Montag, 27. November 2017

Anspruch "Biovegangenderlesssüßkramfrei-Adventskalender" vs. Wirklichkeit

Ey Dezember, ich seh dich schon. Ich weiß. Und dieses Jahr kann ich deine Ankunft fast ohne Emotions-Extremismus hinnehmen. Habe gelernt: Alles hat seine Zeit. Habe gelernt: Es ist gut so, wie es ist. Habe gelernt: Nur weil der Herbst eine Auszeit nimmt und dann das Bedürfnis hat, mit Menschen auf der Südhalbkugel Zeit zu verbringen, hat er mich nicht weniger gern. Und wird zurückkommen. Nach vagen Berechnungen noch so... mindestens 63 mal. Okay, Herbst. Keep going. War sehr schön mit dir.

Jetzt also Dezember aka (Vor)Weihnachtszeit. Sie hat mir Spekulatius mitgebracht, geholfen die dicken Wollpullis an den Gaderobenhaken zu hängen und Kinderpunsch in die Vorratskammer gestellt. Seit Tagen, pardon: Wochen! erübrigen sich endlich wieder einige Disziplinarmaßnahmen, "Pass auf du, der Weihnachtsmann sieht das ganz genau!" und "Die Wichtel schreiben sich das auf, ich würde jetzt besser nicht... falls du einen Adventskalender..." sei Dank.

Noch 3,5 Tage bis zur ersten Nachtschicht am 30. November. Der Dezember aka die Vorweihnachtszeit und ich waren schon einkaufen. Wie jedes Jahr besteht ein meterhoher Anspruch an den Inhalt der 24 Säckchen, die dem blauen Farbkonzept unserer Küche zuwider knallrot und in Euro-Laden-Ästhetik trotzdem paradox Weihnachtsstimmung verbreiten werden. Hat das was mit Psychologie zu tun?
Jedenfalls, der Anspruch. Der Adventskalender meines Kindes soll


  • kaum Lebensmittel, sondern sinnvollen Kleinkram enthalten, der hinterher nicht rumliegt, sondern mit dem kind was anfangen kann und sich ehrlich drüber freut
  • falls Lebensmittel sich nicht vermeiden lassen, ausschließlich bio-vegan-Produkte enthalten, nach Möglichkeit keinen Süßkram
  • sowohl für Mädchen als auch für Jungen geeignet sein und Geschlechterstereotypen nicht (re)produzieren und manifestieren
  • keine Gewalt-Verherrlichungen, Rassismus und solchen lästigen Kram beinhalten (zum Beispiel durch komische Pixiebücher, Polizeifetischismus oder eine Wasserpistole)
  • möglichst auf Plastik verzichten und keinen unnötigen Müll produzieren
  • seine Interessen aufgreifen und fördern. Habe irgendwo sinngemäß gelesen: "Respektiere die Leidenschaften Deines Kindes und fördere sie. Es ist toll, wenn Kinder sich für etwas begeistern können. Daran lernen und wachsen sie."
  • abwechslungsreich und vielseitig sein
  • mein Budget mit nicht mehr als 15 € belasten.

Damit im Hinterkopf zweieinhalb Vormittage und Uni-Seminare investiert. Im tollen Spielwarenladen meines Lieblingsviertels, im Internet, im Buchladen. Dezember an meiner Seite. Und das hier werde ich am 30. November auf 24 Säckchen verteilen:



1 - die Kuschelsocken. Langer, sehnlicher, heimlicher Wunsch. Das Kind liebt alles, was weich und flauschig ist. Hochfloorteppiche, Omas Badewannenvorleger, den schrecklich hässlichen Polyesterflausch-Puff im Wohnzimmer, über den ich im Halbdunkel immer stolpern muss und mich danach erschrocken entschuldige, weil ich ihn wieder für eine Katze gehalten habe. Wir haben gar keine Katze. Verdammt! Dieser Synthetikflausch ist an fairen Socken nicht vorhanden - würde auch mein Budget sprengen. Die Alternative ist gebrauchte Ware (Socken, echt?) oder your local Dealer. Das Sockenfachgeschäft hat zwei Sets im Angebot: babyblau und babyrosa. Greife reflexartig zu blau, denke mir dann aber, dass diese Farbe ja sehr mit dem biologischen Geschlecht verknüpft ist und denke Nö, Jungssocken müssen doch nicht immer blau sein. Greife zu babyrosa und denke Verdammt, dann wird er nur wieder ausgelacht im Kindergarten. Verlasse das Geschäft. Hello Internet my old friend.

