mit Wasser zu einer Pampe verarbeitet (ersetzt Eier)
  • 2 EL Grieß
  • 50 g zerlassene Margarine
  • Schale einer abgeriebenen Zitrone (Uuuuuuunbedingt! Herzstück der Eierschecke, damit steht und fällt alles!)
As simple as possible: Alles zusammenrühren. Drauf auf den Boden.
Bis jetzt war da irgendwie noch keine ernst zu nehmende Hürde. Gut, die Eier im Quark. Aber Sojamehl hat sich anderweitig schon vortrefflich bewährt, die Konsistenz überzeugt völlig... wird schon so in Ordnung sein.
Ich bin guter Dinge, schalte den Ofen zum Vorheizen auf 180 Grad und beuge mich über mein Rezeptbuch.
Schecke.
Äh, ja. 
Zuerst lese ich etwas von Eiweiß schlagen. Noch kein Problem, Kichererbsen im Glas stehen bereit. Veganer Eischnee nennt sich Aquafaba und besteht zum größten Teil aus Kichererbsen-Abtropf-Wasser. Klingt ekelhaft, ist es aber nicht.
Dann kommt: "Eigelb unterrühren". Na schön. Ich bin kein Fan von Ei-Ersatz-Pülverchen. Überhaupt gar nicht. Es behält diese Fertigprodukte-Instant-Brandmarkung in meinem Kopf, der es einfach nicht als Lebensmittel und essbar akzeptieren will. Nur Chemie!, brüllt das Hirn und versucht, die 6 €-aus-Neugierde-gekauft-Dose im Schrank zu ignorieren. Zerbreche mir den Kopf über das Eigelb. Recherchiere und finde heraus, dass die Schecke das Eigelb nicht der Stabilität oder Bindung wegen, sondern zum emulgieren braucht. Ach was.
Greife dann doch zerknirscht zur Dose. Rühre nach Packungsanleitung 1,5 Eier an.

Zur Übersicht, die Schecke:
  • 500 ml Pflanzenmilch und 1 Pck. Vanillepudding-Pulver (daraus einen Pudding kochen)
  • 100 g Zucker (um Gottes Willen! Weniger! Weniger!)
  • 100 g Margarine
  • angerührte 1,5 Eier aus Eiersatz
  • Aquafaba aus 1,5 Gläsern Kichererbsen
Den Pudding auskühlen lassen, die Margarine aber zeitlich so günstig einrühren, dass sie noch schmilzt. Auch das "Eigelb" und den Zucker unterrühren. Wirklich auskühlen lassen! Aquafaba herstellen und darunter heben.
Die Masse dann auf die Quarkschicht geben. Ofen.

Unter Omas Rezept steht: Mittelhitze, 60 Minuten, zwischendurch abdecken.
Ich schiele auf die Uhr. Habe für die Zubereitung eine gute Stunde gebraucht. Mit Denkpause.
Während ich den Abwasch erledige, klopfe ich mir innerlich auf die Schultern. Bin sehr überzeugt davon, ein großartiges Ergebnis aus dem Ofen zu zaubern. 


Als die Eieruhr nach 45 Minuten klingelt, hat sich, bis auf ein paar dunkle Oberflächen-Flecken, nichts getan. Ich decke vorschriftsmäßig mit Backpapier ab und stelle weitere 15 Minuten.
Klingeling: ungleichmäßig gebräunt, flüssige Mitte.
Ebenso nach 75 Minuten.
Ich beginne, mich von meinem Triumphgeheul zu verabschieden.
Nach 90 Minuten macht alles einen festeren Eindruck. Die Oberfläche ist fleckig weiß bis dunkelbraun. Drehe den Kuchen und verbringe die nächsten 20 Minuten vor dem Ofen in Beobachterstellung.
Nach 2 Stunden und 4 Minuten schalte ich ihn aus. Reicht ja jetzt mal. Bin sauer.
Die Obere Schicht wabbelt bedenklich. Optisch erinnert mich wenig an die Eierschecke von Oma. Mhpf. Dickflüssiger Pudding schaut durch einen Riss nach draußen. In meinem Kopf rotieren die Fragen: Warum...? Was habe ich falsch...? Fehlt etwas? Liegt das an dem Eigelb...? Wir das noch besser? Soll ich vielleicht doch nochmal in den Ofen...?

