Samstag, 30. Juni 2018

"Jungs gegen Mädchen, Mädchen gegen..." - Zuckertütenfest-Sexismus und Stereotypisierung mit Bibi und Tina

Zuckertütenfest im Kindergarten ist für den Mitbewohner ungefähr so ein Vorfreude-Highlight wie für mich das Festival im Sommer und ein Portugal. The man- (oder Alice Phoebe Lou-) Konzert zusammen. Für mich heißt Zuckertütenfest eher: Gezwungene soziale Interaktion mit Menschen, die ich sonst eher meide, konstantes Unwohlsein, mein Versagen bei Smalltalk ("Ganz schön heiß heute, hätte ich nicht gedacht" - "Mh, jo." - "..."), Grillwurst und Fleischsalat mit Nudeln, drölfzig Becher knallsüße Waldmeisterbrause für das Kind. Schlechte Laune. Und die Zeit klebt an der Biertischgarnitur wie alter Kaugummi. Soweit zu Set und Setting.

Wie jedes Jahr führen die Schulanfänger*innen ein Programm auf um sich von ihren jüngeren Freund*innen und den Erzieherinnen zu verabschieden. Dieses Jahr wird getanzt. Die Jungen in räumlicher Trennung zu den Mädchen, mit gleichen Basecaps. Die Mädchen im Kleid, Aufstellung so Gegenüberstellung. Schon als die ersten Takte des Songs aus dem Ghettoblaster über die Wiese ballern, unterdrücke ich einen übernatürlich starken Fluchtreflex. Die Kinder bewegen ihre Lippen zum Text. Mittlerweile weiß ich: und kopieren die Tanzschritte aus dem Musikvideo:


Mir wird schlecht, dabei habe ich nur ein Stück bunt gefärbten, trockenen Papageienkuchen gegessen. Weiß nicht ob ich aufstehen, mein Kind von der Hüpfburg zerren und wortlos gehen soll (auch wenn das dem Kind gegenüber höchst unfair wäre). Oder aus Versehen die Waldmeisterbrause auf dem Ghettoblaster verschütten und mit dem Fuß gegen die Bierbank stoßen? 
Ich bin wütend. 
Und wie. 

Jungen gegen Mädchen - ist es das, was ihr euren Kindern mitgeben wollt?

In meinen Gedanken springe ich auf, krachend fällt die Bierbank hinter mir auf den Boden. Mit schnellen Schritten stehe ich neben dem brüllenden Lautsprecher und drehe ihn lautlos. Das Programm stockt, alle starren mich an. Ich starre zurück, meine Hände in Fäusten.
"Ist das euer Ernst?", rufe ich, so laut, dass es die kreischenden Kinder auf der Hüpfburg übertönt.
"Ist das euer verdammter Ernst? `Jungen gegen Mädchen, Mädchen gegen Jungs´? Ist es das, was ihr an Werten euren Kindern in die erste Klasse mitgeben wollt?"

Die ersten Smartphones werden gezückt und ihre Kameras auf mich gerichtet. Es ist mir egal. 

"Habt ihr mal hingehört? Wisst ihr, was eure Kinder aus diesem Lied mitnehmen? Es ist also ein Naturgesetz, dass Jungs Mädchen eklig finden müssen und Mädchen zwar gern über Jungs reden, aber leiden können sie sie trotzdem nicht? Und warum nicht, liegt ja scheinbar vollkommen logisch auf der Hand. Jungs sind eben stärker als die Mädchen, so ein Penis scheint naturgegebene Dominanz und breitbeiniges Gehabe auszulösen, so wie eure Kinder sich in ihrem Tanz bewegen. Aha, das ist also diese Männlichkeit, die ihnen noch vor Schuleintritt als ihre Identität eingeimpft wird. Nur niemals seine Coolness und die Basecap verlieren. Dagegen sind die Mädchen also das sanftmütige Geschlecht `ohne Action´, dafür mögen alle Pferde und gehen nur gemeinsam aufs Klo. Zur echten Weiblichkeit gehört Schminke ebenso dazu wie seichte Popmusik von Boygroups hören. Mit sowas gegensätzlichen kann man als Junge also gar nicht befreundet sein. So geht die Regel. Im Ernst jetzt? Und wenn einer von hier drüben", ich zeige auf einen der Schulanfänger, "zufällig auch gern One Direction hört und mit ihr hier", ich deute auf eine Schulanfängerin ihm gegenüber, "befreundet sein möchte, dann ist er ganz sicher schwul, der arme Junge, was?"