2 - das Teleskop! Ha! Gefunden im Spielzeugladen. Genderneutral, Interesse aufgreifend, sinnvoll, weiterverwendbar, Naturwissenschaft fördernd, unvermeidbarer Einsatz von Plastik, dafür kein Müll. Volle Planerfüllung. 

3 - die Pixibücher. Gefunden im Buchladen. Das Kind ist Yakari-Fan und damit kann ich leben. Yakari ist... in meinen Augen ein nahezu genderloser Held. Lange Haare, uneindeutige Kleidung, vielseitig interessiert. Animal Equality in der Sprache der Tiere. Um Nachhaltigkeit bemüht. Jagd-kritisch. Seine beste Freundin heißt Regenbogen, der beste Kumpel Kleiner Dachs wird oft für sein Mackertum kritisiert. Das indigene Dorf lebt eine naturnahe Selbstversorger-Utopie, in der jede*r gemocht wird. Außer die Macker. Die Illustrationen sind auch nicht ganz schrecklich. Nur dieser Männlichkeitskram mit Jägern, Mut-Federn verdienen bis zur Adoleszenz und patriarchaler Stammeshierarchie gibt Anspruchs-Punktabzug. Irgendwas ist ja immer.
Dafür ist "Das Auto ist weg!" eine liebenswerte Lebenswirklichkeit-Geschichte von Mama und Sohn. Nur die zwei. Emil spielt gern mit roten Autos, Mama ist vergesslich und trägt Latzhose zu ungekämmten (?) Haaren. Das Buch greift unsere geteilte heimliche Angst auf, dass auch unser Auto mal abgeschleppt werden könnte. Kaum laut ausgesprochen, aber in der Stadt spürbar präsent seit dem Abschleppvorfall eines Bekannten. Kind und ich, abgebildet in Kinderliteratur to go: "Aber Mama drängelt: 'Unsere Parkzeit läuft ab!'". Und am Ende Schokopudding auf der Couch. Wir können uns mit den Protagonist*innen identifizieren.

4 - Feuerwehr. Feuerwehr-Beschäftigungsblock, Feuerwehr zum Ausmalen, Feuerwehrpflaster. Alles gefunden im Spielzeugladen. "Respektiere die Leidenschaften Deines Kindes und fördere sie..."

5 - Die Tattoos. Verdammt. Wühle in diesem Körbchen herum und versuche zunächst nur das auszuwählen, was dem Kind ganz sicher ganz sehr gefallen würde. Feuerwehr. Bagger. Polizei. Versuche dann wegzulegen, was sich mit meinen Ansprüchen beißt. Polizei. Versuche dann wegzulegen, was Genderstereotypen reproduziert. Bagger. Feuerwehr. Hupsi. Ach, was solls.

6 - Zauberblock "Katzen". Genderneutralplastikfrei. Es erscheint eine Katze, wenn man die Seiten mit Bleistift schraffiert. Zauberei! Vielleicht lässt sich die Sinnhaftigkeit kritisch diskutieren, für mich erfüllt es jedoch den Anspruch.

7 - Kommen wir zu... den Lebensmitteln. Päx ist Trockenobst, das trifft meine Vorstellung noch ganz gut, nur Bio ist es nicht. Und in so kleinen Plastiktütchen... Geschenkt. Aber der Lutscher. Seit dem Sommer ständig thematisierter Wunsch. Das Kind möchte "auch mal einen Lutscher Mamiiihii bitttääää". Okay. Nimm2 ist dann immerhin auch vegan und aus einer Unterrichtsplanung sowieso übrig. Mehr war aus Budget-Gründen nicht drin. Ich gestehe mein Scheitern in diesem Punkt ein.

8 - Wo wir gerade bei Scheitern sind. Knicklichter. Weder Bio, noch umweltbewusst, noch plastikfrei, schnell produzierter Müll, der vorher noch eine Weile sinnlos in der Wohnung liegt, ob das vegan ist weiß ich nicht. Nichtmal billig sind sie. Shame. Was hingegen zutrifft: Genderneutralität und echte Freude des Kindes. Najaaaa.

9 - Faschingströte, in blau mit Disneymotiv. Auf einer Faschingsparty gelost. Plastikmüll, der im Kind wahre Freude auslöst. Physikalischer Anfangsunterricht durch den Luftstrom, der das Papier aufrollt. Und kostenlos. Also. 


FAZIT:
Sind wir ehrlich, der Anspruch war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Es gibt Punkte, die sich einfach gegenseitig widersprechen und ausschließen. Es liegt also gar nicht an mir oder höherer Gewalt (festgelegte Budgetgrenze) sondern am System als solches. Ein strukturelles Problem, welches die Planerfüllung verhindert. 
Also alles wie immer: das System hat Schuld. Und ich wesentlich mehr als 15 € weniger.

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