Samstag, 23. Juni 2018

Heilige Dienstage und was schwimmen und Technoparties gemeinsam haben


Heilige Dienstag-Abende. Kindfrei, nur ich und mein Studileben und die einzige, halbherzige Verpflichtung das Literaturseminar um 16 Uhr. Subkultur-Dienstage, politische Filme, Küfas, Bier mitten unter der Woche und das 19 Uhr-Plenum. Mir selbst genug sein auf fremden Sofas und fast nie in meinem eigenen Bett. Dienstage sind nicht zum heimfahren da, Mittwochs ist der Weg zur Uni nämlich viel kürzer. Auf Dienstage kann ich Yoga-Stunden und Vorträge legen und ab und zu mal ein Theaterstück, so Mitbewohner-frei, Dienstag ist Oma-Opa-Tag in Hinterkaffhausen.
Aber irgendwann ist kein 19 Uhr-Plenum mehr und die heiligen Dienstage werden sowieso seltener. Dass ich offiziell nicht mehr ins Literaturseminar komme schreibe ich dem Professor in eine zweizeilige E-Mail. Weniger Oma-Opa-Tage. Meine Dienstags-Regelmäßigkeiten verschwinden nach und nach zu spontanen Hangouts und die Subkultur macht mir plötzlich Unwohlsein, ohne dass ich mit wenigen Worten erklären könnte woher es kommt. Meistens fahre ich jetzt doch heim an Dienstagen, auch wenn kein Mitbewohner auf mich wartet und auch wenn ich auf irgendeiner Couch oder in irgendeinem Bett schon schlafen könnte und auch wenn der Weg zur Uni am Mittwochmorgen dann mindestens doppelt so viele Kilometer lang ist.

Die Gestaltung meiner verbleibenden wenigen kindfreien Dienstage obliegt dem Zufall. In letzter Zeit bin ich krank. Nicht immer körperlich. Manchmal lehne ich den ganzen Tag im Feinripp-Unterhemd an der Balkonbrüstung, rauche und beobachte den Verkehr unten auf der Straße. Nur ohne Feinripp und rauchen und einen Balkon hat unsere Wohnung auch nicht. Dorfstraßenverkehr ist ein Oxymoron - 0,75 Autos pro Stunde im Tagesdurchschnitt und die immergleiche Katze. Manchmal treffe ich mich aber auch auf einen Kaffee mit Lieblingsmenschen im Lieblingscafé im Lieblingsviertel und als wir als Spaziergänger von einem Balkon aus beobachtet werden, sagst du, dass du gern so ein Feinripp-Leben hättest, rauchend zwischen Geranien. Und dass das Leben weitergeht und der Tod weniger schlimm ist, wenn man weiß, dass er kommt. Das sagst du oft und glaubst dir dabei selbst nicht, das weiß ich. Wir reden nicht darüber was uns bedrückt, obwohl wir genau deswegen Latte Macchiato mit Hafermilch trinken, sondern so daher über steigende Mieten und Balkonpflanzen.Wahrscheinlich haben wir Angst, uns gegenseitig zu viel emotionalen Ballast auf die Schultern zu laden, wahrscheinlich sind unsere Köpfe viel zu wenig aufnahmefähig füreinander.


Ich müsste so dringend über all die Sachen - Leben und Tod und Mietpreise und Zukunftsangst - nachtanzen. Raustanzen aus dem Kopf, hätte so gern mehr Platz für deine Sorgen. Aber alles geht an kindfreien Dienstagen, außer regelmäßige 130 bpm aus starken Soundanlagen, die meinen Herzrhythmus durcheinander und meinen Kopf in Ordnung bringen.
Darum gehe ich spontan schwimmen. In der Sportschwimmhalle. Abends. Mit Chlorallergie. Ich weiß, ich hatte schonmal bessere Ideen. Und was mich darauf bringt, weiß ich nicht mehr. Vielleicht der Eindruck, zu Hause in Melancholie zu ertrinken. Vielleicht das Gefühl, mich selbst herausfordern zu müssen. In unbekannte Gewässer springen. Haha.

