Donnerstag, 19. Oktober 2017

Grounded and so humbled and so one with everything.


Es rauschen die Tage, so herbstlich und warm (frei nach Schubert, Deutschlandradio Kultur im Auto schafft die Illusion eines wohlgeordneten, verantwortungsbewussten Erwachsenenlebens) und ich kann behaupten, dass ich gerade und endlich halbwegs begriffen habe, worauf es zumindest in meinem Leben ankommt und worauf nicht. Es kommt zum Beispiel darauf an, Freunde zu haben, bei denen frau* nachts verheult an der Tür klingeln kann und die mit einem dann die andere Hälfte Nacht Tee trinken, während frau* unwichtigen Weltschmerz nuschelnd auf die Couchdecke kippt. Oder die einem sagen "Augenringe stehen dir" aber auch "Weißt du was ich scheiße bei dir finde...?". Reicht schon zwei davon zu haben. Und es kommt drauf an, solche Freundschaften zu pflegen. Zurückgeben, was man bekommt. In Form von... (Hallo N., du wirst es verstehen) Verzicht, zum Beispiel.

Dagegen kommt es so gar nicht drauf an, irgendwo eine herausragende Position einzunehmen. In meiner ganzen Schulzeit war ich immer eine der Besten, manchmal die Beste... im Deutsch-Leistungkurs, in Geschichtsklausuren, im Schreiben. War herausragend in meiner Position als stillende Abiturientin, die mit ihrer Abschlussnote auch noch hätte Medizin studieren können. Mit jeder grad so bestandenen Uni-Klausur und der letzten durchgefallenen Prüfung, mit jedem Tag in Kollektiven und Gruppenstrukturen und der Geflüchtetenhilfe entferne ich mich nun mehr und mehr von... mh, nennen wir es Wettbewerb. Es kommt einfach nicht drauf an, ob Du mehr Instagram-Follower hast als ich und wie viele Menschen mehr Deinen Blog oder meinen Blog lesen. Und wenn unsere Nachbarn eben mehr Pilze gefunden haben als wir, dann können sie uns ruhig etwas abgeben. Echt mal. Solidarität mit Steinpilzen. Sharing is caring.


Was ich gelernt habe: Pilze findet man schneller gemeinsam. Teamplaying is the new personal career. Ich bin nicht besser als Du und als Du. Solidarität ist Liebe.

Und diese staubigen Nicht mehr-Weisheiten muss ich jetzt mitten in der Nacht hier für mich nochmal aufschreiben. Finde, man kann gar nicht oft genug davon lesen und danach wieder in sein eigenes Leben zurückgucken und denken Hey stimmt, wie nice. Damit der Post wenigstens einen verschwindend geringen Mehrwert hat, kann ich ja noch eben von meinem seltsam hellen Erweckungsmoment erzählen, in dem plötzlich alles sinnhaft zu leuchten angefangen und der die lange, dunkle Strecke tiefer Augenringe und allgemeinen Pessimismus würdig abgelöst hat.


Diese Freundschaft-Wettbewerbs-Einsicht traf mich nämlich am letzten Sonntagmorgen im großen Techno-Club, in den ich dann nur gegangen bin, weil mir Menschen auf der WG-Party (Stichwort Solidarität) verraten haben, wo genau man im Außengelände über den Zaun klettern muss um den um 7 Uhr immer noch horrend teuren Eintritt zu sparen und weil mir dann jemand (Stichwort Freunde) dabei geholfen hat die Stelle zu finden und den Schwierigkeitsgrad zu testen (Stichwort "nicht überall die Beste sein"), während ich (Stichwort Freunde) Schmiere gestanden habe. 
Bin nämlich pleite, so richtig, weil sämtliche Ämter nach 5 langen Wochen Antragsbearbeitung natürlich erstmal noch ein Schreiben schicken müssen, was noch alles an Unterlagen für die Bewilligung von diesenundjenen Leistungen gebraucht wird. 
Äh, jedenfalls. 

Bin ich zu unsportlich für hohe Zäune, aber jemand hat den Eintritt für mich mit bezahlt (Stichwort Solidarität) und dann rave ich auf dem Outdoorfloor herum, direkt hinter Menschen aus meinem Abiturjahrgang. Damals haben wir nie ein Wort miteinander gewechselt. Für sie war ich abgehoben, elitär und uncool strebsam, mir waren sie zu blöde, weil sie Kafka nicht kapieren konnten. Jetzt teilen wir uns auf der Tanzfläche eine Tüte Bonbons und können alle nicht (mehr) tanzen (Stichwort Wettbewerb). 

Später liege ich neben dem Zaunmenschen (Stichwort Freunde) auf einer Europalette in der Sonne und kann durch die gelben Gläser einer geliehenen Sonnenbrille (Stichwort Solidarität) in einen Himmel gucken, unter denen bunte müde Menschen tanzen, hinterm Zaun den Hund ausführen oder Sonntagsfrühstücken oder Krankenwagen fahren... 

And I do this to remind me that I'm really, really tiny
In the grand scheme of things and sometimes this terrifies me
But it's only really scary cause it makes me feel serene 
In a way I never thought I'd be because I've never been
So grounded, and so humbled, and so one with everything
I am grounded, I am humbled, I am one with everything.

Und ich dachte: Hey stimmt, wie nice.



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