Meine Stimme überschlägt sich etwas. Ich muss kurz Luft holen. Es ist fast still, nur hinten auf der Hüpfburg toben lautstark ein paar Kinder.

...dass dieses scheiß Lied Mitschuld am Fortbestand des Patriarchats haben wird...

"Ich kann euch sagen, was eure Kinder noch aus diesem Lied mitnehmen. Wer als biologisches Mädchen keine Pferde mag, keine Boygroups, lieber allein pullern geht und sich nicht über die erste Lidschattenpalette zum Schuleingang freut, fühlt sich schnell falsch im eigenen Körper. Das Kind wird sich unglücklich fragen, was an ihm oder ihr nur nicht stimmt, ob es vielleicht krank ist? Kein richtiges Mädchen? Vielleicht wird es den eigenen Körper, das eigene Ich immer für falsch halten. Wird sich unter dem Druck des Normdiktats schminken und mit 13 schon die ersten Bein- und Schamhaare rasieren, wird anderen gesellschaftlichen, 'weiblichen' Schönheitsnormen nacheifern, wird vielleicht aufhören zu essen, weil die Frauen auf den Werbetafeln ausnahmslos dünn sind.

Ein Lied, dass fröhlich Jungs gegen Mädchen rappt, zieht misogyne", ich halte kurz inne und blicke in die Runde, weil ich nicht sicher bin, ob alle dieses Wort verstehen, "misogyne - das heißt frauenfeindliche - Arschlöcher heran. Männer, die Frauen nicht als gleichwertig ansehen, sich ihnen überlegen fühlen, sie wirschaftlich und rechtlich ausgrenzen wollen, die deren Arbeit nicht oder nur geringer anerkennen, die sagen 'Kinder kriegen und sich um sie kümmern ist einfach Aufgabe der Frauen, weil sie das schwache und sanftmütigere Geschlecht sind und das ist gar keine richtige Arbeit' oder die es okay finden, dass Frauen für die gleiche Arbeit in der gleichen Branche weniger Lohn bekommen, weil Frauen für bestimmte Sachen 'körperlich und geistig einfach nicht in der Lage sind'. Der Junge, der dieses Lied hört, wird es vielleicht irgendwann okay finden, Mädchen und Frauen nach ihrem Äußeren zu bewerten und in Schubladen zu stecken, Kategorie fette Kuh, Schlampe oder die glatte 10, schließlich sind sie ja das Geschlecht, das gepflegt und hübsch ist. Sein muss. Er wird es okay finden, Mädchen gegenüber seine körperliche Überlegenheit breitbeinig zur Schau zu stellen und sie einzuschüchtern oder sogar zu verletzen. Es züchtet Männer, die Frauen noch die Schuld an sexualisierter Gewalt, an Vergewaltigungen geben, nachdem sie sie selbst zu reinen sexuellen Objekten degradiert haben - zum Beispiel durch völlig wirklichkeitsferne Überidealisierung biologisch weiblicher Körpermerkmale wie 'Titten'."

Kurz überlege ich, ob ich sagen soll, dass dieses scheiß Lied Mitschuld am Fortbestand des Patriarchats haben wird, entscheide mich aber doch gegen zu viel politisches Vokabular.

"Und wenn ein Junge das alles nicht tut", fahre ich fort, " - breitbeinig rummackern, Mädchen erstmal scheiße finden und Ballerfilme abfeiern statt die Liebeskomödie - dann ist er also auch falsch. Stellt euch mal vor, er ist intelligent, sensibel und interessiert sich für Kunst, wie seine Banknachbarin in der dritten Klasse und die beiden sind dann sogar noch befreundet, völlig wider dem Naturgesetz. Was ist dann? Dann ist er ganz bestimmt schwul, kein richtiger Junge, dann wühlt man in seiner Biografie nach traumatischen Ereignissen herum, das muss doch pathologisch sein. Oder?