Es kostet vier Euro und einen neuen Badeanzug, den ich ohnehin kaufen wollte, weil mir der alte Hippie-Bikini zu unpassend erscheint für eine "Sportschwimmhalle" am Abend. Und außerdem Überwindung. Es ist nicht nur die Chlorallergie. Auch das Bild, das ich von meinem Körper habe, ist mein Schwimmbad-Problem. Mittlerweile kann ich tagsüber, im Hellen und/oder mit Licht Sex haben und halb nackt an tschechischen Seen liegen, aber davon, mich wohlwollend im Spiegel zu betrachten und normal, sogar schön zu finden, was ich da sehe... davon bin ich so entfernt wie von einem überdurchschnittlichen Staatsexamen. Ich ertrage meine Hülle selten und schwer. Je mehr Stoff, desto besser. Sportschwimmhalle klingt nach Minderwertigkeitskomplexen. Mein Element war immer Erde, noch nie Wasser.
Und trotzdem.
"Du musst Deine Angst überwinden, sagte der gute Onkel Heinrich. Sei einfach nicht mehr ängstlich. Das war leicht gesagt." - Der kleine Angsthase, Elizabeth Shaw

alle Fotos: pixabay, lizenzfrei

Schwimmen ist wie tanzen. Da sind die (Schall)wellen, du denkst gar nicht drüber nach sondern fängst einfach an. Es geht ganz automatisch. Die ersten Takte sind vielleicht noch fremd und es fühlt sich anders an, aber nach sieben Mal ein- und ausatmen im Rhythmus bist du drin. Spätestens.

Was schwimmen und Technoparties noch gemeinsam haben:

- Einordnen. Vom Beckenrand über die Leiter in die Bahn. Und von dort konform dem Takt folgen. Die Arme des Schwimmers in der Bahn daneben klatschen in regelmäßigen Kraulzügen den Beat.
- Treiben lassen. Deine Arme und Beine übernehmen die Kontrolle. Du brauchst den Kopf nicht. Der kann sich mit anderen Dingen beschäftigen, ohne Gefahr zu laufen in zu tiefer Grübelei unterzugehen.
- nasse Haare und verlaufene Mascara
- feuchter Boden
- viele junge Menschen. Vor allem nach 21 Uhr. Das Becken ist beinahe überfüllt.
- Das Rauschen in den Ohren danach. Alles klingt dumpf, wie durch Watte. Menschen am Rand brüllen sich an.
- auch danach: rote Augen. Wovon auch immer.
- nach 70 Minuten ohne Pause schwere Beine und Arme. Das Gefühl, immer kurz davor, aber nie total erschöpft zu sein und das Verlassen des Beckens herauszögern, bis es fast zu knapp ist, noch pünktlich aus dem Drehkreuz zu kommen.

Und was nicht:

Bahn 1 ist ein bisschen so wie Sonntags auf der Landstraße Auto fahren und vor mir ein Rentnerwagen, Tempo 50 außerorts. Ich möchte gern überholen. Aber kann nicht. Auf der Gegenfahrbahn ist ständig Verkehr. Das frustriert mich unverhätlnismäßig. Oder: Mit dem Clio auf der Autobahn. Ständig fahren schnelle Sportwagen zu dicht auf, können deine Füße berühren, überholen dann doch. Frustrationslevel ähnlich. Auf Technoparties tanzen alle so langsam wie sie wollen. Und meine Füße fasst da auch keine*r an.
Von Techno allein bekomme ich keinen Ausschlag. Aber. Ich kann hier mitgebrachtes Wasser trinken. Der Eintritt ist günstiger und auf den Toiletten gibt es Klopapier. Naja.

Die totale körperliche Erschöpfung setzt ein, als ich im Vorraum meinen Haargummi in nassen, filzigen Haaren suche. Mein Kopf ist leer, grenzdebil glücklich grinst mein Spiegelbild, aber leiden kann ich es immernoch nicht.
Heiliger Dienstag-Abend, öffentliches Schwimmen bis 22 Uhr, kindfrei, nur ich und meine juckenden, knallroten Beine. Auf der Heimfahrt ein Lieblingsset. Weiß auch nicht. Aber eigentlich ist alles okay so.

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