Beschließe, die Springform zum abkühlen ins Treppenhaus zu stellen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Vergesse sie da, bis das Kind aus dem Kindergarten geholt werden will. Stelle sie auf dem Rückweg in den Kühlschrank. Dort bleibt sie, bis am Abend meine Neugier mich fast zum platzen bringt.


Es ist auf keinen Fall empfehlenswert, die Eierschecke komplett auf eine Kuchenplatte umzusetzen. Gar nicht erst versuchen. Schnittfest war schon mal fester. Überhaupt... das Ergebnis enttäuscht mich optisch und Konsistenz-technisch auf ganzer Linie. Gut, die Oberfläche kann man mit ein wenig Fantasie noch ganz gut in die richtige Richtung verorten. Die Aufschnitt-Ansicht dann schon nicht mehr. Wabbelmasse meets flockigen Brei. Widerstehe dem Reflex, mit der Faust mitten in diesen Unfall zu schlagen. Das. kann. doch. wohl. nicht. wahr. sein. Nö!


Geschmackstest.
Nehme alles zurück! Optik wird überbewertet, auf die inneren Werte kommt es an! Diese pflanzliche Eierschecke steht dem Original in nichts - nichts! - nach, was den Geschmack betrifft. Fast schon würde ich behaupten, es gibt keinen Unterschied. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur entwöhnt. Jedenfalls... ist es großartig. Gigantisch! Köstlich!
Einziger Minuspunkt: zu viel süß. Aber da is(s)t ja jeder ein bisschen anders.

Meine Eltern werden omnivores Versuchsobjekt. Ich verschweige die wahren Zutaten und gebe mich maßlos enttäuscht: "Ich weiß nicht, warum die so geworden ist. Vielleicht war eine Zutat nicht mehr richtig gut?" - "Hast du Omas Rezept genommen?" (Mutti) - "Ja doch! Und ich hab alles genauso gemacht, wie es da steht. So wie immer! Ich weiß einfach nicht, warum..."
Papa, mit vollem Mund: "Reg dich mal ab. Schmeckt doch wie immer!".
Stilles inneres Schulterklopfen. Yeeeeeeeeeeeah.

Fazit und Fehlerbetrachtung:

  • weniger Zucker beim nächsten Mal!
  • oder: statt des Vanille-Sojajoghurts vielleicht die Natur-Variante nehmen, da der Joghurt schon vorgesüßt ist
  • habe für den Pudding Soja-Reis-Drink verwendet. Ab und an passiert es, dass ein Pudding damit nicht fest wird. Nehme idR immer Hafermilch, da gelingt es immer. War aber in dem Moment leider nicht mehr vorrätig. Könnte eine mögliche Erklärung für die Wabbeligkeit sein.
  • Andere Möglichkeit: habe den Pudding nicht gänzlich abkühlen lassen, sondern dickflüssig und sehr warm verarbeitet. Ungünstig.
  • Statt der 1,5 Gläser Kichererbsen habe ich das Wasser aus zwei ganzen verwendet. Getreu dem Motto "Was weg ist, brummt nicht mehr". Mh.
  • Vielleicht könnte man den Pulver-Eiersatz weglassen? Ob mit Eigelb oder ohne - geschmacklich gibt es ja, wie erwähnt, wohl eh keinen Unterschied. Und die Konsistenz gerettet hat es auch nicht. Also.
  • Es würde sicher Sinn machen, den Quark vorzubacken, um schon eine gewisse Stabilität zu erhalten. Hinterher lese ich, Aquafaba solle man auch bei Baiser-Torten nicht über 100 Grad erhitzen. Na schön. Also: Erst Quark backen, dann kurz und nicht zu heiß die "Schecke". Oder so.
  • Später oder gar nicht abdecken. Also mal ehrlich: So blass ist doch keine Eierschecke!
  • Trotzdem geschmacklich super gelungen, bin grandios begeistert und habe den halben Kuchen allein beim lesen verdrückt. Nachher war mir sterbens-elend. Aber das ist es verdammt nochmal wert gewesen.
Verbesserungen werde ich natürlich updaten, sollte ich in nächster Zeit nochmal einen neuen Versuch starten.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Anspruch und Wirklichkeit - Cooking Action und Spießbürger-Bekämpfung.