Bescheuerte Rollenklischees beschränken eure Kinder in ihren Möglichkeiten

Dabei ist eine biologische, geschlechtsspezifische Angeborenheit von Verhaltensweisen und Interessen völliger Blödsinn, das ist sogar wissenschaftlich belegt. Zum Beispiel zeigt eine Studie an der Arizona State University folgendes: Als man Jungen und Mädchen im Vorschulalter einige geschlechtsneutrale Spielsachen wie Glocken und Lupen gab, zeigten sie keine Vorlieben. Als man die Spielsachen zufällig auf zwei Kartons verteilte und sie mit „Jungen“ und „Mädchen“ beschriftete, spielten die Kinder lieber mit den Gegenständen, die angeblich für ihr eigenes Geschlecht gedacht waren. Es ist also rein anerzogen, reine Sozialisation! 

Verdammt nochmal, wir haben 2018! Wo lebt ihr? In der Steinzeit? Wann kapiert ihr endlich, dass solche bescheuerten Rollenklischees eure Kinder nur in ihren Möglichkeiten und in ihrer ganz persönlichen Entwicklungen einschränken? Was ist dieses Lied bitte für ein unsensibler Bullshit?

Es ist elementar wichtig, dass sich Jungen an 'Mädchensachen' herantrauen, Studien zeigen nämlich auch, dass es ihnen noch schwerer als Mädchen fällt, sich Rollenklischees zu widersetzen. Dabei tut alles allen gut: 'Typische Jungensachen' wie Bauklötze trainieren das räumliche Vorstellungsvermögen, mit Puppen übt man Kommunikation. Beides Fähigkeiten, die der Mensch im Leben braucht! Eure Kinder sind wundervolle Individuen, sie haben ein Recht auf eigene Interessen und darauf, ihr Leben so zu gestalten wie es ihnen gefällt. Wollt ihr denn nicht auch, dass sie ihren ganz persönlichen Weg finden, auf dem sie all ihre Talente und besonderen Fähigkeiten bestmöglich einsetzen und glücklich werden können? Ich dachte das ist es, was ihr ihnen zum Schuleintritt mitgeben wollt, so als liebende Eltern... 

Stattdessen beschwört ihr krude Feindbilder herauf und gebt ihnen einen Grundkurs in Geschlechterkunde des 19. Jahrhunderts. Es gibt nur diese zwei, dazwischen ist eine strikte Grenze und wie sich welche Seite zu verhalten hat folgt strengen Regeln, an die ihr euch für den Rest eures Lebens haltet, Kinder. 
Wie soll die bessere, friedlichere, gleichberechtigtere Welt von morgen aussehen, wenn heute Schulanfänger*innen mithopsen zu 'Mädchen können nicht tanzen, denn ihr habt doch keinen Groove / Ihr zerstört noch jede Party...'? Sagt mal, kriegt ihr's noch mit?"

Ich habe mich in Rage geredet. Ich bin sauer. Würde gern noch mehr sagen, aber habe kaum noch Luft. Mit letztem Stimmvolumen füge ich noch hinzu: "Achja! Und außerdem ist dieser Song noch gar nicht für diese Altersgruppe bestimmt. Mindestens zwei Drittel der Kinder weiß hier gar nicht, was das überhaupt genau bedeutet 'Wechsel mal dein Deo' und übernehmen das womöglich unverstanden als Beleidigung! An Medienkompetenz scheint es euch ja auch grundlegend zu mangeln..."

Applaus, plötzlich.
Ich schrecke hoch. Sitze immernoch auf der Bierbank, habe mich nicht vom Fleck bewegt. Meine Fäuste ruhen geballt auf meinem Schoß, vor Wut sind meine Wimpern etwas nass. Verstohlen schaue ich mich um. Das Programm ist soeben zu Ende gegangen. Eltern stehen hinter den Tischen, lachen und klatschen.
Ich klatsche nicht.

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