Das erste Review ist hier nachzulesen.


Anspruch und Wirklichkeit verhalten sich oftmals ähnlich wie vegan und Eierschecke.
Mein Anspruch ist, dem Kind ein alternatives Weltbild zu vermitteln. Weltoffen und nachhaltig. Tolerant und vielseitig. Abwechslungsreich und turbulent, trotzdem stabil und mit Bodenhaftung. Wer möchte das nicht für sein Kind?
Ich fahre wieder zur Cooking Action und möchte so viel. Menschen treffen. Jung sein. Gespräche haben. Mama sein. Marek andere Blickwinkel eröffnen (so wie man einem Zweijährigen eben andere Blickwinkel eröffnen kann). Kontakte knüpfen. Dem Kind ein Abenteuer bieten. Es mit... Fremdheit? Andersartigkeit? Gibt es dazu überhaupt einen positiv konnotierten Begriff, der ausdrückt, wie ich das meine? ...konfrontieren.

Der Ort nennt sich diesmal "Willi 42" und ist eine Hausprojekt-Baustelle. Ich möchte an dieser Stelle nicht ausufernd vom Eigentlichen abschweifen, darum gibt es hier viele weitere Informationen zum Projekt und den Menschen, die dort leben (werden).
Schräg gegenüber befindet sich das Jugendzentrum der letzten Aktion. Bass pumpt herüber. Mein Kind zieht an meinem Ärmel: "Ich möchte Musik hingehen!", tatsächlich spricht der Zweijährige auf einmal in fast ganzen Sätzen. Gehen wir also. Mit kochen können wir eh nicht.


Oldschool-HipHop-Meeting. Der DJ am Pult fasziniert Marek. Jeder Versuch, ihn zum Gehen zu bewegen (sind ja der Refugees wegen da), endet in lautem Protest. Eine Gruppe von Männern battled sich im Breakdance. Mein Kind ist verliebt, beobachtet fasziniert, tanzt ein bisschen. "Ich auch mit machen!"

Vor dem Tor bearbeiten zwei Männer Wände mit Spraydosen. Einen kurzen Moment lang frage ich mich, ob es so vorteilhaft ist, Marek daran aktiv teilhaben zu lassen. Ich frage mich, was wohl meine Eltern dazu sagen würden. Ich frage mich, ob, und wenn ja, welchen Lerneffekt das ganze auf mein Kind haben wird.
Verwerfe das dann.
Anspruch und Wirklichkeit.
Strahlende Kinderaugen.



Am Ende dann doch Willi 42. Es wird Open Air gekocht. Alles ist Open Air. Nach und nach trudeln immer mehr Menschen ein. Ausgenommen der Kinder und Geflüchteten drücken Sarah (eine Freundin) und ich merklich den Altersschnitt. Neben mir klettert ein Kind zum schlecht werden weit oben in einem Baum herum. Die Äste schwanken bedenklich. Niemand kümmert sich darum. Ich unterdrücke den Reflex, diesen fremden Jungen zum Abstieg zu bewegen und gebe nur den Tipp: "Pass mal bitte auf: Weiter vorn sind die Äste nicht mehr so stabil, um dich tragen zu können". Keine Antwort. "Alles okay bei dir?", fragt da plötzlich meine Bierbank-Sitznachbarin nach oben. "Jaja", der Junge setzt seinen Weg in den Baumwipfel fort. Die Frau widmet sich wieder ihrem Apfelsaft, nicht ohne mir vorher noch ein "Lass die Kinder wild sein!" ans Herz zu legen. Äh, ja. Danke.

Während mein wildes Kind mit einem Hund Stöckchen werfen spielt - weder Marek noch dem Hund wird für die nächsten 45 Minuten langweilig damit - versuche ich mich in einer Unterhaltung mit einem schwarzen Mann zu meiner rechten. Auch er schaut unruhig auf den Jungen in der Baumkrone. Wir lächeln uns an. "Dangerous!", meint er und deutet nach oben. Ich nicke zustimmend und verrenke mir nach Marek und Hund den Hals. Überlege, was ich wohl antworten könnte. "Your brother?", fragt der Mann und zeigt in Richtung des mit dem Hund verschwindenden Kindes. "My son!", sage ich und springe auf. Das Kind ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Aus den Augenwinkeln sehe ich die kugelrunden Augen des Mannes.
Zu einer Unterhaltung kommt es danach nicht mehr.
Anspruch und Wirklichkeit.


Marek räubert herum. Sarah und ich stehen zwischen den Eltern und Refugees und beobachten ihn dabei. Das Lagerfeuer wird angezündet, eine Hippie-Atmosphäre breitet sich aus. Wieder diese Solidarität, dieses nicht fremd sein zwischen lauter fremden Menschen. Marek trägt Pflastersteine hin und her. Im Gegensatz zu den vielen Stadtkindern ist ihm die Erde, der Matsch, das Spielen zwischen Blätterhaufen, Bäumen, altem Ziegeln und in einem halb verfallenen Schuppen sehr vertraut. Ein anderer Junge seines Alters steht neugierig am Rand. Eine Weile tragen sie dann gemeinsam Steine und Stöcke von einem Haufen zum anderen, dann wird meinem Kind langweillig. Es quengelt. "Magst du mit den Jungs da auf dem Sandberg spielen?", frage ich. Seufzen. Das Kind: "Nein, möchte nicht Sandberg."
Anspruch und Wirklichkeit.
Neben uns eine Gruppe Syrer. Unterhalten sich leise ihn ihrer Sprache oder beobachten die Kinder. Lächeln. Sprechen uns schließlich an, Sarah scheint ihnen von anderen Aktionen bekannt zu sein. Ich versuche ein paar Sätze auf Englisch, aber eine Unterhaltung will nicht so richtig in Gang kommen. "I don't speak English", meint einer der Männer.
Es gibt eine große Kiste voll Bananen für alle. Ich schäle für Marek und wir lernen, dass موز (mauz, gesprochen "mous") das arabische Wort dafür ist. Wir sprechen es nach, die Männer lachen.


Es dämmert. Einige Geflüchtete packen die Deutsch-Hefte weg, über denen sie mit Hilfe einiger deutscher Eltern gesessen hatten. Ein Biertisch wird mit Tellern und Salatschüsseln ausgestattet, kurz darauf gibt es Reis mit Linsensuppe. Ich versuche den Syrern neben uns verstehen zu geben, dass sie sich gern auch etwas zu essen holen können. Sie winken lächelnd ab und zeigen auf Marek. "Baby", sagt einer. Erst, als ich mit Marek auf dem Schoß essend auf einem Platz sitze, den mir ein schwarzer Mann anbietet, stellen sich die anderen in der Essensschlange an. Eigenartig warm ums Herz.

Das Kind ist müde und muss trotzdem noch mit Fingerfarbe matschen. Soll mich aber mit blauen Fingern nicht anfassen. Die umstehenden Eltern lächeln halb verständnislos, halb solidarisch. Diese Melange aus anti-autoritärer Freiheit, Solidarität und Toleranz verwirrt mich. Das Kind auch. Es lässt sich bereitwillig die Hände putzen.
Anspruch und Wirklichkeit.




Dienstag, 29. September 2015

Bunte Herbstfarben gegen das Nebelgrau!

Da die erste Kinderhose in der 86-92 nun echt langsam zu Hochwasser-Hosen mutiert, hat Mama sich nochmal an die Nähmaschine gesetzt. Diesmal also eine 98-104. Um den Bauch herum entspricht es einer 98, in der Länge habe ich einfach mal die 104 zugeschnitten und zusätzlich die Bein-Bündchen aus dem Schnittmuster um fast das doppelte verlängert.
Was soll ich sagen? Sitzt super, das Kind findet es ultra bequem und möchte sein neues Kleidungsstück gar nicht mehr ausziehen. Durch die langen Bündchen wird uns dieses Teil auch noch bis in den nächsten Sommer Freude bereiten - eine echte Mitwachs-Hose!
Und mit den wunderbar herbstlich-knallig-fröhlichen Farben leisten wir unseren Beitrag gegen die Jahresend-Vergrauung und das kommende dunkle Ekel-Wetter.

Bühne frei für den Nachwuchs-Hippie:







Schnittmuster: Näähglück-Kinderhose in 98/104
Stoff Hose: Jersey "Tukan"
Stoff der Bündchen: Jersey "Rings"